Spricht nicht die Landschaft, der Berg, die Küste gleich einem Echo desto mehr Silben zur Seele, je ferner sie sind? Wie jung fühlt' ich die Welt und mich, und der ganze Morgen meines Lebens war in diesen gedrängt!
Mein Freund kam – alles war berichtigt – die Schiffer angekommen – Agata wurde zur Freude geweckt – und wir stiegen ein, als die Morgenröte die Gebürge entzündete, und aufgebläht von Morgenlüften, flog das Schiffchen ins Meer hinaus.
Ehe wir noch um das Vorgebürg des Posilippo herumschifften, warf der Krater des Vesuvs den glühenden Sohn, die Sonne, langsam in den Himmel, und Meer und Erde entbrannten. Neapels halber Erdgürtel mit morgenroten Palästen, sein Marktplatz von flatternden Schiffen, das Gewimmel seiner Landhäuser an den Bergen und am Ufer hinauf und sein grünender Tron von S. Elmo standen stolz zwischen zwei Bergen, vor dem Meere.
Da wir um den Posilippo kamen, stand Ischias Epomeo wie ein Riese des Meers in der Ferne, mit einem Wald umgürtet und mit kahlem weissen Haupt. allmählich erschienen auf der unermesslichen Ebene die Inseln nacheinander wie zerstreuete Dörfer, und wild drangen und wateten die Vorgebürge in das Meer. Jetzt tat sich, gewaltiger und lebendiger als das vertrocknete vereinzelte starre Land, das Wasserreich auf, dessen Kräfte alle, von den Strömen und Wellen an bis zum Tropfen, zusammengreifen und sich zugleich bewegen. – Allmächtiges und doch sanftes Element! Grimmig schiessest du auf die Länder und verschlingst sie, und mit deinen aushöhlenden Polypenarmen liegst du an der ganzen Kugel. Aber du bändigst die wilden Ströme und zerschmilzest sie zu Wellen, sanft spielest du mit deinen kleinen Kindern, den Inseln, und spielest an der Hand, die aus der leichten Gondel hängt, und schickst deine kleinen Wellen, die vor uns spielen, dann uns tragen, und dann hinter uns spielen.
Als wir vor dem kleinen Nisita vorbeikamen, wo einst Brutus und Kato nach Cäsars Tod Schutzwehr suchten – als wir vor dem zauberischen Baja und dem Zauberschlosse, wo einst drei Römer die Teilung der Welt beschlossen, und vor dem ganzen Vorgebürge vorübergingen, wo die Landhäuser der grossen Römer standen, und als wir nach dem Berge von Cuma hinabsahen, hinter welchem Scipio Afrikanus in seinem Linternum lebte und starb: so ergriff mich das hohe Leben der alten Grossen, und ich sagte zu meinem Freunde: 'Welche Menschen waren das! Kaum erfahren wir es gelegentlich im Plinius oder Cicero, dass einer von ihnen dort ein Landhaus hat, oder dass es ein schönes Neapel gibt – mitten aus dem Freudenmeer der natur wachsen und tragen ihre Lorbeern so gut wie aus dem Eismeere Deutschlands und Englands, oder aus Arabiens Sand – in Wüsten und in Paradiesen schlugen ihre starken Herzen gleich fort, und für diese Weltseelen gab es keine wohnung, ausser die Welt. Nur bei solchen Seelen sind Empfindungen fast mehr wert als Taten, ein Römer konnte hier gross vor Freude weinen! Dian, sage, was kann der neuere Mensch dafür, dass er so spät lebt hinter ihren Ruinen?'
Jugend und Ruinen, einstürzende Vergangenheit und ewige Lebensfülle bedeckten das misenische Gestade und die ganze unabsehliche Küste – an die zerbrochnen Aschenkrüge toter Götter, an die zerstückten Tempel Merkurs, Dianens spielte die fröhliche leichte Welle und die ewige Sonne – alte einsame Brückenpfeiler im Meer, einsame Tempelsäulen und Bogen sprachen im üppigen Lebensglanze das ernste Wort – die alten heiligen Namen der elysäischen Felder, des Avernus, des toten Meers wohnten noch auf der Küste – Felsen- und Tempeltrümmer lagen untereinander auf der bunten Lava – alles blühte und lebte, das Mädchen und die Schiffer sangen – die Berge und die Inseln standen gross im jungen feurigen Tage – Delphine zogen spielend neben uns – singende Lerchen wirbelten sich im Äter über ihre engen Inseln heraus – und aus allen Enden des Horizonts kamen Schiffe herauf und flogen pfeilschnell dahin. Es war die göttliche Überfülle und Vermischung der Welt vor mir, brausende saiten des Lebens waren über den Saitensteg des Vesuvs und Posilipps herüber bis an den Epomeo gespannt.
Plötzlich donnerte es einmal durch den blauen Himmel über das Meer her. Das Mädchen fragte mich: 'Warum werdet Ihr bleich? es ist nur der Vesuv.' Da war ein Gott mir nahe, ja Himmel, Erde und Meer traten als drei Gotteiten vor mich – von einem göttlichen Morgensturm wurde das Traumbuch des Lebens rauschend aufgeblättert, und überall las ich unsere Träume und ihre Auslegungen.
Nach einiger Zeit kamen wir an ein langes, den Norden verschlingendes Land, gleichsam der Fuss eines einzigen berges, es war schon das holde Ischia, und ich stieg selig-trunken aus, und da erst dachte' ich an das Versprechen, dass ich da eine Schwester finden sollte."
110. Zykel
Bewegt, gleichsam feierlich betrat Albano das kühle Eiland, es war ihm, als wehten ihm die Lüfte immer die Worte zu: der Ort der Ruhe. Agata bat sie beide, bei ihren Eltern zu wohnen, deren Haus am Ufer, nicht weit vom Vorstädtchen187, liege. Als sie über die brücke gingen, die den grünen, mit Häusern umwundenen Fels mit dem Ufer und dem Städtchen zusammenhängt: so zeigte sie freudig im Osten das einzelne Haus. Wie sie so langsam gingen und sich der hohe runde Felsen und die Häuserreihe im wasser abspiegelte – und wie auf den flachen Dächern die schönen Weiber, welche die Feier-Lampen für den Abend ordneten, zueinander emsig herübersprachen und wie sie die wiederkommende Agata grüssten