unter den ewigen Freien und ewigen Sklaven mitgehend nach der damaligen Gleichheit; da trat er näher und merkte nach seiner Weise an: "die Revolution sei etwas sehr Grosses; er finde indes an grossen Werken, z.B. an einem Coliseo, Obeliskus, an dem Flor einer Wissenschaft, an dem Kriege, an der Höhe der Astronomie, der Physik weniger als andere zu bewundern, denn bloss die Menge in der Zeit oder im raum schaff' es, eine beträchtliche Vielheit kleiner Kräfte. Aber nur grosse achte man178. In der Revolution sehe' er mehr jene als diese – Freiheit werde an einem Tage so wenig gewonnen als verloren; wie schwache Individuen im Rausche gerade ihr Gegenteil wären, so geb' es auch wohl einen Rausch der Menge durch die Menge."
Bouverot versetzte darauf: "Das ist ganz meine Meinung auch." Albano antwortete recht sichtbar nur seinem Vater – weil er den deutschen Herrn tief verachtete und ihn ganz unwürdig des Genusses hoher Kunstwerke hielt, wofür er vornehmen Geschmack mitgebracht, obwohl keinen Sinn – und sagte: "Lieber Vater, die 12000 Juden entwarfen nicht das Coliseo, das sie baueten, aber die idee war doch irgendeinmal ganz in einem Menschen, im Vespasian; und so muss überall den konzentrischen Richtungen kleiner Kräfte irgendeine grosse vorstehen, und wär' es Gott selber." – "Dahin" (sagte Gaspard) "wo alles Göttliche verlegt wird, magst du es denn auch versetzen." – Bouverot lächelte. – "Der gallische Rausch" (versetzte Albano heftig) "ist doch wahrlich kein zufälliger, sondern ein Entusiasmus, in der Menschheit und Zeit zugleich gegründet; woher denn sonst der allgemeine Anteil?
– Sie können vielleicht sinken, aber um höher zu fliegen. Durch ein rotes Meer des Bluts und krieges watet die Menschheit dem gelobten land entgegen, und ihre Wüste ist lang; mit zerschnittenen, nur blutig-klebenden Händen klimmt sie wie die Gemsenjäger empor." – "Die Gemsenjäger selber" (sagte der Ritter) "tun das mehr, wenn sie von der Alpe herabwollen; indes sind solche Hoffnungen reizend, und wir wollen gern ihre Erfüllung wünschen." – "Signor Conte" (setzte Bouverot dazu) "nannte sehr gut den Aufstand einen Rausch. Man schläft ihn aus; aber am Morgen ist manches zerbrochen und zu bezahlen." "Rausch?" (sagte Albano) "Welches Beste ist nicht im Entusiasmus geschehen, und welches Schlechteste nicht in der Kälte? Welches, Herr von Bouverot? Ja es gibt einen grässlichen, grimmigen Seelen-Frost, so wie einen ähnlichen physischen, der wie die grösste Hitze schwarz und blind und wund macht179; so etwas wie die französische Tragödie, kalt und doch grausam."
"Du näherst dich dem Tragischen, Sohn" (unter
brach ihn Gaspard und schützte den deutschen Herrn)- "Wir dürfen von den Franzosen recht viel politische Sagazität erwarten, zumal in der Not; das ist ihre Stärke. Darin kommen sie den Weibern bei Auch sind sie wie die Weiber entweder ungemein zart, sittlich und human, wenn sie gut sind, oder wie diese ebenso grausam und roh, wenn sie ausser sich kommen. – Es lässt sich weissagen, dass sie in einem Freiheitskriege, wenn er ausbräche, an Tapferkeit es allen Parteien zuvortun werden. Das wird sehr blenden, da doch nichts seltener ist als ein feiges Volk. Man lernt die Kriegstapferkeit gemässigt schätzen, wenn man sieht, dass die römischen Legionen, gerade als sie feil, schlecht, sklavisch und zur Hälfte Freigelassene waren, nämlich unter dem Triumvirat, mutiger stritten als vorher. Für den unbedeutenden Mordbrenner Katilina stritten und starben die Bürger bis auf den letzten Mann, und nur Sklaven wurden gefangen."
Diese Rede drückte ein heisses Siegel auf Albanos
Mund; es schien ordentlich, als errate ihn der Vater und mache sich die alte Freude, wie ein Schicksal einen Entusiasmus zu erkälten und Erwartungen Lügen zu strafen, sogar trübe. Der beleidigte, sich selber ausbrennende Geist blieb nun fest vor Gaspard und Bouverot zugedeckt.
Aber seinem Dian zeigt' er alles am Morgen darauf; er wusste, wie dieser mit dem arme eines Künstlers und Jünglings zugleich die Freiheitsfahne trug und schwang, und darum brach er vor ihm das dunkle Siegel seines bisherigen Trübsinns auf. Er gestand dem geliebtesten Lehrer den grossgewachsenen Vorsatz, sobald der unheilige Krieg gegen die gallische Freiheit, der jetzt seine Pechkränze in allen Strassen der Stadt Gottes aushing, in Flammen schlage, an die Seite der Freiheit zu treten und früher zu fallen als sie. "Wahrlich, Ihr seid ein wackerer Mensch" (sagte Dian) – "Hätte ich mir nicht Kind und Kegel aufgehalset, bei Gott! ich zöge selber mit. Der Alte, wie dergleichen, sieht viel und hört schlecht. Wittern soll er nichts und seine Bestie von Barigello auch nicht." Den Kunstrat Fraischdörfer meint' er, den er mit Künstler-Eigensinn ewig verabscheuete, weil der Kunstrat schlechter malte und besser kritisierte als er. "Dian, Euer Wort ist schön gesagt, ja wohl macht das Alter physisch und moralisch weitsichtig für sich und taub gegen den andern", sagte Albano. "Hab' ich gut gesprochen, Albano? Aber wahrlich so ist die Sache", sagt' er, sehr erfreuet, bei seinem Misstrauen in seine Sprache, über das Lob ihrer Schönheit.
Nach einiger Zeit sagte der Ritter,