Liebe, Albano, ich wollt' es gerne tun. Das Papier geht aber auf dieser Seite zu Ende, und die Mutter will auf die andere einen Gruss schreiben. Lebe wohl, das wünscht
deine treue Schwester
Rabette.
Wie geht es meinem teuersten Sohn? Ist er glücklich, noch fromm, und gesund? Denkt er seiner treuen Pflegeeltern noch? Das fragt und wünscht im Namen des Vaters und in ihrem eignen
seine treue Mutter
Albine v. W.
P.S. Auch der alte Lehrer Wehmeier grüsset seinen Liebling in fernen Landen; und wir alle freuen uns auf seine Wiederkehr. A.
P.S. Bruder, ich muss auch ein P.S. machen, Schoppe hat die Bewusste gemalt, und auch daraus entstanden Szenen. Aber ein Mehres mündlich. Die Prinzesse Idoine fuhr diesen Winter oft zu unserer.
R."
Da Briefe sich mehr nach dem Orte, wo sie geboren, als nach dem, wo sie abgegeben werden, richten: so kommt oft, was als Same abging, schon keimend und mit Wurzeln an nach dem langen Wege und umgekehrt Blüten als trockner Same; und jedes Blatt ist eine Doppelgeburt von zwei fernen zeiten, der schreidiesem hellern Himmel, auf diesem Boden einer grösseren Vorzeit und mit dem geist voll neuer Triebfedern weniger von Rabettens Brief, durch welchen die nordischen Winternebel zogen, erreicht und verfinstert. Die redliche Rabette, die linde Albine kamen ihm nur sanft über die fremden Berge und Lüfte nach und legten an seine heisse Stirn die kühlende Hand; sein alter Schoppe stand in alter Würde vor ihm, und Liane schwebte wieder durch das hohe Blau. Gegen den verwitterten Roquairol fühlt' er nicht einmal Mitleid, sondern eine harte Geringschätzung; und Lindas standhafter Sinn war recht nach seinem, wie der stolze blick und gang der Römerinnen. Jetzt dachte' er über manches heiterer als sonst und wünschte sogar, einmal jener Heroine ins Zauber-Gesicht zu schauen.
In Fondi fing der neapolitanische Weltgarten an, und sie fuhren auf dem Wege nach Mola in immer dichtere Blüten und Blumen. In fliegenden Blättern – vielleicht an seinen Vater, noch wahrscheinlicher an seinen Schoppe – sprach sich sein Glück und seine Seele aus; sie bewahrten gleichsam einige entfallne Orangenblüten des schnell durchflognen Edens auf. Hier sind sie: "Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir am Himmelfahrtstag in Mola an, der eingeborne Dian war ebenso überwunden von der grünenden Herrlichkeit, die er lange nicht gesehen, wie ich, und ich glaube' ihm noch nicht, dass es um Neapel schöner blühe und dufte. Ich ging gar nicht in die Stadt, denn die Sonne hing schon gegen das Meer. Um mich quillt der Blumenrauch aus Zitronenwäldern und Jesmin- und Narzissen-Auen – zu meiner Linken wirft der blaue Apennin seine Quellen von Berg zu Berg, und zu meiner Rechten dringt das gewaltige Meer an die gewaltige Erde an, und die Erde streckt den festen Arm aus und hält eine glänzende Stadt185, mit Gärten behangen, weit ins Wogen-Gewimmel hinein – und ins unergründliche Meer sind hohe Inseln als unergründliche Berge186 hineingeworfen – tief in Süden und Osten greift ein schimmerndes Nebelland, die Küste von Sorrento, wie ein gekrümmter Jupiters-Arm um das Meer, und hinter dem fernen Neapel steht der Vesuvius mit einer Wolke im Himmel unter dem Mond. 'Fall auf deine Knie, Glückseliger', (sagte Dian) 'vor der kostbaren Weite!' O Gott, warum nicht ernstlich es tun? Wer kann denn im Abendscheine das ungeheuere Wellen-Reich anschauen, wie dort das Regen sich in der Ferne stillt und nur glänzt und endlich blau und golden mit dem Himmel verschwebt, und wie hier die Erde das weiche schwebende Feuer mit ihren langen Ländern in einen rosigen festen Erdschatten einschliesset, wer kann den Feuerregen des unendlichen Lebens, den webenden Zauberkreis aller Kräfte im wasser, im Himmel, auf der Erde erblicken, ohne niederzuknien vor dem unendlichen natur-geist und zu sagen: wie bist du mir so nahe, Unaussprechlicher! – O hier ist er in der Nähe und Ferne, die Seligkeit und die Hoffnung schimmert von der Nebel-Küste her, und auch aus den nahen Quellen, die das Gebürge in das Meer heruntergiesset, und in der weissen Blüte über meinem Haupt. O rufet denn nicht diese Sonne, von brennenden Wellen umflattert, und das Blau droben und drüben und die erglühenden Menschen-Länder, die Welten in der Welt, rufet nicht diese Ferne das Herz und alle seine stolzen Wünsche heraus? Will es nicht schaffen und in die Ferne greifen und seine Lebensblüte vom höchsten Gipfel des himmels reissen? Wenn es aber sich umsieht auf seinen Boden, auch da wieder ist der Gürtel der Venus um den blühenden Umkreis geworfen, hell grünt der hohe Myrtenbaum neben seiner kleinen dunkeln Myrte, die Orange schimmert im hohen kalten Grase, und oben duftet ihre Blüte, der Weizen weht mit breiten Blättern zwischen dem Mandel- und Narzissen-Schmelze, und ferne ist die Zypresse und die Palme stolz; alles ist Blume und Frucht, Frühling und Herbst. Soll ich hin, soll ich her, das fragt das Herz in seinem Glück.
So ging mir die Sonne unter die Wellen hinab – die roten Küsten flohen unter ihre Nebel – die Welt erlosch von Land zu Land, von einer Insel zur andern – der letzte Goldstaub auf den Höhen wurde verweht – und die Gebetglocken der Klöster führten das Herz über die Sterne hinauf.