Maskenfreiheit zu behalten, ist stark", hatte einmal Schoppe gesagt und er nie vergessen, weil es aus seiner Seele in sie kam. "Schwester, du bist entweder nicht mein Bruder, oder ich deine Schwester nicht," (sagt' er) "sonst verständen wir uns leichter." Lindas Hand zuckte in seiner, und ihr Auge ging langsam zu ihm auf und schnell nieder. – Julienne schien vom Vorwurfe des Geschlechts betroffen zu sein. Albano dachte an die Zeit, wo er ein Herz aus Wachs zerdrückte mit einem aus Eisen, und sagte, heller und kälter: "Julienne, ich will gern kein Nein zu dir sagen, wenn du es nur für kein Ja ansiehst." – Er könnte, fiel ihm ein, seinen Widerspruch leicht hinter die Zukunft verstecken, da ja noch kein Krieg in Europa entschieden war; aber er fand das nicht ehrlich und stolz genug. – "Quäle nicht!" sagte Linda zu ihr. "Jawohl," (sagte Julienne aufspringend) "ich darf ja nur an das und an das denken was weiss ich!" und sah sehr ernstaft aus. "Noch zwei Tage" (setzte sie dazu und suchte aus dem Ernst zu kommen) "können wir auf der Insel wie Götter, ja wie Göttinnen verleben; wiewohl zu einem Gott taug' ich allenfalls, nur zu keiner Göttin; diese muss länger sein; ich bin nur die Folie der Gräfin aus unendlicher Güte." Denn Juliennens Gestalt verlor durch die Nachbarschaft der majestätischen Linda.
Aber der Krieg der liebenden Menschen hatte sich durch keinen Frieden geschlossen und blieb daher in seinen Waffen. Wie der Vesuv glühende Steine, so wirft der Mensch seine Vorwürfe so lange in sich empor und erhebt und verschlingt sie wechselnd, bis endlich eine glücklichere Richtung sie über den Rand hinaustreibt.
In Albano arbeitete wohl die Frage, was Lindas Schweigen zum kleinen Kriege über und wider den grossen bedeute; allein er legte sie nicht vor. Der Unabänderlichkeit seines Entschlusses sich bewusst, war er milder gegen die Schwester, die er, glaubt' er, doch einmal sehr damit verwunden würde. So war er durch den kalten und warmen Wechsel des Lebens sanft geworden, wie ein Edelstein durch schnelles Erglühen und Abkühlen sich in Arzenei verwandelt.
Schnell und schön gingen die letzten Freudentage über die Insel hinüber, die nach dem Regen wie ein deutscher Garten grünte. Die weiche kühle Luft – die Myrten- und die Orangendüfte einzelne Glanzwolken am warmen Himmel – der Zauberrauch der Küsten – die goldne Sonne am Morgen und am Abend – und die Liebe und die Jugend schmückten und krönten die einzige Zeit. Hoch brannte auf der blühenden Erde die Opferflamme der Liebe in den blauen stillen Himmel. Wie zwei Spiegel voreinander stehen und der eine den andern und sich und die Welt abmalt und der andere alles dies und auch die Gemälde und den Maler: so ruhten Albano und Linda voreinander, Seele in Seele ziehend und malend. Wie der Montblanc herrlich sich im stillen Chedersee hinabspiegelt in einen blassern Himmel: so stand Albanos ganzer fester lichter Geist in Lindas ihrem. Sie sagte: er sei ein Redlicher und Edler zugleich und habe, was so selten sei, einen ganzen Willen; nur woll' er, wie oft die Männer, noch mehr lieben, als er liebe, und daher merk' er seine stille Erbsünde vor Selbstsucht nicht genug. Gegen nichts sträubt' er sich zorniger und aufgebrachter als gegen den letzteren Tadel, und er vergab ihn niemand als der Gräfin. Er widerlegte sie, so stark er konnte; aber ihre Meinung wurde durch die beste Vertilgung nur eine Scheinleiche und trat ihm in der nächsten Stunde wieder lebendig entgegen.
Mit sich wurde' er durch sie näher bekannt als mit ihr selber. Er nannte sie die Uranide, weil sie ihm wie der Himmel zugleich so nahe und so fern erschien; und sie hatte nichts gegen diesen vollen Lorbeerkranz. Es gibt eine himmlische Unergründlichkeit, die den Menschen göttlich und die Liebe gegen ihn unendlich macht; so liessen die Alten die Freundschaft die Tochter der Nacht und des Erebus sein. Wenn Albano so über den weiten reichen Geist Lindas hinsah – sie, zugleich ihrer Liebe lebend und jede fremde beschirmend und doch gleichsam vom Wissens-Durste trunken – zugleich ein Kind, ein Mann und eine Jungfrau – oft hart und kühn mit der Zunge, für und gegen Religion und Weiblichkeit und doch voll der zärtesten kindlichsten Liebe gegen beide – glühend zerschmelzend vor dem Geliebten und schnell erstarrend bei kaltem Anrühren – ohne alle Eitelkeit, weil sie immer vor dem Trone einer göttlichen idee stand und der Mensch nie eitel ist vor Gott, aber sich alles zutrauend und vor niemand demütig, ohne doch sich oder andere zu vergleichen voll männlicher kecker Aufrichtigkeit und voll achtung für Gewandteit und listigen Welt-Verstand – so ohne Eigennutz und kindlich über Frohe froh, ohne besondere sorge und achtung für Menschen – so unbeständig und unbiegsam, jenes in Wünschen, dieses im Wollen – aber ewig ihr Auge und Leben gegen die Sonne und den Mond des geistigen Reichs, gegen Würde und Liebe gerichtet, gegen das eigne und gegen ein geliebtes Herz: wenn Albano das alles vor sich spielen und weben sah, so lebt' er gleichsam auf dem einfachen und doch unabsehlichen, dem beweglichen und doch allgewaltigen Meere, dessen Grenze bloss der klare Himmel ist, der keine hat.
An dem Himmel der drei Liebenden erschien endlich die Morgenröte des Reise-Tages