hielt sich nicht länger, sondern fing an einer dichter umblühten Stelle, die er sich dazu aussuchte, diesen Brief an Linda an:
"Endlich, edle Seele, kann ich zu dir reden und deine Insel wieder schauen, wiewohl nur als eine aufgerichtete sonnenrote Abendwolke am Horizont. Linda, Linda, o dass ich dich habe und hatte! Dauert denn der zweitägige Götter-Traum noch herüber ins kalte Heute? Du bist jetzt so fern und stumm, und ich höre kein Ja. Als ich in Rom auf der Peterskuppel in den blauen Morgenhimmel sah und das Leben um mich brausend schwoll, wie die Lüfte mich umwehten: so war mir, als müsst' ich mich in ein fliegendes Königsschiff werfen und ein Ufer suchen, das unter dem tiefsten Sternbild grünt; als müsst' ich wie eine Kaskade hinabflattern durch den Himmel und mich drunten durch das steinige Leben reissen, dringend und zerstörend und tragend. Und so ist mir jetzt wieder und noch stärker; ich möchte zu dir hinüberfliegen und sagen: du bist mein Ruhm, mein Lorbeerkranz, meine Ewigkeit, aber ich muss dich verdienen; ich kann nichts für dich tun, ausser für mich. – In der alten Zeit waren geliebte Jünglinge gross, Taten waren ihre Grazien und der Panzer ihr Feierkleid. Heute, als ich auf den Golf von Baja und auf die Ruinen hinübersah, wo die Gärten und Paläste der grossen Römer noch mit Trümmern oder Namen liegen; und als ich die alten trotzigen Riesen stehen sah mitten in Blumen und Orangen und in lauen Duftlüften, davon erquickt, aber nicht erweicht, mit der Hand den schweren Dreizack hebend, der drei Weltteile bewegte, und mit der markigen Brust entgegentretend dem Winter im Norden, der Glut in Afrika und jeder Wunde: da fragte mein ganzes Herz: bist du so? O Linda, kann der Mann anders sein? Der Löwe geht über die Erde, der Adler geht durch den Himmel, und der König dieser Könige habe seine Bahn auf der Erde und in dem Himmel zugleich. Noch war und tat ich nichts; aber wenn noch das Leben ein leerer Nebel ist, kannst du ihn übersteigen, oder festgreifen und zerschlagen? Willst du einmal, du Uranide, einen Mann lieben, so tret' ich vor keinem zurück. Aber Worte sind an Taten nur Sägespäne von der Herkuleskeule, wie Schoppe sagt. Sobald der Krieg und die Freiheit aufeinanderstossen, so will ich dich im Sturm der Zeit verdienen und dir Taten mitbringen und die unsterbliche Liebe.
Hier steh' ich auf der göttlichen Höhe des Klostergartens und blicke in ein grünes Himmelreich ohnegleichen hinab. Die Sonne ist schon über den Golf hinüber und wirft ihre Rosenfeuer unter die Schiffe, und ein ganzes Ufer voll Paläste und voll Menschen brennt rot – durch die langen aufgebreiteten Strassen unter mir rollt das Festgetümmel schon herauf, und die Dächer sind voll geschmückter Menschen und voll Musik, Balkons und Gondeln erwarten die göttliche Nacht zu den Gesängen. Und hier bin ich allein und bin doch so glücklich und sehne mich ohne den Schmerz. Aber wär' ich vor vier Tagen, Linda, wo ich dich noch nicht kannte und noch nicht hatte, hier gestanden und hätte angesehen diesen Abend – das goldne Meer – das heitere Portici, das Sonne und Meer mit Flammen anspülen – den herrlichen Vesuv mit goldgrünen Myrten umwunden und mit dem grauen Aschen-Haupt voll Sonnenglut – und hinter mir die grüne Ebene voll Wolken aus Blütenstaub, die aus Gärten steigen und in Gärten regnen – und den ganzen webenden Zauberkreis freudiger Kräfte, diese in Licht und Leben schwimmende Welt; – dann, Linda, hätte ohne dich durch die warme Seligkeit ein kalter Schmerz gezückt, und im goldnen Abendlicht wären Erinnerungen mit Trauer-Larven gegangen.
O Linda, wie hast du meine Welt gereinigt und erweitert, und ich bin nun überall glücklich. Du hast den schweren scharfen Pflug des Lebens, der mühsam an der Ernte arbeitet, in einen leichten Griffel und Pinsel verwandelt, der umherspielt, bis er eine GötterGestalt erschafft. Sah' ich heute nicht jeden Tempel und jeden Hügel froher, wie von dir vergoldet, und jede Schönheit, sie mochte an der Statue, auf der Leinwand oder auf der singenden Lippe oder auf den Gipfeln blühen, prangte und duftete üppiger, und dann flog ich von der kleinen Blume auf zur blühenden Linda?
Wie herrschet die dunkle Gewalt hinter der Wolke! Versiegelte Befehle gibt sie uns mit, damit wir sie auf einer späten fremden Stelle erbrechen. Gott, erst auf Ischias Epomeo musst' ich meinen öffnen, da ging ein Augenblick über das Leben und gebar die Ewigkeit, der Schmetterling brachte die Göttin!
Der Abend geht unter, und ich muss schweigen. Wüsst' ich nur, wie der deinige ist! Mein Leben besteht jetzt aus zwei Stunden, deinen und meinen, und ich kann nicht mehr mit mir allein leben. – Dieser Tag sei dir doch reich und mild entwichen und dein Abend wie meiner! Die Sonne rötet nur noch den Vesuv, die Inseln verglühen langsam im dunkeln Meer, ich schaue nun, ohne mit dir zu sprechen, den grossen Abend an, aber o Gott, so anders als in Rom! Selig werde' ich mein Auge nur an deine auslöschende Insel im Glanz-Getümmel des Abendrots heften und lange noch hinsehen, wenn schon Epomeos Gipfel in der Nacht verwittert; und dann werde' ich heiter in das mit Lichtern umstellte Grab der Farben unter mir