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gleich als sehe er durch das Siegel hindurch, einige Worte, die den Jüngling auf allen Seiten griffen: "Es gibt" (sagt' er) "einige wackere Naturen, die gerade auf der Grenze des Genies und des Talentes stehen, halb zum tätigen, halb zum idealischen Streben ausgerüstetdabei von brennendem Ehrgeize. – Sie fühlen alles Schöne und Grosse gewaltig und wollen es aus sich wieder erschaffen, aber es gelingt ihnen nur schwach; sie haben nicht wie das Genie eine Richtung nach dem Schwerpunkt, sondern stehen selber im Schwerpunkte, so dass die Richtungen einander aufheben. Bald sind sie Dichter, bald Maler, bald Musiker; am meisten lieben sie in der Jugend körperliche Tapferkeit, weil sich hier die Kraft am kürzesten und leichtesten durch den Arm ausspricht. Daher macht sie früher alles Grosse, was sie sehen, entzückt, weil sie es nachzuschaffen denken, später aber ganz verdrüsslich, weil sie es doch nicht vermögen. Sie sollten aber einsehen, dass gerade sie, wenn sie ihren Ehrgeiz früh einzulenken wissen, das schönste Los vielartiger und harmonischer Kräfte gezogen; sowohl zum Genusse alles Schönen als zur moralischen Ausbildung und zur Besonnenheit ihres Wesens scheinen sie recht bestimmt zu sein, zu ganzen Menschen; wie etwa ein Fürst sein muss, weil dieser für seine allseitige Bestimmung allseitige Richtungen und Kenntnisse haben muss."

Sie standen gerade, als er dies sagte, auf dem Aventinischen Berge, vor sich die Cestius-Pyramide, dieses Epitaphium des Ketzer-Gottesackers, worin so mancher unausgebildete Künstler und Jüngling schläft, und nahe dabei der hohe Scherben-Berg180 (monte testaccio), wovor Albano immer mit einem ekeln kahlen Gefühl schaler Ödheit vorbeiging. Der Stoss der väterlichen Ideen gegen seine und die Verwandtschaft des Scherben-Bergs mit dem FremdenKirchhof machten, dass Albano mehr sich als dem Vater antwortete, mit einem geschmolzenen EisenTropfen des Unwillens im Auge: "Ein solcher namenloser Töpfer-Berg ist im ganzen auch die geschichte der Völker. – Aber man möchte sich doch lieber auf der Stelle töten, als erst nach einem langen Leben sich so namen- und tatenlos in die Menge eingraben."

Seit seiner Einigkeit mit sich selber wurde' er glücklicher; mit Eifer tat er sich schon jetzt zum Werk, seiner natur gemäss, die wie im Samenkorn Stamm und Wurzel aus einer Samenspitze trieb, Gedanken und Taten.

Er warf alles andere Treiben weg und studierte alte und neue Kriegskunst, wozu ihm Dian die Bücher und das Museum borgte und lieferte. Mit namenloser Entzückung und Erhebung durchlief er wieder die Sonnenkarten der römischen geschichte, hier auf dem ausgebrannten Sonnenkörper selber, und oft, wenn er ihre Entzündungen gezeichnet las, stand er eben in den Kratern, wo sie aufgegangen waren.

Dian gab noch dazu seine Kenntnis des kleinen Dienstes und sich gern zu körperlichen Übungen her, wenn er ihn vorher zu dem Gottesdienste unter Raffaels Kunstimmel hinaufgezogen, wo Grazien wie Sternbilder im hohen Äter gehen; denn bei Dian war Leib und Seele ein Guss, der weichste Augennerve und härteste Armmuskel ein Band. Zuletzt führt' er, da ihm ein Wort viel sauerer wurde als eine Tat und da er lieber den ganzen Leib als die Zunge regte, dem Grafen einen rednerischen krieges-Genossen zu, einen korsischen Jüngling, lebendig wie aus lauter Mark des Lebens geformt.

Beide Jünglinge liebten und übten sich eine Zeitlang in romantischer Freiheit, ohne einander nur die Namen abzufragen. Sie fochten, lasen, schwammen. Der Korse vergötterte fast Albanos Gestalt, Kraft, Kopf und Mut und goss sein ganzes Herz in eines, das er nicht ganz fasste; wie viele Mädchen nirgends als in der Liebe, so zeigte er nirgends als im Kriegsspiele Seele und Sinn. Albanos helles Gold spiegelte gefällig die fremde Gestalt zurück, ohne wie Glas dabei die eigne zu vernichten.

Einst wurde des Korsen Glut eine Flamme, die das ganze eigne Leben dem Freunde beleuchtet zeigte und seinen einzigen Zweck und Durst, nämlich den nach Franzosen-Blut, "den er" (sagt' er) "im kommenden Kriege zu löschen hoffe". Wär' ihm Albano ähnlich gewesen, so hätten sie sich wie kämpfende Hirsche in die Geweihe tödlich verwickelt; denn die störrische, unbiegsame Tapferkeit des Korsenmehr eine sinnliche, so wie Albanos seine mehr eine geistigelitt kein Gegenwort. Gleich seiner Klasse begehrte er auf seine Rede ein recht starkes Zuwort von Albano; aber dieser sagte: "Das ist eben das Grosse im Kriege, dass man ohne leidenschaftliche Erbitterung, ohne persönliche Feindschaft alles kann und wagt, was der Schwächling nur durch sie vermag; wahrlich es wäre edler, in der Schlacht einen Geliebten als einen Gehassten zu töten." – "Tolle Chimären!" (sagte der Korse zornig "wie? du willst die Franzosen töten und sie doch lieben?" – Albanos Grosssinn warf jede bange Larve ab und sagte: "Mit einem Wort, ich streite einst für die Gallier mit." -"Du, Falscher?" (sagte der Korse "Unmöglich! – Gegen mich?" "Nein," (versetzte Albano) "ich bitte Gott, dass wir uns in jener Stunde nie begegnen." – "Und ich will ihn recht anflehen," (sagte der Korse) "dass wir uns nicht mehr treffen als einmal mit dem Bajonett. Addio!" So schied er entrüstet von ihm und kam nicht wieder.

106. Zykel

Unähnlich andern Vätern war