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Da trat das Schicksal plötzlich unter seine neuen Schlüssesein Vater wurde bedenklich krank an einem entnervenden Frühlingsfieber unter dem Scirocco-Wind. "Nimm keinen besonderen teil" (sagte Gaspard zu ihm) "weder an meinen Leiden noch Äusserungen; ich habe in solchem Zustande eine Erweichung, deren ich mich nachher schäme und doch nicht erwehre." Albano wurde von manchen unerwarteten Herzens-Ausbrüchen des kranken Mannes bis zur wärmsten Liebe bewegt. Wenn die Ruinen eines Tempels wehmütig begeistern, dachte' er, warum sollen es mich nicht noch mehr die Ruinen einer grossen Seele? Es gibt Menschen voll kolossalischer Überreste, gleich der Erde selber; in ihrem tiefen, schon erkalteten Herzen liegen versteinerte Blumenbilder einer schönern Zeit; sie gleichen nordischen Steinen, auf welchen Abdrücke indischer Blumen stehen.

Die Krankheit grub unter sich. Gaspard blieb ohne Teilnahme an sich selber; nur seine Geschäfte, nicht sein Ende bekümmerten ihn. Mit seinem Schwiegervater Lauria hielt er geheime Unterredungen, um auf sein Leben das schwarze Gerichtssiegel schliessend zu drücken. Ein Eilbote musste fertig stehen, um nach seinem Todesaugenblick mit einem Brief zu Linda zu fliegen, sein Sohn sollte einen selber erbrechen und einen versiegelten an die Fürstin übergeben. Sehr hart und gebietend benahm er sich gegen diesen, als er von ihm den Eid begehrte, sogleich nach seinem tod nach Pestitz abzureisen. Denn da Albano, der so gern Neapel sah und dem alle diese den väterlichen Tod voraussetzenden Bedingungen schwer ankamen, zögernd weigerte, so sagte Gaspard: "das sei so recht menschlich und üblich, fremde Schmerzen ungemein zu beklagen und redlich mitzufühlen, sie aber ohne Anstand zu schärfen, sobald das Geringste getan werden solle." Albano gab das Wort und den Eid; und zeigt' es ihm nie mehr, wenn er weinte aus Kindesliebe.

Unerwartet erschien vor diesem Krankenbette Gaspards nächster und frühester Anverwandter, sein Bruder. Albano stand dabei, als das seltsame Wesen ankam und den Todkranken ansprach und zwei starre gläserne Augen, als wären sie eingesetzte, weit von dem wegdrehte, womit es redeteso phantastisch und doch voll kalter Welt gegen den sterbenden Brudermit hängender Gesichtshaut auf bedeutenden Gesichtsknochenein aufgerichteter falber Werwolf, erst aus der tierischen Haut in die menschliche getriebengleich dem Würgengel, ein Würgmensch und doch ohne leidenschaft. – Es streckte nach Albano die lange Hand aus, aber dieser, von etwas Unnennbarem abgestossen, konnte sie nicht anfassen. Dieser Bruder sagte, er komme von Pestitzübergab zwei Briefe daraus, einen an Gaspard, einen für die Fürstinund fing an, einiges über seine Reisen zu sagen, was ungemein scharfsinnig, phantastisch, gelehrt, unglaublich und oft recht unverständig schien. Einmal sagte Albano "Das ist geradezu unmöglich." Er fing die Erzählung wieder an, machte sie noch unglaublicher und beteuerte, es sei so in der Tat. Darauf ging er fort, wie er sagte, nach Griechenland, und nahm vom sterbenden Bruder den kühlsten Abschied.

Gaspard sagte jetzt zu Albano: "er möge nach seinem Tod diesen Sonderling, wenn er ihm nahe komme, recht wägen oder lieber meiden, da er nie ein wahres Wort sage, bloss aus reiner Freude an reiner Lüge ohne Eigennutz; noch mehr" (fuhr er fort) "weiche dem tiefen tödlichen Skorpionstachel Bouverots aus, so wie seinem betrügerischen Spiel." Albano wunderte sich über die Ansicht dieser Anrede (freudig über die moralische Schärfe), da er bisher ganz andere Gesinnungen für Bouverot im Vater anzutreffen geglaubt.

Am Tage darauf fand er den Vater schon wieder auf der Treppe aus der Gruft. Der Eilbote wurde abgedanktalle Briefe zurückgefodertder Fürst Lauria stand heiter da –: "Bloss eine fremde Krankheit hat meine geheilt", sagte der Vater. Der Brief, den ihm der Bruder aus Pestitz gebracht, hatte die Nachricht entalten, dass sein alter Freund, der dasige Fürst, der letzten Stunde schnell zueile, weil man seine Wassersucht bloss für Embonpoint gehalten und ihn versäumet habe. – "Ich hoffe," (sagte Gaspard) "durch meinen Anteil so heilsam erschüttert zu sein, dass ich noch früh genug die Reise zur letzten Stunde der Freundschaft zu machen vermag." Er setzte dazu, dass dann diese Reise wieder Bahn zu Albanos seiner nach Neapel mache.

Da kam die Fürstin in der Bestürzung über den Brief, der ihres Gemahls Gefahr und ihre Abreise ansagte. – Gaspard antwortete mit einem verlangenden Winke zur Einsamkeit, den er dem Sohne gab. Sie blieben lange allein. Endlich kam die Fürstin verändert wieder und bat ihn fast stotternd, heute sie in die Opera seria zu begleiten. Sie war bewegt und verlegen, ihre Augen schimmernd, ihre Züge begeistert; – auch den Vater fand er aufgeregt, aber wie gestärkt.

Hier schoss ihm ein langer Mittagsstrahl durch den ganzen bisherigen Irrwald, nämlich die bestätigte Vermutung der Liebe seines Vaters, die jetzt durch die annahende Lösung der Ehekette der Fürstin und in der kränklichen Erweichung stärker ausgebrochen sei; daher Gaspards Brief an die Fürstin, daher ihr Beisammenbleiben in Rom und auf dem Wege dahin u.s.w.

Nie liebte Albano seinen starken Vater mehr als nach dieser Entdeckung einer zärtern Gesinnung; und gegen die Fürstin wurde nun sein Herz aus einem Freunde auf einmal ein Sohn. Da er ohnehin von den fünf Treffern der menschlichen Erb-Liebe nur einen, den Vater, (keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester und