du nicht alle Brüder und alle Waisen?
Seit dem Erdbeben bin ich etwas kränklich. Ich habe es vielleicht nicht gewohnt, zu lieben und so zu sterben. Ich nehme ein philosophisches Buch – denn Dichter greifen mich jetzt zu heftig an – und glaube' ihm noch zu folgen, wenn ich schon längst weggeflogen bin über das Meer. Ich lese jetzt das Leben der herrlichen Guyon, diese weiss, wie man liebt – dieser göttliche Affekt gegen das Göttliche, dieses SelbstVerlieren in Gott, dieses ewige Leben und Bestehen in einer grossen idee – diese wachsende Heiligung durch die Liebe und die wachsende Liebe durch die Heiligung! Mir entsinkt das Buch, ich schliesse die Augen, ich träume und weine und liebe dich. O Albano, komme früher. Was willst du jetzt an Bergen und Ruinen suchen? Kommen wir nicht wieder? Aber ihr zerstreueten Männer! Nur die Weiber lieben, es sei Gott oder euch leider. Die Guyon, die heilige Terese, die etwas prosaische Bourignon liebten Gott wie kein Mann (ausser der heilige Fenelon); der Mann geht mit dem höchsten Wesen nicht viel besser als mit dem schönsten um. Albano, hast du eine andere sehnsucht als ich, begehrst du mehr auf der Erde als mich, mehr im Paradies als mich: so sag es, damit ich aufhöre und sterbe. Wahrlich, wenn du deine Schwester umarmest: so bin ich eifersüchtig und möchte deine Schwester sein, und dein Freund Schoppe und dein Vater und alles, was du liebst, und dein Ich, wenn du es liebtest, und dein ganzer Himmel und dein ganzes Du im Ich, dein Ich im Du.
Ich will Euch einiges von meiner geschichte erzählen. Still ging ich lange über die Erde – ich sah die Höfe, die Nationen und Länder und fand, dass die meisten Menschen nur Leute sind. Was ging es mich an; Man sage gar von nichts: das ist bös, sondern nur: das ist dumm – und denke nicht mehr daran. Was ich nicht liebe, existiert für mich auch nicht, und anstatt lange zu hassen oder zu verachten, hab' ichs vergessen. Ich wurde für stolz und phantastisch gescholten und konnte' es niemand rechtmachen. Aber ich bewahrte und nährte mein Inneres, denn kein Ideal darf aufgegeben werden, sonst erlischt das heilige Feuer des Lebens, und Gott stirbt ohne Auferstehung. – Ich sah die Männer und fand immer bloss den Unterschied unter ihnen, dass die einen fein, verständig und zart waren ohne Entusiasmus und Gemüt, die andern sehr herzlich und entusiastisch mit bornierter Rohheit, alle aber selbstsüchtig; wiewohl sie, wenn ihr Herz voll und nicht im Abnehmen ist, eben wie der volle Mond die wenigsten Flecken zeigen. Neben den Lehren meiner grossen Mutter, neben Ihrem grossen Vater bestand keiner. Ihren Roquairol konnte man weder lieben noch hassen noch achten noch fürchten, wiewohl sehr nahe an alles dieses zusammen kommen.
Es machte viel auch, dass ich immer reisete; Reisen erhält oft kälter. Wenn ich nach der Küste sehe und denke, dass ein grosser Römer bald in Baja, bald in Deutschland, bald in Gallien, bald in Rom war, und dass ihm die Erde eine grosse Stadt wurde: so begreif' ich leicht, dass ihm die Menschen zu massen wurden. Reisen ist Beschäftigung, was uns Weibern immer fehlet. Die Männer haben immer zu tun und schicken die Seele auswärts, die Weiber müssen den ganzen Tag daheim bei ihrem Herzen bleiben. In der Schweiz legt' ich mir (so wie die Prinzessin Idoine) eine kleine Ökonomie an, und ich weiss, wie man über kleine Ziele, die man täglich erreicht, sich über das hohe tröstet, das wie ein Gottes-Tron in der Höhe liegt.
Da kam ich gerade in dieser stillen Woche des Lebens an den Eissee in Montanvert. An pittoresken Bergen, Ebenen, Klüften hatte' ich mich in Spanien satt gesehen, und an Eisbergen in der Schweiz. Aber ein Eismeer in dieser Höhe, ein einsames uraltes blaugrünes Meer, von roten Felsen umstanden, eine breite Wüste voll reger aufstehender Wellen im Sturm, die ein plötzlicher Tod, ein Medusenhaupt so mitten im Leben starr und fest gemacht! Es schlug ein Gewitter, mir sonst furchtbar, damals mit Flammen den Berg herauf, ich merkt' es kaum, meine Seele hing sinnend an der Stille eines versteinerten Sturms, an der Ruhe des – Eises! Ich erschrak, weinte ungewöhnlich den Berg herab, und in derselben Woche legt' ich das ökonomische Spielwerk beiseite und reisete fort.
Ich machte aber keine Wettergebete, sondern wohnte drunten ohne Klage in der Regenschlucht eines dunkeln kalten Daseins. Da brachte mich das Schicksal auf den Epomeo, und da wollten die Götter, dass es sich änderte.
Aber nun muss es so bleiben. Wenn ein seltenes Wesen zu einem seltenen Wesen gesagt hat: Du bists!, so sind sie nur durch- und füreinander. Die Psyche mit der Lampe wird es nicht fühlen, wenn die Lampe ihre Locken und ihre Hand und Herz ergreift und verbrennt, während sie selig den schlummernden Amor anschauet; aber wenn der entschlüpfende heisse Öltropfe aus der Lampe den Gott berührt und er aufwacht und ihr zornig entfliegt auf ewig – auf ewig – Ach du arme Psyche! – Was hilft dir der Tod im aufgelösten Eismeer? – – Hat denn noch kein Mann den Schmerz der verlornen Liebe empfunden, damit er wisse, wie noch