Sohn der schönen Nacht.
Der weite Zirkus vor der Peterskirche war einsam und stumm, wie die Heiligen auf den Säulen; die Fontänen sprachen; noch ein Sternbild erlosch über dem Obeliskus. – Sie gingen die Wendeltreppe von andertalb hundert Stufen auf das Dach der Kirche und kamen aus einer Gasse von Häusern, Säulen, kleinen Kuppeln und Türmen durch vier Türen in die ungeheuere Kuppel in eine gewölbte Nacht – unten in der Tiefe ruhte der Tempel wie ein weites finsteres einsames Tal mit Häusern und Bäumen, ein heiliger Abgrund, und sie gingen nahe vor den musivischen Riesen, den farbigen breiten Wolken am Himmel des Doms vorbei. Während sie in der hohen Wölbung stiegen, blinkte immer röter Aurorens Goldschaum an den Fenstern, und Feuer und Nacht schwammen im Gewölb' ineinander.
Sie eilten höher und blickten hinaus, da schon ein einziger Lebensstrahl wie aus einem Auge hinter dem Gebürg in die Welt zückte – um den alten Albaner rauchten hundert glühende Wolken, als gebäre sein kalter Krater wieder einen Flammentag, und die Adler flogen mit goldnen, in die Sonne getauchten Flügeln langsam über die Wolken. – Plötzlich stand der Sonnengott auf dem schönen Gebürg, er richtete sich auf im Himmel und riss das Netz der Nacht von der bedeckten Erde weg; da brannten die Obelisken und das Coliseum und Rom von Hügel zu Hügel, und auf der einsamen Campagna funkelte in vielfachen Windungen die gelbe Riesenschlange der Welt, die Tiber – alle Wolken zerliefen in die Tiefen des himmels, und goldnes Licht rann von Tuskulum und von Tivoli und von Rebenhügeln in die vielfarbige Ebene, an die zerstreueten Villen und Hütten, in die Zitronen- und Eichenwälder – im tiefen Westen wurde wieder das Meer wie am Abend, wenn es der heisse Gott besucht, voll Glanz, immer von ihm entzündet und sein ewiger Tau.
In der Morgenwelt lag unten das grosse stille Rom ausgebreitet, keine lebendige Stadt, ein einsamer ungeheuerer Zaubergarten der alten verborgnen Heldengeister, auf zwölf Hügel gelegt. – Der menschenlose Lustgarten der Geister sagte sich durch die grünen Wiesen und Zypressen zwischen den Palästen an und durch die breiten offnen Treppen und Säulen und Brücken, durch die Ruinen und hohen Springbrunnen und den Adonisgarten und die grünen Berge und Götter-Tempel; die breiten Gänge waren ausgestorben; die Fenster waren vergittert; auf den Dächern blickten sich die steinernen Toten fest an – nur die glänzenden Springwasser waren rege, und eine einzige Nachtigall seufzete, als sterbe sie zuletzt.
"Das ist gross," (sagte endlich Albano "dass unten alles einsam ist und man keine Gegenwart sieht. Die alten Heldengeister können in der Leere ihr Wesen treiben und durch ihre alten Bogen und Tempel ziehen und oben an den Säulen mit dem Efeu spielen."
"Nichts" (versetzte die Fürstin) "mangelt der Pracht als diese Kuppel, die wir auf dem Kapitolium gar dazu sähen. Aber nie werde' ich diese Stelle vergessen."
"Was wär' es sonst mit allem!" (sagt' er) "Ohnehin gehen die flachen Gegenden des Lebens ohne Merkmal vorüber, aus mancher langen Vergangenheit schlägt kein Echo zurück, weil kein Berg die breite Fläche stört! – Aber Rom und diese Stunde neben Ihnen leben ewig in uns."
"Albano," (sagte sie) "warum muss man sich so spät finden, und so früh trennen? Dort geht Ihr Weg neben der Tiber her, Gott gebe in kein verschlingendes Meer!"
"Und dort geht Ihrer über die hellen Berge", sagt' er. Sie nahm seine Hand, denn sein Ton war so bewegt und bewegend. Göttlich leuchtete die Welt von den dunkeln Frühlingsblumen bis zum hellen Kapitol empor, und die Horen-Glocken tönten herauf – die Freudenfeuer des tages loderten auf allen Höhen – das Leben wurde weit und hoch wie die Aussicht – sein Auge stand unter der Träne, aber keiner trüben, sondern unter jener, wo es wie das Weltauge unter dem wasser sonnig glänzt und höhere Farben hat, welche die trockne Welt verzehrt. – Er drückte ihre Hand, sie seine. – "Fürstin, Freundin," (sagt' er) "wie acht' ich Sie! – Nach dieser heiligen Stunde trennen wir uns – ich möchte ihr ein unvergängliches Zeichen geben und meinem Vater ein kühnes Wort sagen, das mich und meine achtung ausspräche und das wohl manche Rätsel lösete."
Sie schlug das Auge nieder und sagte bloss: "Dürfen Sie wagen?" – "O verbieten Sie es nicht!" (sagte er) "So manches Götterglück ging durch eine zaghafte Stunde verloren. Wenn soll denn der Mensch ungewöhnlich handeln als in ungewöhnlichen Lagen?" Sie schwieg, den Morgenlaut seiner Liebe erwartend, und beide gingen im fortgesetzten Handdruck von der hohen Stelle herab. Albans Wesen war eine bebende Flamme. Die Fürstin begriff nicht, warum er noch diesen Frühlingston verschiebe; er erriet sie ebensowenig, ungeübt, die Weiber und deren halbe abgeteilte Wörter zu lesen, diese Bildergedichte, halb Gestalt und nur halb Wort. – Gleichsam als wäre ein Adler aus seinem Morgenglanz herabgeflogen und hätte als ein Raub-Genius die Flügel über seine Augen geschlagen: so hatte' ihn der leuchtende Morgen so sehr verblendet, dass er wagen wollte, jetzt in der Abschiedsstunde zwischen seinem Vater und der Fürstin der Mittler durch ein Wort zu werden, das beiden die Scheidewand zwischen ihrer Liebe wegzöge. Vieles wandt' ihm seine Zarteit dagegen ein, aber gegenüber