einem wichtigen Ziele verabscheute er nichts so sehr als zagende Vorsicht; und Wagen hielt er für einen Mann so viel wert als Gewinnen.
Die Fürstin, missverstehend, doch nicht misstrauend, folgte ihm in des Vaters Haus, mit einer Erwartung – kühner als seine –, er bekenne vielleicht gar dem Ritter die Liebe gegen sie. Sie fanden den Vater allein und sehr ernst. Albano fiel ihm, wiewohl er dessen Abneigung gegen körperliche Herzenszeichen kannte, um den Hals mit den halb erstickten Worten des Wunsches: "Vater! Eine Mutter!" – Zu diesem kindlichen Verhältnis hatte sich sein bisheriges gehoben und gereinigt. "Gott, Graf!" rief die Fürstin, über Albano bestürzt und entrüstet. – Der zornfunkelnde Ritter ergriff voll Entsetzen eine Pistole, sagte: "Unglückliches –", aber ehe man nur wusste, auf wen von drei Menschen er sie abdrücken wolle, fasste ihn seine Starrsucht und hielt wie eine umwindende Schlange ihn in der mörderischen Lage gefangen. "Graf, verstand ich Euch?" sagte die Fürstin wegwerfend gegen ihn, gleichgültig gegen den versteinerten Feind. – "O Gott," (sagte Albano, von der väterlichen Gestalt bewegt) "ich verstand wohl niemand." – "Das konnte" (sagte sie) "nur ein Unwürdiger. Lebt wohl. Mög' ich niemals Euch mehr begegnen!" – Dann ging sie.
Albano blieb, unbekümmert, ob er nicht selber mit der Pistole gemeint sei, bei dem Kranken, der einer vornehmen Männer-Leiche gegenüber entgegenstarrte, die man eben zu schminken beschäftigt war. allmählich rang sich das Leben wieder aus dem Winter auf, und der Ritter setzte, wie Starrsüchtige müssen, die mit dem Worte "unglückliches" angefangne Anrede so fort: "Weib, von wem bist du Mutter?" – Er kam zu sich und sah wach umher; aber schnell rann wieder die Lava des Zorns durch seinen Schnee: "Unglücklicher, wovon war die Rede?" Albano entdeckte ihm mit gerader unschuldiger Seele, dass er bei dem wahrscheinlichen tod des Fürsten auf eine Vereinigung zwischen beiden und auf das Glück, eine Mutter zu erhalten, sich die Hoffnung gemacht.
"Ihr junges Volk bildet euch immer ein, man könne keine echte Liebe haben, ohne sie nach aussen zu treiben und auf jemand zu richten", versetzte Gaspard und fing an, hart zu lachen und das "sentimentalische Missverständnis" sehr komisch zu finden; aber Albano fragte ihn nun sehr ernst nach dem Ursprunge des seinigen. Gaspard gab ihm diesen. Neulich in seiner Krankheit hatte' er bei der ersten Nachricht von des Fürsten naher Abblüte einen erbitterten Kampf mit der Fürstin, welche in dessen Todesfalle eine Regentschaft – oder Vormundschaft – begehrte, schon wegen der Möglichkeit eines Fürstenhut-Erben. Der Ritter sagt' ihr geradezu, diese Möglichkeit sei eine Unmöglichkeit und er werde mit neuen, ihr unbekannten Beweisen sie ohne weiteres angreifen. Er gab ihr geradezu zu verstehen, dass er sogar gegen den Fall gerüstet sei, wo ein augenscheinlicher Beweis des Gegenteils (ein Erbprinz) ihm entgegengestellet würde. Die Fürstin versetzte erbittert, sie errate nicht, warum er für die haarhaarsche Linie und Erbfolge sich im geringsten mehr bekümmere und sorge als für die Hohenfliesser. Er brachte sie bis zu Tränen; denn er konnte ohne Schonung ihr die grausamsten Worte wie Widerhaken tief ins Herz werfen; er hatte die vollendete Entschlossenheit eines Staatsmannes, der wie ein grosser Raubvogel das Opfertier, das er nicht bezwingen oder schleppen kann, an einen Abgrund treibt und mit den Flügeln hinunterschlägt, um es drunten besiegt zu finden. Ein Leben, das, so wie es fortrückt, gleich den fortrückenden Gletschern, alte Leichen aufdeckt! So wie der glückliche seine Liebe eines Individuums wärmend über die Menschheit ausbreitet, so hält der Menschenfeind den stechenden Brenn- oder Frostpunkt seiner weiten Kälte gegen die Menschheit auf einen grossen Feind allein, indes vorher jede kleinere Beleidigung dem Einzelnen vergeben und nur der gesamten Menschheit angeschrieben wurde.
Das war also jene geheime Unterredung, deren Spuren Albano für schönere Bewegungen genommen hatte als des Hasses. "Als du nun" (sagte der Ritter jetzt geradeheraus, um mit der schneidenden Frechheit sein Hochgefühl zu strafen) "die kurz- und dunkelgefasste Anrede: 'Eine Mutter!' hieltest, musst' ich dich für den Vater nehmen, und daraus magst du leicht das übrige erklärn." – "Vater," (sagt' er) "das war schreiend unrecht gegen jeden"; und schied mit drei heissen Wunden, vom Dreizack des Schicksals gerissen. Beim Abschiede erinnerte ihn Gaspard, sein Wort der monatlichen Zurückkunft zu halten, und fügte noch scherzend bei: "Der Alte, den man drüben schminke, sei ein deutscher Herr, womit er ehedem wohl den Spass getrieben, ihn eilig zu bekehren."181
Noch in dieser Stunde reisete Albano mit seinem Dian aus dem erleuchteten Rom. Auf den Höhen und auf der Peterskuppel wogte herunterschwebend der blaue Himmel, und lange Schatten schliefen noch, mit Tauperlen umkränzt, auf den Blumen; aber der selige Morgen war weit zurückgeflohen aus dem harten Tage. Beide begegneten vor dem Tore einer KreisMenge, die um einen schönen Ermordeten stand und, statt unwillig über den Mörder, freudig über die Gestalt wiederholte "Quanto è bello!"182 – und Albano dachte daran, wie oft man hinter ihm gesagt: "Quanto e bello!"
Achtundzwanzigste Jobelperiode
Brief aus Pestitz – Mola