senkte sich aber desto länger und tiefer in den zufälligen Treffer eines Wohllauts ein. – Ebenso arbeitete sich die saftvolle Seele gleichsam in Laubknöpfen, Holztrieben und Ranken aus und machte Gemälde, Tongebilde, Sonnenuhren und Plane aller Art, und sogar in den juristischen Felsen des Pflegevaters, z.B. in Fabris Staatskanzlei, trieb sie, wie oft Kräuter in Herbarien, ihre durstigen Wurzeln herum und über die dürren Blätter hinaus. O wie schmachtete er (so wie in der Kindheit von Oktav- zu Quart-Büchern, von Quart zu Folio, von Folio bis zu einem buch so gross wie die Welt – welches eben die Welt ist) jetzt nach geahneten Lehren und Lehrern! – Aber desto bessert Nur der Hunger verdauet, nur die Liebe befruchtet, nur der Seufzer der sehnsucht ist die belebende aura seminalis für das Orpheus-Ei der Wissenschaften. Das bedenket ihr nicht, ihr Fluglehrer, die ihr Kindern den Trank früher gebt als den Durst, die ihr wie einige Blumisten in den gespaltenen Stengel der Blumen fertige Lackfarben, und in ihren Kelchfremden Bisam legt, anstatt ihnen bloss Morgensonne und Blumenerde zu geben – und die ihr jungen Seelen keine stille Stunden gönnt, sondern um sie unter dem Stäuben ihres blühenden Weins gegen alle WinzerRegeln mit Behacken, Bedüngen, Beschneiden hantiert. – O könnt ihr ihnen jemals, wenn ihr sie vorzeitig und mit unreifen Organen in das grosse Reich der Wahrheiten und Schönheiten hineintreibt, gerade so wie wir alle leider mit dunkeln Sinnen in die schöne natur einkriechen und uns gegen sie abstumpfen, könnt ihr ihnen mit irgend etwas das grosse Jahr vergüten, das sie erlebet hätten, wenn sie ausgewachsen, wie der erschaffne Adam, mit durstigen offnen Sinnen in dem herrlichen geistigen Universum sich hätten umherdrehen können? – Daher gleichen auch euere Eleven den Fusspfaden so sehr, die im Frühling vor allem grünen, später aber sich gelb und eingetreten durch die blühenden Wiesen ziehen. –
Wehrfritz erneuerte, da er schon auf der Wagentreppe das Gesicht in diesen kehrte, wieder den Befehl der Aufsicht über den jungen Grafen und machte die Signatur, womit Kaufleute kostbare Warenkisten der Post empfehlen, recht dick auf diesem: er liebte das feurige Kind wie seines (er hatte nur eins, aber keinen Sohn); – der Ritter hatte Vertrauen auf ihn, und um dieses zu rechtfertigen, würde' er, da der Ehrenpunkt der Schwerpunkt und die Himmelsachse aller seiner Bewegungen war, sich ohne Bedenken, wenn der Knabe z.B. den Hals gebrochen hätte, seinen abgeschnitten haben; – auch sollte Albano abends vor dem neuen Lehrer aus der Stadt auffallend gut bestehen.
Albine von Wehrfritz, die Gemahlin, versprach alles hoch und teuer; sie konnte sich den Evangelisten Markus und Johannes gleichsetzen, weil ihr heftiger Mann die Gesellschafts-Tiere beider, die Tierkönige Löwe und Adler, öfters repräsentierte, so wie sich manche andere Gattin in Hinsicht ihrer Begleitung mit dem Lukas vergleichen mag und meine mit dem Mattäus21. Sie hatte ohnehin auf abends ein kleines Familienfest voll spielender buntgefärbter Ephemeren der Freude ausgeschrieben; und zum grössten Glück war schon vor einigen Tagen das Diplom eingelaufen, das unsern Wehrfritz zum Landschaftsdirektor installierte, und das man als ein Patengeschenk des Geburtstages auf heute aufhob.
Aber kaum fuhr Wehrfritz hinter dem Schlossgarten, so trat Alban mit seinem Projekte hervor und berichtete, er wolle den ganzen Feiertag droben im einsamen Schiesshäuslein versitzen; denn er spielte gern allein, und ein elterlicher Gast war ihm lieber als ein Spielknabe. Die Weiber gleichen dem Pater Lodoli, der (nach Lambergs Tagebuche) nichts so mied als das Wörtchen Ja; wenigstens sagen sie es erst nach dem Nein. Die Pflegemutter (ich will aber künftig bei ihr und der Pflegeschwester Rabette das verdriessliche Pflege wegstreichen) sagte ohne Bedenken Nein, ob sie gleich wusste, dass sie noch keines gegen den Trotzkopf durchgesetzt. – Dann entlehnte sie sehr gute Dehortatorien vom Willen des Landschaftsdirektors und hiess ihn bedenken – dann schlug sich die rotbackige gutmeinende Rabette zum Bruder und bat mit, ohne zu wissen warum – dann beteuerte Albine, wenigstens das Essen soll' er nur nicht auf den Berg nachgeliefert erwarten – dann marschierte er zum hof hinaus So stand ich schon öfters dabei und sah zu, wie die weiblichen Ellenbogen und Knochen unter dem Wegstemmen allmählich vor meinen Augen Knorpel wurden und sich umbogen. Nur in Wehrfritzens Beisein hatte Albine Kraft zum langen Nein.
12. Zykel
Unser Held war aus den kindischen Jahren, wo Herkules die Schlangen erdrückte, in die gottestischfähigen getreten, wo er sie erwärmte unter der Weste, um sie in spätern wieder zu köpfen. Jubelnd schlugen draussen – sie flogen nebeneinander – sein neuer und sein alter Adam die Flügel auf unter einem blauen Himmel, der gar keinen Ankergrund hatte. Was kümmerte ihn die Mahlzeit? Alle Kinder tragen vor und unter einer Abreise keinen Magen unter ihren Flügeln, wie auch den Schmetterlingen jener einschrumpft, wenn ihnen diese aufgehen. Die oftgedachte Sennenhütte oder das Schiesshäuslein war nichts Geringers als ein Schiesshaus mit einer Wachtstube für eine abgedankte Soldatenfrau, mit einem Schiessstand im untern Stock und mit einem Sommerstübchen im obern, worin der alte Wehrfritz in jedem Sommer eine Landpartie und ein Vogelschiessen haben wollte, es aber nie hatte, weil der arme Mann sich in der Arbeitsstube, wie andere im Tafelzimmer, entmastete und abtakelte. Denn obgleich der Staat seine Diener wie Hunde zum zehntenmal wieder herlockt, um sie bloss zum eilften wieder abzuprügeln; und ob Wehrfritz gleich an jedem Landtage alle