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Nie hat die Prinzessin eine Vorrede und eine Note gelesen," (sagte Linda) "wie ich noch keine weggelassen." – Weiber, die Vorreden und Noten lesen, sind bedeutende; bei Männern wäre höchstens das Gegenteil wahr. – "Wir können reisen, alles ist fertig", sagte Julienne.

112. Zykel

Wie wehte draussenals sie in die festliche Welt kamendas kühle Himmelsblau herab statt der Erdenlüfte! Wie glänzte die Welt und der Tagund die Zukunft! Wie schäumte im Lebenskelche der Liebestrank, für jeden der drei Menschen aus zwei berauschenden Mitteln gemacht, glänzend über! –

Sie folgten dem Wege nach dem Gipfel des Epomeo, aber in ausweichender Freiheit und in einem Wechsel der natur, der nirgends weiter auf der Erde so ist. Sie begegneten Tälern mit Lorbeern und Kirschen, mit Rosen und Primeln zugleich. – Es kamen kühle Schluchten, mit reifen Orangen und Äpfeln ausgefüllt, neben heissen Felsen von Aloe und Granaten, und an die Gipfel des Kirsch- und Apfelbaums rührten oben die Wein- und Orangenblüten. – In den blühenden Klüften schlugen sichere Nachtigallen, und aus den Ritzen schossen giftlose Schlangenköpfe ans LichtZuweilen kam ein Kloster in einem Zitronenwäldchen, zuweilen ein weisses Haus am Weingarten, bald eine kühle Grotte, bald ein Kohlgarten neben rotem Klee, bald eine kleine Aue voll weisser Rosenblumen und Narzissen, und überall ein Mensch, der singend, tanzend und anredend vorüberging. – Wechselnd deckten Höhen und Gärten das Land und das wasser auf und zu, und lange schimmerte oft das weite ferne Meer und seine Wolken-Küste wie ein zweiter Himmel durch die grünen Zweige nach. –

Sie kamen dem haus des Einsiedlers auf dem Gipfel immer näher, auf bunten goldnen Schwungfedern des Lebens sich wiegend. Sie sagten einander zuweilen ein freudiges Wort, aber nicht um sich mitzuteilen, sondern weil das Herz nicht anders konnte und ein Wort nichts war als ein freudiger Seufzer. Sie standen endlich auf dem Erden-Tron und blickten wie von der Sonne herunter. Rings um sie war das Meer gelagert, ins Blau des Horizonts verschmolzenvon Kapua her zog in der Tiefe der weisse Apennin um den Vesuv und herüber auf der langen Küste Sorrentos fortund vom Pausilipp an verfolgten die Länder das Meer bis über Mola und Terracinaauf der geöffneten Welt-Fläche erschien alles, die Vorgebürge, die gelben Krater-Ränder auf den Küsten und die Inseln rings umher, die der verhüllte fürchterliche Gott unter dem Meere aus seinem Feuerreich an die Sonne getriebenund das holde Ischia, mit seinen kleinen Städten an den Ufern und mit seinen kleinen Gärten und Kratern, stand wie ein grünendes Schiff im grossen Meer und ruhte auf zahllosen Wogen.

Da verschwanden drunten die Grössen der Erde, nur die Erde allein war gross, und die Sonne mit ihrem Himmel war es. "O wie sind wir glücklich!" sagte Albano. Ja, ihr waret glücklich dort, wer wird es nach euch sein? – Sich auf dem Baum des Lebens wiegend, auf welchen schon sein Kindes-Auge so früh und sehnsüchtig geblickt, sagt' er alles, was ihn erhob und ergriff: "Daran erkenn' ich die Allgewaltige, zornig und flammend steigt sie aus dem Meersboden herauf, pflanzt ein brennendes Land, und dann teilt sie wieder lächelnd an ihre Kinder Blumen aus; so sei der Mensch, Vulkandann Blume." – "Was sind dagegen" (sagte Julienne) "alle Winterlustbarkeiten des deutschen Wonnemonds! Ist das nicht eine kleinere Schweiz, nur in einem grösseren Genfersee?" – Die Gräfin, durch ihr Spanien einheimischer in solchen Reizen, hielt sich meistens still. "Der Mensch" (sagte sie "ist die Oreade und Hamadryade oder sonst eine Gotteit und beseelet Wald und Tal, und den Menschen selber beseelet wieder ein Mensch."

Der Einsiedler erschien und sagte, ihr heraufgesandtes Mahl sei längst angekommen; er lobte seine Höhe mit: "Oft" (sagt' er und machte Julienne lachen) "raucht mein Berg wie der Vesuv, und Badgäste sehen herauf und fürchten etwas, es ist aber, weil ich mein Brot hier oben backe." – Sie lagerten sich im schattigen Freien. Man musste immer wieder auf die liebliche verkleinerte Insel hinabsehen, die mit ihren in Gärten gesäeten Gärten, mit ihren mit Herbsten durchflochtenen Frühlingen so ganz und nahe lag, ein grosser Familiengarten, wo die Menschen alle beisammen wohnen, weil nicht Länder sich mit Ländern verwirren, und die Bienen und die Lerchen fliegen nicht weit über den Garten des Meeres hinaus. Gleich offnen stillen Blumen waren die drei Seelen nebeneinander, duftend fliegt der Blumenstaub hin und her, neue Blumen zu erzeugen. Linda versank ganz in ihr grosses tiefes Herz; der Liebe ungewohnt, wollte sie sie darin anschauen und geniessen, indes kein Wort Albanos ihr entfloh, denn es gehörte zur Liebe im Herzen. Von Milde übergossen und sinnend war sie da, mit dem grossen Auge halb unter dem niedergehenden Augenlidnach ihrer Sitte immer lange schweigend wie lange sprechend. Wie der Diamant ebenso glänzt wie der Tautropfe, nur aber mit fester Kraft und auch ohne Sonne: war ihr Herz dem weichsten in jeder weiblichen Milde und Reine gleich und übertraf es nur an Stärke. Entzückt sah Julienne es an, wenn sie etwanach einem kindlichen Vergessen Albanos, weil ihr Rede-Strom sie von einer Welt in die andere gerissenplötzlich