schauen – frohe Gesänge werden durch die Dämmerung ziehen – die Sterne werden liebreich schimmern – und ich werde sagen: 'Ich bin allein und still, aber unaussprechlich selig, denn Linda hat mein Herz, und ich weine nur aus Liebe, weil ich an ihres denke', und trunken werde' ich durch den Blütenrauch des Bergs hinuntergehen." –
*
Er kam langsam nach Neapel zu seinem Freunde Dian zurück, alle fest-Lust, die ihm begegnete, das ganze Odeum der Wonne, in welchem das klingende Rad der Leier schwindelnd umrollte, schien ihm bloss sein Nachklang zu sein, indes sonst erst den äussern sinnlichen saiten des Menschen die inneren nachklingen. Er wollte nur immer weiter und noch – wenn es ginge – diese Nacht auf den Weg nach dem Vesuv, für ihn gab es jetzt nur eine Tagszeit. Das wärmere Klima samt der Liebe und dem Mai schienen alle Frühlingswinde seiner Kräfte zu wecken, sie wehten ungestüm, ihm selber sogar bewusst; nur vor der Geliebten war er, noch wund von der Vergangenheit, bloss ein Zephyr, der die stäubende Blüte schont. Am andern Tage wollt' er nun den Vesuv besteigen und am Morgen darauf seinen Dian in Portici erwarten, wenn er vorher auf dem Vulkan die Sonne hatte aufgehen sehen.
114. Zykel
Seine Reise beschrieb er seiner Geliebten:
In der Hütte des Einsiedlers auf dem Vesuv
"Warum liegt nicht der Mensch auf den Knien und betet die Welt an, die Berge, das Meer, das All? Wie erhebt es den Geist, dass er ist und dass er die ungeheuere Welt denkt und sich! – O Linda, ich bin noch voll von dem Morgen; auch wohne ich noch auf der erhabnen Hölle. Gestern reisete ich am Morgen mit meinem Bartolomeo durch den reichen vollen Gartenweg nach dem heitern Portici, das sich an den Riesen anschmiegt wie Catana an den Ätna. Immer dieselbe grosse, durch dies erhabene Land ziehende epische griechische Verschmelzung des Ungeheuern mit dem Heitern, der natur mit den Menschen, der Ewigkeit mit der Minute. – Landhäuser und eine lachende Ebene gegenüber der ewigen Todesfackel – zwischen alten heiligen Tempelsäulen geht ein lustiger Tanz, der gemeine Mönch und der Fischer – die Glut-Blökke des Bergs türmen sich als Schutzwehr um Weingärten, und unter dem lebendigen Portici wohnt das hohle tote Herkulanum – ins Meer sind Lavaklippen gewachsen, und in die Blumen schwarze Sturmbalken geworfen. Das Steigen war anfangs meiner Seele Erquickung, der lange Berg wurde der vollen Wolke ein Ableiter. Spät nachts im ewigen Steigen kamen wir ohne Genuss der Abendsonne, durch deren roten Glanz auf der Asche wir schnell waten mussten, hier beim Einsiedler an; der Mond war noch nicht herauf, deine Insel noch unsichtbar. Oft donnerte es unter dem Fussboden der stube. Da wurde' ich auf einmal vom Einsiedler schön an meinen alten Schoppe erinnert, indem er mir erzählte, dass einmal ein hinkender Reisender mit einem Wolfshund hierüber gesagt: im Vesuv sei der Stall der unaufhörlich polternden Donnerpferde. Das war nach allem gewiss nur Schoppe.
In der Mitternacht, meine Linda, als der Mond über den Apennin herüber war und mit einem entzückten langen Silberblick vom Himmel sah und ich an dich dachte, stand ich auf und ging leise hinaus, um wieder zu sehen, wo du wohnest, meine Linda. Draussen war es überall still, ich hörte gleichsam die Erde auf ihrer Bahn im Himmel donnern – die Schatten der Lindenbäume um mich schliefen fest auf dem grünen Rasen – Vesuvs Rauch stieg empor in die reine Luft – über das dampfende Meer hin glänzte wunderlich der Mond, und mühsam sucht' und fand ich endlich den einsamen Berg deiner Insel, hoch ins Blau gezogen, silbern blühend unter den Sternen um ihn her, eine schimmernde Tempelzinne für mein Herz. – 'Dort wohnt und schlummert Sie auf dem Tabor, eine Verklärte des Elysiums!' sagte ich mir. Um mich war Asche der Jahrhunderte, Stille des Sargs, und nur zuweilen ein Poltern, als werfe man auf jenen den Grabhügel ich war weder im Land des Todes noch der Unsterblichkeit – Die Länder wurden Wolken – Neapel und Portici lagen verdeckt das weite Himmelsblau umfing mich – ein hoher Nachtwind bog die Rauchsäule des Vulkans nieder und führte sie wechselnd-beglänzt in langen Wolken durch den reinen Äter fort. – Da sah ich nach Ischia, und sah gegen Himmel, o Linda, ich bin aufrichtig, hör' es, dass ich die fromme Liane, die dich so unendlich liebte, bat, jetzt um dich zu schweben und dir das Glück zu bereiten, das sie dir sonst so gönnte. – – Auf einmal wurden die Donner des berges ganz still, die Sterne blitzten heller; da schauderte mich die Stille und das Leben, und ich ging in die Hütte zurück, aber lange noch weint' ich vor Entzückung über den blossen Gedanken, dass du glücklich würdest.
Der Morgen ging auf; und mitten in seinem dunkeln Winter traten wir die Reise nach der FeuerSchlucht und Rauchpforte an. Wie in einer abgebrannten dampfenden Stadt ging ich neben Höhlen um Höhlen, neben Bergen um Berge vorbei und auf dem zitternden Boden einer ewig arbeitenden Pulvermühle dem Pulverturm zu. Endlich fand ich den Schlund dieses Feuerlands, ein grosses glühendes Dampf-Tal wieder mit einem Berg – eine Landschaft von Kratern, eine Werkstätte des Jüngsten tages – voll zerbrochner Welt-Stücken, gefrorner, geborstener Höllenflüsse – ein ungeheuerer Scherbenberg der Zeit – aber unerschöpflich