Mannsstammes, verdorrte. Welche Herden von venezianischen Löwenköpfen Haarhaar ins künftige Erbland treibt, die da nichts verschlingen sollen als gelehrte Anzeigen und Wundzettel – und welche Spitzbubenbande von politischen Mechanikern es da wie in eine Botany-Bay aussetzt, ist gar nicht zu sagen aus Mangel an Zeit. Doch ist Haarhaar auf der andern Seite wieder so brav, dass es nichts so herzlich wünscht als den höchsten Flor des Hohenfliesser Finanz-Etats, Handels, Acker- und Seidenbaues und Gestütes und dass es im höchsten Grade jede öffentliche Verschwendung – diese Entnervung des grossen Interkostal-Nervens (des Geldes) – als das stärkste kanonische Impediment aller Bevölkerung hasset und verflucht: "Der Regent" (sagt der echt menschenfreundliche Fürst von Haarhaar) "ist der Ober-Hirt, nicht der Schächter des staates, sogar die Wollenschere nehm' er nicht so oft als die Hirtenflöte in die Hand; nicht über fremde Kräfte und Ehen ist unser Vetter (Luigi) Herr, sondern über seine, diese soll er ruinieren!" –
Als sie ins Hohenfliessische einritten, hätten sie einen Abstecher nach Blumenbühl20, das seitwärts von Pestitz liegt, gleichsam in die Kinderstube Albanos (Isola bella ist die Wiege) machen können, wenn dieser nicht fortgeritten wäre aus Heisshunger nach der Stadt und aus Wasserscheu vor einem zweiten Abschiede, der ohnehin nur den reinen Nachklang des ersten verwirrt. Die Reise, die Reden des Vaters, die Bilder des Gauklers, die Nähe der Akademie hatten an unserm Vogel Rok die Flügelfedern – die in seinem Alter zu lang sind, wie die steuernden Schwanzfedern zu kurz – so aufgespreizet, dass sie im enggehäusigen Blumenbühl sich nur verstauchen konnten; beim Himmel, er wollte ja etwas werden im staat oder auf der Erde, weil ihn so tödlich jene narkotische Wüste des vornehmen Lebens anekelte, durch dessen Lilienopium der Lust man schläfrig und betrunken wankt, bis man an doppelseitigen Lähmungen umfällt.
Man wird es aus der ersten Jobelperiode nicht behalten haben – weils in einer Note stand –, dass Alban niemals nach Pestitz durfte, und zwar aus sehr guten Gründen, die dem Ritter allein bekannt sind, aber nicht mir. Dieser lange Torschluss der Stadt schärfte nur seine sehnsucht darnach noch mehr. – Sie standen jetzt mit ihren Pferden auf einer weiten Anhöhe, wo sie die Pestitzer Kirchtürme in Westen vor sich sahen und – wenn sie sich umkehrten – unten den Blumenbühler Turm in Morgen; aus jenen und aus diesem kam zu ihnen ein verwehtes Mittagsgeläute her; Albano hörte seine Zukunft und seine Vergangenheit zusammentönen. Er sah nieder ins Dorf und hinauf an ein nettes rotes Häuschen auf einem nahen Berge, das ihm wie eine hell bemalte Urne längst ausgewischter Tage nachglänzte; er seufzete; er blickte über die weite Baustelle seines künftigen Lebens und sprengte nun mit verhängtem Zügel nach den Lindenstädter Türmen wie den Palmen seiner Laufbahn zu. –
Aber das nette Häuschen gaukelte ihm wie ein roter Schatten voraus. Ach hatte' er denn nicht in dieser Sennenhütte einmal einen träumenden Tag voll Zufälle verlebt, und noch dazu in jener kindlichen Zeit, wo die Seele auf der Regenbogenbrücke der Phantasie trocknes Fusses über die lachen und Mauern der untern Erde wegschreitet? – Wir wollen in diesen lieben Tag, in dieses kindliche Vorfest des Lebens, jetzt mit ihm zurückgehen und die frühern Stunden kennen lernen, die ihm so schön mit diesem Kuhreigen der Jugend aus der Sennenhütte nachklingen. –
11. Zykel
Es war nämlich an einem herrlichen Jakobustage – und zugleich am Geburtstage des Landschaftsdirektors Wehrfritz, der aber damals noch keiner war –, als dieser am Morgen den Wagen herausschieben liess, um darin nach Pestitz zum Minister zu fahren und die Dreschmaschine des Staates als Unterhändler der Landschaft versuchsweise in eine Säemaschine umzustellen. Er war ein rüstiger Mann, dem ein Ferientag länger wurde als andern ein Exerzitientag und dem nichts Langweile machte als Kurzweile: "Aber abends" (dachte' er) "mach' ich mir einen guten Tag, denn es ist einmal mein Geburtstag." – Sein Angebinde sollte darin bestehen, dass er eines – machte; er wollte nämlich aus Pestitz dem kleinen Albano einen Österleinschen Flügel aus seinem eignen Beutel – so wenig darin war – und obendrein einen Musikmeister auf Don Gaspards Verlangen mitbringen.
Aber warum will man das dem Leser nicht vorher auf das deutlichste auseinandersetzen?
Don Gaspard hatte nämlich in der Revision des Erziehungswesens für Albano gewollt, dass auf dessen körperliche Gesundheit mehr als auf die geistige Superfötation gesehen würde; der Erkenntnisbaum sollte mit dem Lebensbaume ablaktieret werden. Ach wer der Weisheit die Gesundheit opfert, hat meistens die Weisheit auch mitgeopfert; und nur angeborne, nicht erworbne Kränklichkeit ist Kopf und Herzen dienlich. Daher hatte Albano in seinem Bücherriemen nicht die vielbändige Enzyklopädie aller Wissenschaften gebückt zu schleppen, sondern bloss Sprachlehren. Nach den Schulstunden der Dorfjugend suchte nämlich der Rektor des Orts – namens Wehmeier, bekannter unter dem Titel: Schachtelmagister – seine schönsten Struveschen Nebenstunden, seine Otia und Noctes hagianae darin, dass er ihn unterwies und in die von inneren Strömen angefasste Mühlwelle des ewig regen Knaben alphabetische Stifte zu einer Sprachwalze einschlug. Freilich aber wollte Zesara bald etwas Schwerers bewegen als die Sprach-Tastatur; so wurde z.B. die Sprachwalze im eigentlichen Sinne zur Spielwalze; denn stundenlang versucht' er auf der Orgel des Orts ohne sonderliche Kenntnis des Kontrapunkts (er kannte keine Note und Taste und stand unter dem Orgelstücke auf dem fortbrausenden Pedale fest) sich in den entsetzlichsten Misstönen, wogegen die Enharmonika aller Piccinisten verstummen muss,