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, unterbrach sie mit fragen über einzelne Kunstwerke in Neapel; sie teilte sehr offen ihre eigentümliche Ansicht mit, obwohl ziemlich entscheidend Albano dachte zuerst an seinen zeichnenden Freund Schoppe und fragte nach ihm; "bei meiner Abreise" (sagte sie) "war er noch in Pestitz, ob ich gleich nicht begreife, was ein so ungemeines Wesen da will es ist ein gewaltiger Mensch, aber verworren und nicht klar. Er ist sehr Ihr Freund." – "Was macht" (fragte Dian halb scherzend) "mein alter gönner, der Lektor Augusti?" – Sie antwortete kurz und fast über dessen vertrauliches fragen empfindlich: "Es geht ihm gut am hof. – Wenigen Naturen" (wandte sie sich, über Augusti fortfahrend, an Albano) "geschieht so viel Unrecht des Urteils als solchen einfachen, kühlen, konsequenten wie der seinigen." Albano konnte nicht ganz Ja sagen; aber er erkannte in ihrer achtung für die fremdeste Eigentümlichkeit froh die Schülerin seines Vaters, der ein Gewächs nicht nach der glatten oder rauhen Rinde, sondern nach der Blüte schätzte. Nie zeichnet der Mensch den eignen Charakter schärfer als in seiner Manier, einen fremden zu zeichnen. Aber Lindas hohe Offenherzigkeit dabei, die feingebildeten Weibern so oft abgeht als kräftigen Männern Feinheit und Hülle, ergriff den Jüngling am stärkesten, und er glaubte zu sündigen, wenn er nicht seine grosse natürliche gegen sie verdoppelte.

Sie rief ihre Jungfrauen zum Fortgehen. Dian ging fort. "Diese sind mir nötiger," (sagte sie zu Albano) "als sie es scheinen." Sie habe nämlich, erzählte sie, etwas von der Augenkrankheit190 vieler Spanierinnen, nachts unendlich kurzsichtig zu sein. Er bat, sie begleiten zu dürfen, und es geschah; er wollte sie führen ihrer Anmerkung wegen, sie verbats.

Unter dem Gehen stand sie oft still, um nach der schönen Flamme des Vesuvs zu blicken. "Er steht" (sagte Albano) "in diesem Hirtengedicht der natur als eine tragische Muse da und hebt alles wie ein Krieg die Zeit." – "Glauben Sie das vom Krieg?" sagte sie. – "Entweder grosse Menschen" (versetzte er) "oder grosse Zwecke muss ein Mensch vor sich haben, sonst vergehen seine Kräfte, wie dem Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Welt-Ekken gekehrt gelegen." – "Wie wahr!" (sagte sie) – "Was sagen Sie zu einem gallischen Krieg?" – Er bekannte seinen Wunsch für dessen Entstehung und die eigne Teilnahme daran. Er konnte, sogar auf Kosten seiner Zukunft, gegen sie nichts sein als offenherzig. "Selig seid ihr Männer," (sagte sie) "ihr grabt euch durch den Lebens-Schnee durch und trefft endlich die grüne Saat darunter an. Das kann keine Frau. Ein Weib ist doch ein dummes Ding der natur. Ich ehre ein paar Häupter der Revolution, besonders das politische Kraft-Ungeheuer, den Mirabeau, ob ich ihn gleich nicht liebhaben kann."

Unter diesen Reden stiegen sie am Epomeo auf. Agata begleitete die beiden Gespielinnen ihrer frühern Zeit mit voller Zunge und hungrigem Ohre für so viele gegenseitige Neuigkeiten. Da er jetzt neben der schönen Jungfrau ging und zuweilen in das Angesicht blickte, das durch die geistige Kraft noch schöner wurde, zugleich Blume, Blüte und Frucht, statt dass sonst umgekehrt der Kopf durch das Gesicht gewinnt: so richtete er strenge über sein bisheriges Betragen gegen dieses edle Wesen; ob er gleich wie sie aus Zarteit über das bisherige Gaukelspiel mit ihrem Namen so wie über das Wunder des heutigen Begegnens schwieg. Still gingen sie in der seltnen Nacht und Gegend. Auf einmal blieb sie auf einer Höhe stehen, um welche der Brautschatz der natur nach allen Seiten in Bergen aufgehäufet war. Sie blickten im Glanze umher, der Schwan des himmels, der Mond, wogte fern vom Vesuve im hohen Äterdie Riesenschlange der Erde, das Meer, schlief fest in ihrem von Pol zu Pol reichenden Bettedie Küsten und Vorgebürge dämmerten nur wie MitternachtsträumeKlüfte voll Baumblüten flossen über von äterischem Tau aus Licht, und unten in Tälern standen finstere Rauchsäulen auf heissen Quellen und verwallten oben in Glanzhoch lagen überall erleuchtete Kapellen und tief um das Ufer dunkle Städte die Winde standen still, die Rosendüfte und die Myrtendüfte zogen alleinweich und lau umfloss die blaue Nacht die entzückte Erde, um den warmen Mond wich der Äter aus, und er sank liebestrunken mitten aus dem Himmel immer grösser auf den süssen Erdenfrühling hereinder Vesuv stand jetzt ohne Flamme und ohne Donner, weiss von Sand oder Schnee, in Morgenim dunklern Blau waren die Goldkörner der feurigen Sterne weit auseinandergesäet. –

Es war die seltene Zeit, wo das Leben den Durchgang durch eine überirdische Sonne hat. Albano und Linda begegneten sich mit heiligen Augen, und die Blicke löseten sich wieder sanft auseinander; sie schaueten in die Welt und in das Herz und sprachen nichts aus. Linda kehrte sich sanft um und ging still weiter.

Da rief auf einmal eines der nachgehenden geschwätzigen Mädchen aus: "Es kommt wahrlich ein Erdbeben, ich fühl' es recht, gute Nacht!" – Es war Agata. "Gott geb' eines", sagte Albano. "O warum?" sagte Linda eifrig, aber leise. – "Alles, was die unendliche Mutter will und gibt, ist mir