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kein Kind) gewonnen: so war er so neu entzückt über den Gewinn einer Mutter. Was die achtung tun, die Wärme sprechen und die Hoffnung verraten durfte, das liess er zu.

Es war eine Nacht, wo in Rom schon wieder der Frühling Blumen durch die Wolken des Winters warf. Im Schauspielhause gab man Mozarts Tito. Wie nimmt den Menschen auf fremdem Boden das vaterländische Lied dahin, das ihm nachgezogen! Die Lerche, die über römischen Ruinen gerade so singt wie über deutschen Feldern, ist die Taube, die uns mit ihrem bekannten Gesang den Ölzweig aus dem Vaterland bringt. – Bis hieher hatte Albano auf dem Alpenwege über Ruinen das Auge straff nur durch die künftige krieges-Laufhahn blicken lassen und es selten gegen Himmel gehoben, wo die verklärte Liane war, und hatte gewaltsam jede Träne darin zerstäubt. Aber jetzt hatte der kranke Vater den Vorhang des unterirdischen Bettes aufgezogen, wo ihre Hülle schlief. Nun drang auf einmal der helle Strom der Töne, der durch seine Jugendländer, in seinen Paradiesen gegangen war, über die Gebürge herüber und rauschte mit den alten Wellen herab so nahe an ihm. Anfangs wehrte sich sein Geist gegen die alte eingeschlafne Zeit, die im Schlummer sprach; aber als endlich die Töne, die Liane selber einst vor ihm gespielet und gesungen hatte, über die Bahre der Gebürge herüberkamen und sich herunterhingen als glänzende Teppiche der goldnen Tage; als er daran dachte, welche Stunden er und Liane hier gefunden hätten, aber nicht fanden: da lief der schwarze Gram wie ein böser ausplündernder Genius die Tonleiter hinauf, und Albano sah seinen entsetzlichen Verlust hell im Himmel stehen. Da kehrt' er das Auge nicht gegen die Fürstin, aber in der Weihe der Töne drückt' er die Hand, an der einst die Verklärte hatte in diese Gefilde kommen sollen. Spät sagte er: "Ich werde mich im reichen Neapel immer sehnen nach meiner einzigen Freundin und den Glücklichen beneiden, der sie begleiten darf." Sie kam in grosse Bewegung über diese neue Nachricht von seinem trennenden Abweg, und in eine noch grössere über seine leidenschaftliche Veränderung, die sie mit der reichsten Aussteuer für ihre zartesten Hoffnungen aus ihrer Abreise und sogar aus ihres Gemahls bevorstehender herzuleiten wusste. Aber sie verbarg die grössere Bewegung hinter die kleinere. Beide schieden mit gegenseitigen Freuden und Irrtümern auseinander. Albano wurde immer seliger durch den genesenden Vater; die Fürstin wurde' es durch den wärmern Sohn, und ihr Leben stieg aus dem Kriegsschiff in ein fliegendes Friedensschiff über. So kamen beide immer dichter an den Vorhang, dessen Gemälde sie für die Bühne selber hielten, um desto mehr zu staunen, wenn er aufging.

107. Zykel

Im Ritter war das vertrocknete Bette des Lebens wieder reichlich angequollen durch die Erschütterungen seines Herzens; – eben weil er in gesunden Tagen sich gleich Bergen durch Eis und Moos zusammenhielt, so stellte in kranken, schien es, eine rechte innere Bewegung leichter die alte Kraft und Ruhe wieder her. Er rüstete sich zum Reisen, das am besten seinen eigensinnigen Körper auf- und nachbauete. Die Fürstin verschob das ihrige von Tag zu Tag, bloss in der festen, feurigen Erwartung, Albano werde ihr das schönste Endwort ihres ganzen Lebens mitgeben auf den Weg. In Albano war die sehnsucht nachSpanien aufgewacht im blühenden Land, und Neapel, hofft' er, werde sie stillen. Der Frühling dämmerte schon in Rom und ging auf in Neapeldie Nächte durchsang die Nachtigall und der Mensch und die Mandelbäume blühten überall. Aber es schien, als ob die drei Menschen mit dem Reisen aufeinander warteten. Konnte die Fürstin von dem Herzen eilen, auf welchem ihr Dasein blühte und wurzelte, gleich einem abgerissenen Rosmarinzweige, dessen Wurzeln zugleich mit denen eines keimenden Weizenkorns doppelt in die Erde greifen? – Auch Albano wollte nicht die Stunde beschleunigen, die ihn zugleich von dem Vater und der Freundin in ferne Erd-Ecken warf, jene in den Nachwinter, ihn in den Vor- und Nachfrühling; – gerade jetzt am wenigsten; sein Geist hatte sich durch den Entschluss zum Kriege befriedigt und versöhnt mit sich, sein Portici war glänzend aufgebauet auf dem verschütteten Herkulanum seiner Vergangenheit.

Ein Brief von Pestitz entschiedder todkranke Fürst schrieb an die Fürstin und bat um das Wiedersehender Brief war ein Feuer, das den gemeinschaftlichen Boden, und wer darauf stand, auseinandersprengtedie drei Verbündeten fassten den Schluss, an einem Tage abzureisen, an einem Morgen, so dass eine Morgenröte ihr Gold zugleich in drei Reisewagen würfe.

Noch etwas begehrte die Fürstin am Abend vor der Abreise: am Morgen Albanos Begleitung auf die Peterskuppel; sie wollte Rom noch einmal in die scheidende Seele fassen, wenn es Morgenrot und Morgenglanz bedeckten. Auch Albano wollte gern den Most einer feurigen Stunde trinken, der sich zu einem ewigen Wein für das ganze Leben aufhellt; denn er wusste nicht, dass die lebhafte Fürstinnoch lebhafter durch Italien –, nach langem Harren auf das schönste Wort von ihm, endlich zornig sich in eine Abschiedsstunde wagte, in der es ihm entfahren sollte.

Früh vor Sonnenaufgang, wo in Rom noch mehrere einschlafen als aufstehen, holte er sie ab; nur ihre treue Haltermann begleitete sie. Von der durchwachten Nacht glühte sie noch und schien sehr bewegt. Rom schlief noch; zuweilen begegneten ihnen Wagen und Familien, die eben ihre Nacht beschliessen wollten. Der Himmel stand kühl und blau über dem dämmernden Morgen, dem frischen