1800_Jean_Paul_052_245.txt

. Es wurde von beiden Freundinnen bestimmt, dass Albano sie nur bis Neapel, wo ihre Leute ihrer warteten, begleitendann sie in Rom einmal zufälligdann auf Isola bella zum letzten Male zufällig finden dürfte; eine sehr unfreundliche Unterwürfigkeit unter den Welt-Schein, auf welche aber Linda so stark als Julienne drang und zu welcher selber Albano, durch seine Geburt mehr zum Standes-Zwange abgehärtet als ein bürgerlicher Jüngling von gleicher Seele, leicht das schmerzliche Ja unter dem schweren Schleier aller Verhältnisse hergab. Julienne entschied über alle kleinern Massregeln; sie war auf der ganzen Reise die Geschäftsträgerin der Gräfin gewesen, die, wie sie sagte, nicht Kopf genug habe, um sich einen Hut darauf zu kaufen, so rasch, geldvergessen und träumend sei sie. Die Schwester war so munter und ganz hergestellt, sagte aber, alle Fünfunddreissig heisse Quellen der Insel hätten nicht halb so viel für ihre Genesung getan als ebenso viele Freudentränen, die sie zum Glück vergossen habe.

sonderbar erschien alles um sie am Reise-Morgen: ein helles warmes Gewölk' vertropfte silberndie Sonne schien zwischen zwei Bergen dareindie entzückten Eiländer sangen ein neues Volkslied unter der Regen-Ernte oder Tropfen-Leseindes ihre Freunde eilig von den Wellen aus ihrem Freuden-Kreise weggezogen wurden. Agata stand, um sich zu kühlen, mit einer Schlange in der Hand am Ufer, und Albano fühlte dabei einen Schmerz, den er sich nicht zu erklären wusste. Jetzt warf der Epomeo den Wolken-Himmel auseinander, und glänzende Wolken-Stücke zogen langsam ihnen voraus, nach dem Apennin, dem Norden zu, dem Wohnhimmel der Nebel, und schnell und leicht glitten die Schatten des himmels über die wimmelnden Wellenspitzen.

"Immer" (sagte Albano, nach der nach Westen zurückschwimmenden Insel blickend) "bestehe mit deinem Berg; nie reisse ein Unglück das schönste Blatt aus dem buch der Seligen!" – "Wie wird es mit uns allen sein," (sagte Linda) "wenn wir einmal wiederkommen und den schönen Boden wieder suchen?" – Da erblickten sie einen hochgewölbten Regenbogen, der halb auf der Insel und halb auf den Wellen stand, die ihn wie einen gewölbten bunten Wasserstrahl auf das Ufer auszuwerfen schienen "Wir werden" (sagte Julienne entzückt) "durch den Bogen des Friedens eingehen." Bei diesem Worte verschwand der Regen und der Farbenkranz; und allein die Sonne glänzte hinter ihnen.

Durch den Fackeltanz der Wellen lief die Fahrt. Die Fernen glänzten und dampften herrlich. "Warum ergreifen die Fernen so mächtig die Seele, obgleich aus denselben Farben wie die Nähe gemalt?" sagte Albano. "Das ist eben die Frage", sagte Dian. Gewaltig lag das Meer wie ein Ungeheuer an den Küsten über ihren ganzen Weg nach Rom hin ausgestreckt und hob die Schuppen von Wellen auf und nieder. Albano sagte: "Da ich auf dem Vesuv das Gebürg' ansah und das Meer: so dachte' ich daran, wie klein und falsch teilet der enge Mensch die zwei Kolossen der Erde in kleine benannte Glieder entzwei und tut, als reiche nicht dasselbe Meer um die ganze Erde."

Seine Freundinnen konnten, zu innig und trübe bewegt, nichts antworten, und vor den fremden Augen standen ihnen keine Worte, kaum Blicke frei. Als Albano wieder das Schlachtfeld der Zeit, die RuinenKüste, näher sah, die den Mann ewig fassen und hebendie alten Tempel und Termen, wie alte Schiffe auf dem land sterbendhier einen niedergedrückten Riesentempel, dort eine Stadtgasse unten auf dem Meersboden193die heiligen Gedächtnissäulen und Leuchttürme voriger Grösse leer und ausgelöscht neben der ewig jungen Schönheit der alten natur: so vergass er die Nachbarschaft seiner eignen Vergänglichkeit und sagte zu Linda, deren Auge er dahin gerichtet: "Vielleicht errat' ich, was Sie jetzt denken, dass die Ruinen der zwei grössten zeiten, der griechischen und römischen, uns nur an eine fremde Vergangenheit erinnern, indes andere Ruinen uns nur gleich der Musik an die eigne mahnen, das dachten Sie vielleicht." – "Wir denken hier gar nichts," (sagte Julienne) "es ist genug, wenn wir weinen, dass wir fort müssen." – "Wahrlich, die Prinzessin hat recht", sagte Linda und setzte wie unmutig über Albano und alles dazu: "Und was ist das Leben weiter als eine gläserne Himmelspforte? Sie zeigt uns das Schönste und jedes Glück, aber sie ist doch nicht offen."

Durch Zufälle fremder Umgebung waren sie gezwungen, sich mit kaltem Scheine zu verlassen und nach der Gewohnheit des neckenden Schicksals eine grosse Vergangenheit mit einer kleinen Gegenwart zu beschliessen.

Albano reisete, so schnell sein Sinn es vermochte, über die erhabne Welt um ihn her. Als er in Mola ankam, hört' er die seltsame Nachricht, dass man in Gaeta eine ganze lederne Kleidung mit einer Maske weit im Meere schwimmend gefunden, die des aufgefahrnen Mönchs seine gewesen sein müsse und bei welcher man nichts so unbegreiflich gefunden als die Leerheit ohne einen toten Leib. – In Mola verduftete endlich die schöne Ischias-Insel, die hohe Himmelsburg, und der steigende Pol bedeckte unter andern südlichen Sternbildern auch dieses warme, das mit Glückssonnen so lange über ihm geschimmert; und der letzte Stern des kurzen Frühlings ging hinab. Das ist das Leben, das ist das Glück. Wie der spielende Mond besteht es aus ersten und letzten Vierteln, und langsam