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tausendmal härter er eine Frau verheere? Welcher hat denn Treue, die rechte, die keine Tugend und keine Empfindung ist, sondern das Feuer selber, das den Kern der Existenz ewig belebt und erhält?

Ich bin krank, Albano, sonst weiss ich nicht, wie ich zu diesen tristen Ideen komme. Ich bin so ruhig im Innersten; ich habe nur die saiten, nicht die Stimmung gezeigt. Wir sollen nicht auf die Zukunft wirken und sehen, sondern auf die nächste Gegenwart. Erschiene je die Zeitich habe weder Reue noch Geduldje die Zeit, wo du mich nicht mehr und recht liebtest: ach ich würde stiller, stärker, kürzer sein als jetzt, und was gibt es weiter, als entweder für den Geliebten sterben oderdurch ihn?

Komme bald, Holder! Es ist sehr schön um uns, es hat geregnet, alle Welt jubiliert und sieht die SonnenTropfen und hat sich einen himmels-Trank gesammlet; auch ich habe für dich Tassen und Vasen in der Eile hinausgestellt. Komme, ich will dir das Ölblatt und den Myrtenzweig bringen und um das Haupt Rosen und Violen winden. Komme, ich dachte sonst nicht, dass ich so oft nach dem Posilippo sehen würde. –

L."

"N. S. Auch die Nebenbuhlerin sieht nach dem Posilippo und freuet sich auf dein Wiedersehen. Doch übereile nichts. Addio, caro.

J."

*

Albano fand in diesem Charakter eine stille Rechtfertigung und Erfüllung aller Foderungen, die er früher bei Lianens Leben immer an ein geliebtes Wesen machen musste; er nahm aber in der Unschuld seiner Liebe nicht wahr, dass gerade diesem Wesen die in seinem Briefe regierende sehnsucht nach Krieg und Taten nicht gefallen könne.

Er besuchte nun die unterirdische Stadt in ihrem Gottesacker, gleichsam neben der Cestius-Pyramide des Vulkans. Dian ging mit ihm das Herkulanum als ein antiquarisches Lexikon durch, um ihm die ganze Haushaltung der Alten bis zum Mahlen hinauf aufzublättern; aber Albano war bewegter als sein Freund von dieser mitten in der Gegenwart wohnenden Vergangenheit, von den stillen Häusern und nächtlichen Gassen und von den häufigen Spuren der fliehenden Verzweiflung. "Wären denn nicht diese Leute alle jetzt doch tot ohne den Vesuv?" fragt' ihn Dian heiter im heitern land. "Ich frag' Euch lieber," (fuhr er fort)"ob ein Baumeister, wenn er aus dieser Kunstkammer oder Kunststadt gekommen, in Eurem Deutschland noch viel Lust haben kann, nach der grössten Ruine der Erde die erbärmlichen winzigen für Eure Fürstengärten anzugeben." – Sie sahen in einem dunkeln Vorhaus eben eine irdene Maske an, die man in Gräber stellte, mit Lampen wie Augen darhinter. Da blickte ihn Albano starr an und sagte: "Sind wir nicht blitzende Larven aus Erde am Grab?" – "Pfui, die hässliche idee!" sagte Dian.

Noch lange draussen im lebendigen Sonnenschein gingen ihm dunkle Gedanken nach, neben dem glänzenden Portici stand der Vesuv als Scheiterhaufen und der Todesengel darauf. Er dachte an Hamiltons Weissagung, dass das schöne Ischia einst auf der Mine eines Erdbebens sterbe. Selber Lindas Brief betrübte ihn mit dem blossen Gemälde ihres möglichen Verlusts.

In Neapel besah er noch einige Merkwürdigkeiten; dann schifft' er sich am andern Morgen nach dem Eden der Wellen ein.

115. Zykel

Und als sie sich wieder sahen und wieder fassten: waren sie entzückter und verbundner, als es jedes glückliche Herz vorausgesehen. Linda sass still und sanft, sah den schönen Jüngling an und liess ihn und die Schwester erzählen, die sich oft unterbrach, um beide zu küssen. Er sprach sehr erfreuet über Lindas Brief; Männer machen überall mehr aus dem Geschriebenen als Weiber.

Linda sprach gleichgültig: "Ach was! ist es geschrieben und gelesen, so sei es vergessen. In Ihrem ist zuweilen auch ein nordisches Faux-brillant." -"Die Gräfin" (sagte Julienne) "lobt niemand ins Gesicht als sich." Linda ertrug mit eigner Gutmütigkeit den Spott. Albano, ihr oft gefallend und missfällig, wo er es nicht wusste, vergab der Liebe so leicht. Der Freundschaft vergibt die beleidigte Eitelkeit schwerer.

"Zwar doch!" (holte Julienne plötzlich unter dem Schleier der Lustigkeit zu einer ernsten Rede aus) "Dein Emigrier-Projekt nach Frankreich ist ein Fauxbrillant. Kannst du denn glauben, dass man es dir zulässet? dass eine Prinzessin-Schwester von Hohenfliess dem Bruder Pässe zu einem demokratischen Feldzuge unterschreibt? Nimmermehr! Und gar kein Mensch, der dich liebt!" Albano lächelte, wurde aber am Ende ernst. Linda war still und senkte das Auge. "Zeige mir" (sagte er sanft wie nur mit halbem Ernst und Scherz) "auf der Landkarte eine bessere Laufbahn!" – "Einen bösern Laufgraben?" (sagte sie spielend) "Wohl kaum!" Nun schattete sie mit aristokratischen, weiblichen und fürstlichen Farben zugleich, mit dreifarbigen Farbenerden alle Flammen, Rauchwolken und Wellen ab, momit der Monte nuovo der Revolution aus dem grund aufgestiegen war. Und setzte dazu "Lieber ein müssiger Graf als das!" – Er wurde rot. Von jeher war ihm das weibliche Binden der männlichen Kraft, das liebende Krummschliessen zu Blumen herab, das ungerechte Umschmieden des liebes-Rings zum Galeeren-Ring so aufschreckend und verhasset; – "in einer Welt, die nur eine Messwoche und ein Maskenball ist, nicht einmal Mess- und