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mit einem himmlischen Angesicht über seine Wiege lächelnd und begabend hereingebückt und die nun der Geist mit alter Liebe wiedererkennt. Er dachte wohl an einen Namen, den ihm Geister genannt, aber diese Gegenwart schien hier nicht möglich. Sie heftete ihr Auge mit Wohlgefallen und Aufmerksamkeit auf das Spiel zweier Jungfrauen, welche, niedlich in Seide gekleidet, mit Gold-besetzten seidnen Schürzen, zur Tamburine einer dritten anmutig mit verschämt gesenktem haupt und gesenkten Augen tanzten; die beiden andern, von der Fremden mitgebrachten Jungfrauen und Agata sangen mit italienischer halber stimme süss zur holden Lust. "Es geschieht alles" (sagte ein alter Mann zur Fremden) "in der Tat zur Ehre der heiligen Jungfrau und des heiligen Nikola." Sie nickte langsam ein ernstes Ja.

Da stand plötzlich Luna, vom Opferfeuer des Vesuvs umspielet, drüben am Himmel, als die stolze Göttin des Sonnengottes, nicht bleich, sondern feurig, gleichsam eine Donnergöttin über dem Donner des Bergsund Albano rief unwillkürlich: "Gott, der grosse Mond!" – Schnell hob die Fremde den Schleier zurück und sah sich bedeutend nach der stimme wie nach einer bekannten um; als sie den fremden Jüngling lange angeblickt, wandte sie sich nach dem mond über dem Vesuv.

Aber Albano war von einem Gott erschüttert und von einem Wunder geblendet: er sah hier Linda de Romeiro. Als sie den Schleier hob, strömte Schönheit und Glanz aus einer aufgehenden Sonne; zarte jungfräuliche Farben, liebliche Linien und süsse Fülle der Jugend spielten, wie ein Blumenkranz um eine Götterstirn, mit weichen Blüten um den heiligen Ernst und mächtigen Willen auf Stirn und Lippe und um die dunkle Glut des grossen Auges. Wie hatten die Bilder über sie gelogen und diesen Geist und dieses Leben so schwach ausgesprochen!

Als wollte die Zeit die glänzende Erscheinung würdig umgeben, so schön spielten Himmel und Erde mit allen Strahlen des Lebens ineinanderliebesdurstig flogen Sterne wie Himmelsschmetterlinge ins Meerder Mond war über die ungestüme Erdflamme des Vesuvs weggezogen und bedeckte mit seinem zarten Licht die frohe Welt, das Meer und die Uferder Epomeo schwebte mit seinen versilberten Wäldern und mit der Einsiedelei seines Gipfels hoch im NachtBlaudarneben lebten die singenden, tanzenden Menschen mit ihren Gebeten und ihren fest-Raketen, die sie in die Höhe warfen. – – Da Linda lange über das Meer nach dem Vesuv gesehen: redete sie den stillen Albano, um seinem Ausruf zu antworten und ihr schnelles anblickendes Umwenden nach ihm gutzumachen, selber an: "Ich komme vom Vesuv," (sagte sie) "aber er ist ebenso erhaben in der Nähe als in der Ferne, was so selten ist." – Ganz fremd und geistermässig klang es ihm, dass er diese stimme wirklich hörte. Mit sehr bewegter versetzt' er: "Aber in diesem land ist ja alles gross, sogar das Kleine durch das Grossediese kleine Menschenfreude hier zwischen dem ausgebrannten Vulkan189 und dem brennendenalles ist eins und darum recht und so göttlich." Zugleich an- und weggezogen, ihn nicht kennend, obwohl vorhin von seiner Stimmen-Ähnlichkeit mit Roquairol getroffen, seinen einfachen Worten gern nachdenkend, blickte sie länger, als sie merkte, das redliche, aber trotzige und warme Auge des Jünglings an; antwortete nichts, wandte sich langsam ab und sah wieder still den Spielen zu.

Dian, der schon lange die schöne Fremde angesehen, fand endlich in seinem Gedächtnis ihren Namen und kam zu ihr mit der halb stolzen, halb verlegnen Miene der Künstler gegen den Stand. Sie kannte ihn nicht wieder. "Der Grieche Dian," (sagte Albano) "edle Gräfin!" – Verwundert über des Grafen Erkennung sagte sie zu diesem: "Ich kenne Sie nicht." – "Meinen Vater kennen Sie," (sagte Albano) "den Ritter von Cesara." – "O dio!" rief die Spanierin erschrocken, wurde eine Lilie, eine Rose, eine Flamme, suchte sich zu fassen und sagte: "Wie sonderbar! Eine Freundin von Ihnen, die Prinzessin Julienne, ist auch hier."

Das Gespräch floss jetzt ebener. Sie sprach von seinem Vater und drückte als Mündel ihre Dankbarkeit aus: "Es ist eine mächtige natur, die sich vor allem Gemeinen bewahrt", sagte sie, sogleich gegen die vornehme Sitte schon teilnehmend von Personen sprechend. Den Sohn beglückte das Lob auf einen Vater, er erhöhte es und fragte in froher Erwartung, wie sie seine Kälte nehme.

"Kälte?" – (sagte sie lebhaft) "das Wort hass' ich recht; wenn einmal ein seltener Mensch einen ganzen Willen hat und keinen halben und auf seiner Kraft beruht und nicht wie ein Schaltier sich an jedes andere klebt: so heisst er kalt. Ist die Sonne in der Nähe nicht auch kalt?" – "Der Tod ist kalt," (rief Albano sehr bewegt, weil er oft selber mehr Kraft als Liebe zu haben glaubte) "aber eine erhabene Kälte, eine erhabene Qual kann es wohl geben, die mit Adlersklaue das Herz in die Höhe entführt, aber es zerreisset mitten im Himmel und vor der Sonne."

Sie sah ihn gross an: "Ihr sprecht ja wie ein Weib," (sagte sie) "das allein hat ohne die Macht der Liebe nichts zu wollen und zu tun; aber es war artig." – Dian, zu allgemeinen Betrachtungen verdorben und nur zu individuellen tüchtig