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immer nach Abend wendet." Sie erfüllte die Bitte, ohne deren Grund sogleich zu erraten. Immer sah Linda in sein schön beglänztes Angesicht. "bitte ihn wieder," (sagte sie zum zweitenmal) "es dämmert zu sehr, und meine kranken Augen sehen ohne Licht so übel." Es geschah nicht; denn sie stiegen sogleich ans Ufer. Die Erde zitterte ihnen, da sie sie betraten, als ein Sangboden der seligen Stunde nach. Albano war in sprachloser Rührung auf das geliebte Angesicht geheftet, das er bald wieder verlassen sollte; "ich schreibe Ihnen", sagte sie unaufgefodert mit einem so rührenden Widerrufe der vorigen Drohung, dass er sich, wär' er nicht unter fremden Augen gewesen, danktrunken auf ihre Hand, an ihr edles Herz gestürzet hätte. Das Scheiden und das Ende eines harmonischen Tages wurde schwer, worin der Ton jeder einzelnen Minute wieder ein Dreiklang gewesen. Jetzt schied Dian schon. "Nicht einmal die Rosen des Abends" (sagte Julienne) "sind ohne Dornen." – "Abgebrochen, ist überall das beste; wir wollen nach haus", sagte Linda. Albano bat, dass er begleiten dürfe. "Wozu?" sagte Linda. – Leise setzte sie ihrer Augen wegen dabei: "Ich kann Euch kaum mehr sehenindes kommt nur, ich höre doch." – "Schöne Veränderliche!" sagte Julienne. "Ich verändere mich," (sagte sie) "aber kein anderernur bis zur Kapelle, Albano, Ihr schiffet morgen früh fort." – "Nicht einmal, heute noch vielleicht", sagte er.

Indem sie nun so langsam und immer langsamer den Berg hinangingen und die Nachtigallen schlugen und die Myrtenblüten dufteten und die lauen Lüfte flatterten und oben die ganze zweite Welt wie eine verschleierte Nonne durch die Silber-Gitter der Sternbilder heilig schaute: so überfloss jedes Herz von treuer Liebe, und der Bruder und die Schwester und die Geliebte nahmen wechselnd einander die Hand.

Auf einmal stand Linda an der Stelle der gestrigen Vereinigung und sagte: "Hier soll er gehen, Julienne!" und zog schnell ihre Hand aus seiner und streichelte leicht über seine Locken und seine Wange und dann über sein Auge und fragte: "Wie?" in einen Traum verirrt. "Gleich," (sagte Julienne) "aber auf den italienischen Winter muss man doch, um nur heimzukommen, gar warten, auf den Mond." Da fiel der Bruder der zarten Schwester, welche ihm dadurch die längere Gegenwart und der Freundin das Wiedersehen durch die stärkere Beleuchtung zubereiten wollte, an das Herz und rief mit Tränen aus: "O Schwester, wie viel hast du nicht für mich getan, eh' ich etwas tun oder dir danken konntedu reichst mir ja alles, jedes Glück, die höchste Seligkeit, o wie bist du!" – "Der Mond ist da!" (rief sie) "nun reise glücklich und scheide!"

Wie ein silberner Tag war der Mond auf die Gebürge heraufgetreten, und die verklärte Geliebte sah des Geliebten blühendes Angesicht wieder. Er nahm ihre Hand und sagte: "Lebe wohl, Linda!" – sie sahen sich lange an, die Augen voll Seelen, und sie wurden sich fremder und höherda drückte er, ohne zu wissen wie, die erhabene Jungfrau, wie ein seliger Geist eine Frühlingssonne, sich an das Herzund er berührte das Heiligtum ihres Angesichts mit dem seinigen, und wie Morgenröten zweier Welten schmolzen ihre Lippen zusammen. Linda schloss die Augen und küsste zagend, und nur ein einziges Leben und Glück rollte und glühte zwischen zwei Herzen und Lippen. Julienne umschlang leise die Umarmung mit ihrer und begehrte kein anderes Glück. Darauf schieden alle, ohne wieder zu sprechen oder sich umzusehen.

113. Zykel

Albano flog mit der neuen Hastigkeit, die jetzt in seinen Handlungen regierte, schon unter dem kühlen Morgenstern von dem glücklichen Boden davon. Er sagte dem Baumeister Dian sein ganzes Glück, weil er wusste, wie sehr der Mann noch ein Jüngling für die Liebe blieb; "bravo!" (antwortete Dian) "Wer kann ohne Liebe in Italien auskommen? Unsereiner wenigstens nicht. Hoffentlich ist Euere prächtige Juno gegen Euch nicht so stolz wie gegen andere Leute: dann mags wohl ein Götterleben geben."

In den Morgenlüften, von Sonne und Woge angestrahlt, schwebt' er gleitend auf dem blauen SpiegelMeer zwischen zwei Himmeln, und sein Auge war selig, wenn es nach dem Olymp, Epomeo, zurücksah, und war selig, wenn es wieder auf die hinauf- und hinabschimmernden Küsten, auf den langen ausgelegten Markt der Erde blickte.

Als sie unter den schwimmenden Palästen, den Schiffen, vorbei an die stehenden kamen: trafen sie das Volk im Taumel eines Heiligen-Festes. Er vergrub gezwungen den blauen Tag und das Meer in Tempelnin Bildersälenin vierten Stockwerken, wo nach der Sitte einige Grosse wohnten, an welche er von seinem Vater Briefe abgabund schöner in der unterirdischen finstern Gasse, die sich durch den blühenden Posilippo wölbt.

Nur der Aussicht, dass er in der ersten nächsten Einsamkeit mit dem entrückten Herzen reden werde, beruhigte seinen immer aus der Gegenwart fliehenden Geist. Abends bestiegen sie die schönste Höhe über Neapel, das Kamaldolenser Kloster, wo er unter den Freuden der Aussicht in grauer Ferne hinter dem Posilippo den hohen Epomeo stehen sah. Er