ins Leben! –
Da wurde hastig die Tür geöffnet, und die Prinzessin Julienne eilte lächelnd und weinend herein und rief, ihm zufliegend: "O mein Bruder! mein Bruder!" – "Julienne," (sagt' er ernst und innig) "bist du endlich meine Schwester wirklich?" – "O lange genug ist sie es", versetzte sie und sah ihn zärtlich und selig an und lächelte ins Weinen. Dann umarmte sie ihn wieder und sah ihn wieder an und sagte: "Du schöner Albano-Bruder! – So lange bin ich wie ein Mond um dich herumgezogen und musste kälter und weiter bleiben wie er; und will ich dich auch ausnehmend liebhaben, so recht zurücklieben und vorwärts dazu!" – "Allmächtiger!" (brach Albano weinend aus, da er sich so plötzlich von einem gebenden Arm aus der Wolke umschlungen fand) "das alles gibst du mir auf einmal jetzt?" – "Ach," (rief Julienne lebhaft) "weint' ich nur auch vor lauter Freude! Aber ich esse mein bitteres Stück Schmerz mit dazu! Lieber Bruder, Luigi schreibt mir gestern aus Pestitz, ich sollte zurückeilen, sonst erleb' er schwerlich meine Wiederkunft. dachte' ich das bei der Abreise? So soll ich, was ich mit der einen Hand einnehme, mit der andern ausgeben." Albano schwieg dazu, weil er am Fürsten keinen Anteil nehmen konnte. Desto mehr erquickt' er sich mit frischer klarer Freude am offnen wehenden Orient der frühesten Lebenstage, an dem Blicke auf diese junge reine Blume, die gleichsam in und aus der hellen frischen Quelle seiner Kindheit wuchs und spielte.
"Aber Himmel! erkläre mir," (fing Albano an) "wie alles zuging." – "Jetzt, weiss ich, hebt das fragen an" (versetzte sie) – "Die ostensible Hauptsumme sollst du kurz haben – fragst du nach mehr, willst du ins Geheimbuch gucken, so schlag' ichs zu und sage dir einige Lügen vor. Im nächsten Oktober, wohl eher, kommt alles ans Licht. Zu allererst! Meine Mutter war und bleib wahrlich rein und heilig bei dieser Verwandtschaft, bei dem allmächtigen Gott!"
"Welch ein Rätsel!" (sagt' er) "Bist du die Tochter meines Vaters? Ist Luigi mein Bruder? Ist meine tote Schwester Severina deine Schwester?" fragt' er.
Julienne. Frage den Oktober!
Albano. Ach Schwester!
Julienne. O Bruder! Traue der Tochter Melchisedeks. Ferner: ich war wohl die erscheinende Schwester, die der Mensch mit dem kahlen kopf dir in Lilar zuführte; ich konnte nicht, ich musste dich haben, eh' du ins Ausland entflogst. Das Alter, das ich damals im Spiegel hatte, war, wie du siehst, nur vom Kunstspiegel191 gemacht.
Albano. Wahrlich, ich dachte damals an niemand als an dich. Nur wie kommt ein Mensch wie der Kahlkopf und wie der Vater des Todes – der mir so unbegreiflich in Mola vorausgesagt, dass ich dich finden würde – –
Julienne. Das ist unmöglich – Meinen Namen nannt' er?
Albano. Bloss dieser fehlte. Der Pater ist übrigens nach aller Wahrscheinlichkeit mit dem Kahlkopf ein Mensch. Er fuhr dabei gegen Himmel.
Julienne. Da bleib' er ja und der andere mit. Geht und ficht mich oder dich dieser dunkle Zauber-Bund etwas an, der in seinen falschen Wundern bisher immer durch seltsame wahre unterbrochen wurde? Ich kam damals in Lilar unschuldig dazu und verhütete vielleicht etwas Fürchterliches.
Albano. Bei Gott, ich muss fragen. Was ist denn sein Zweck, wer sein Leiter, sein Oberer?
Julienne. Vermutlich der Vater der Gräfin, denn der lebt noch unbekannt und ungesehen, hör' ich, obgleich dein Vater Vormund ist. Erstaune, wenn du zu haus bist, und lasse die Rätsel, die sich ja für uns beide schon so freudig entwickeln, und erwarte die Oktobertage.
Albano. Aber eins, geliebte Schwester, versage mir doch nicht, ein klares Wort über mein und dein wunderbares Verhältnis zur edlen Gräfin! Nur das!
Julienne. Hat dirs denn schon mein Herz versagt? – Die herrliche! – Wohl ihr und mir und dir! Dein erstes Wort der Liebe – die Götter setzten dies nun so fest – sollte das Merkwort zu dem meinigen an dich werden, erst von der Geliebten durftest du die Schwester empfangen. Was Gaukler und Geister dazu und davon taten, das weiss niemand besser als der – Oktober; was soll ich erst lange zwischen Lüge und Meineid auslesen? Ich tat bloss alles, euch beide nur voreinander hinzustellen; das Übrige wusst' ich voraus. Nichts gelang – lauter erwürgender Wirrwarr alles ging bergan – ich sah teuere Menschen192 in einem unseligen Frühling entsetzliche Schmerzen säen und dabei so voll Hoffnungen lächeln und konnte ihre unglücklichen hände nicht halten – ich, die so gewiss allen Jammer vorauswusste. – "O du fromme reine Seele droben!" sagte sie auf einmal mit zitternder Lippe zum Himmel hinauf – die Geschwister umfassten sich sanft und weinten still über das unschuldige Opfer.
"Nein," (sagte Albano sehr warm) "kein Höllenbund konnte uns scheiden, wäre sie nur bei mir geblieben oder doch auf der Erde." – "Sieh, Albano," (sagte Julienne, ihre frohern Lebensgeister wieder zusammenrufend, und öffnete alle dunkele Fenster) "wie der