1800_Jean_Paul_052_22.txt

auf Länder zu wehren, in denen nie ein Franzos oder ein Welscher den Einfluss gehabt, den man sonst beiden auf andere deutsche beimisset; so wie Herder gegen die Naturforscher, welche gewisse missgestaltete Völker aus Paarungen mit Affen ableiten, die sehr gute Bemerkung macht, dass die meisten Ähnlichkeiten mit Affen, der zurückgehende Schädel der Kalmucken, die abstehenden Ohren der Pevas, die schmalen hände in Karolina, gerade in Ländern erscheinen, wo es gar keine Affen gibt. Wie gesagt, auffallende Unähnlichkeiten wollten mir nicht gelingen; jetzt hingegen ist jeder Hof, um welchen meine LegationsFlottille schifft, mir bekannt und also vor Ähnlichkeiten gedeckt, besonders jeder, den ich schildere, der flachsenfingische, der hohenfliessische etc. Die Teatermaske, die ich in meinen Werken vorhabe, ist nicht die Maske des griechischen Komödianten, die nach dem gesicht des verspotteten Individuums gebosselt war18, sondern die Maske des Nero, die, wenn er eine Göttin auf dem Teater machte, seiner Geliebten ähnlich sah19, oder wenn er einen Gott spielte, ihm selber.

Genug! Dieses abschweifende Antrittsprogramm war etwas lang, aber die Jobelperiode war es auch; je länger der Johannistag eines Landes, desto länger seine Tomasnacht. – – Und nun lasset uns sämtlich ins Buch hineintanzen, in diesen Freiball der Weltich als Vortänzer voraus und dann die Leser als Nachhopstänzer –, so dass wir unter den läutenden Taufund Totenglöckchen am sinesischen haus des Weltgebäudesangesungen von der Singschule der Musenangespielt von der Gitarre des Phöbus obenmunter tanzen von Tomus zu Tomusvon Zykel zu Zykelvon einer Digression zur andernvon einem Gedankenstrich zum andernbis entweder das Werk ein Ende hat oder der Werkmeister oder jeder!

Zweite Jobelperiode

Die beiden biographischen Höfedie Sennenhüttedas Fliegender Haar-Verschleissdie gefährliche

Vogelstangedas in eine Kutsche gesperrte

Gewitterleise Bergmusikdas Kind voll Liebe

Herr von Falterle aus WienTortursouperdas

zersplitterte HerzWerter ohne Bartmit einem

Schussedie Versöhnung

10. Zykel

Mit jugendlichen Kräften und Aussichten flog der Graf zwischen seinen Begleitern durch das helle volle Mailand zurück, wo die Ähre und die Traube und die Olive oft auf einer Erdscholle zusammen grünen. Schon der Name Mailand schloss ihm einen Frühling auf, weil er, wie ich, an allen Mai-Wesen, an Maiblumen, Maikäfern, sogar an der Maibutter in der Kindheit so vielen Zauber fand wie an der Kindheit selber. Dazu kam, dass er ritt; der Sattel war für ihn ein Rittersitz der Seligen, wie eine Sattelkammer eine Regensburger Grafenbank, und jeder Gaul sein Pegasus. Auf der Insel war ihm in jener geistigen und körperlichen Ermattung, worin die Seele sich lieber in helldunkle Schäferwelten als in heisse staubige Kriegsund Fechtschulen begeben will, die Aussicht in die nahen Rätsel und Kämpfe seines Lebens zuwider gewesen; aber jetzt mit dem Herzen voll Reise- und Frühlingsblut streckte er die jungen arme ebensosehr nach einem Gegner als nach einer Freundin aus, gleichsam nach einem Doppelsiege.

Je weiter die Insel zurücktrat, desto mehr fiel der Zauberrauch um die nächtliche Erscheinung zu Boden und hinterliess ihm bloss einen unerklärlichen Gaukler aufgedeckt. Jetzt erst vertrauete er die Spukgeschichte seinen gefährten. Schoppe und Augusti schüttelten Köpfe voll Gedanken, aber jeder über etwas anders; der Bibliotekar suchte eine physikalische Auflösung des akustischen und optischen Betrugs; der Lektor suchte eine politische, er konnte gar nicht fassen, was der Schauspieldirektor dieser Totengräberszene eigentlich mit allem haben wollen.

Den einzigen Trost behielt der Bibliotekar, dass Alban an seinem Geburtstage dem Herzen ohne Brust eine Visite abzustatten habe, die er nurbleiben lassen dürfe, um aus dem Seher einen Myopen und Lügner zu fertigen: "Wollte Gott," (sagt' er) "mir verkündigte einmal ein Ezechiel, dass ich ihn an den Galgen bringen würdeich tät' es um keinen Preis, sondern brächte ihn ohne Gnade statt um den Hals um Kredit und Kopf." – Auch seinem ungläubigen Vater schrieb Albano noch unterwegs mit einigem Erröten die unglaubliche Historie; denn er hatte zu wenig Jahre und zu viel Kraft und Trotz, um Zurückhaltung an sich oder andern zu lieben. Nur weiche Blattwickler- und Igel-Seelen ringeln und krempen sich vor jedem Finger in sich zusammen; unter dem offnen kopf hängt gern ein offnes Herz.

Endlich kamen sie, da helle Berge und schattige Wälder genug, wie durchlebte Tage und Nächte, hinter sie zurückgegangen waren, nahe vor das Ziel ihrer mit Ländern gefüllten Reitbahn, und das Fürstentum Hohenfliess lag nur noch ein Fürstentum weit von ihnen. Dieses zweite, das ein Tür- und Wandnachbar des erstern war und mit diesem leicht zu einem Staatsgebäude ausgebrochen werden konnte, hiess, wie geographische Leser wissen, Haarhaar. Der Lektor erzählte dem Bibliotekar neben den Grenzwappen und Grenzsteinen, dass beide Höfe sich fast als Blutfeinde ansähen, nicht sowohl weil sie diplomatische Verwandte wärenda unter Fürsten Vetter, Oheim, Bruder nicht mehr bedeuten wie bei Postillonen Schwager und bei alten Brandenburgern Vater oder Mutterals weil sie wirkliche wären und einander beerbten. Es würde mir zu viel Platz wegnehmen, wenn ich die Sippschaftsbäume beider Höfedie ihre Gift- und Drachenbäume wurdenmit allen ihren heraldischen Blättern, Wasserschösslingen und Flechtmoosen für den Leser hereinsetzen wollte; das Resultat kann ihn beruhigen, dass dem haarhaarschen Fürstentume hohenfliessische Land und Leute zustürben, falls der Erbprinz Luigi, der letzte hohlröhrige Schuss und Fechser des Hohenfliesser