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, ihm den Lorbeer und die Blumen gebend. – "Du Gewaltige, ein Coliseo ist dein Blumentopf, dir ist ja nichts zu gross und nichts zu klein!" sagte er und brachte die Fürstin in einige Verwirrung, bis sie merkte, dass er die natur meine. Sein ganzes Wesen schien neu und schmerzlich bewegt und wie fern entrückter sah nach dem Vater hinab und suchte ihn aufer blickte ihn scharf an und drückte heftig seine Hand und sprach diesen Abend über nichts mehr.

105. Zykel

Albano wurde wie eine Welt von Rom wunderbar verändert. Nachdem er so mehrere Wochen zwischen Romas Ruinen und Schöpfungen gelagert warnachdem er aus Raffaels kristallenem Zauberbecher getrunken, dessen erste Züge nur kühlen, wenn die letzten ein welsches Feuer durch alle Adern führennachdem er den Bergstrom Michel Angelos bald als Katarakte, bald als Äterspiegel gesehennachdem er sich vor den letzten grössten Nachkommen Griechenlands gebeugt und geheiligt hatte, vor dessen Göttern, die mit ruhigem heitern Antlitz in die unharmonische Welt hereinblicken, und vor dem vatikanischen Sonnengott, welcher zürnt über die Prosa der Zeit, über diese niedrige Pytonische Schlange, die sich immer wieder verjüngt-nachdem er lange so vor dem Vollmond der Vergangenheit im Glanze gestanden: so überzog sich auf einmal seine ganze innere Welt und wurde ein einziges Gewölk. Er suchte Einsamkeiter hörte auf zu zeichnen und Musik zu treibener sprach wenig mehr von Roms Herrlichkeitnachts, wo der tägliche Regen aufhörte, besucht' er allein die grossen Trümmer der Erde, das Forum, das Coliseo, das Kapitoliumer wurde heftiger, ungeselliger, schärferein tief eingesenkter Ernst waltete auf der hohen Stirn, und durch das Auge brannte ein düsterer Geist.

Gaspard schickte unbemerkt seinen blick allen geheimen Entfaltungen des Jünglings nach. Ein blosser Nachschmerz über Liane schien sein Zustand nicht zu sein. Im nordischen Winter wäre diese Wunde nur zugefroren und nicht zugeheilt; aber hier, im Tempel der Welt, wo Götter begraben liegen, stärkte sich ein edles Herz und schlug für ältere Gräber. Die Fürstin, die unter dem Deckmantel des Vaters dem Sohne nachjagte, suchte er weniger als den alten kalten Lauria und den feurigen Dian.

In derselben Zeit sehnt' er sich schmerzlich nach seinem Schoppe; an dieser Brust, dachte' er, hätte das Geheimnis der seinigen den rechten Ort und Trost gefunden. Es war ihm, als hab' er seit dieser Abwesenheit in einem fort mit ihm zusammengelebt und sich fester verbrüdert. So wohnen und schmelzen die Geister im unsichtbaren land zusammen; und wenn sich die Leiber im sichtbaren wieder begegnen, finden die Herzen sich bekannter wieder. Leider hört' er, so viel auch sein Vater Briefe aus Pestitz bekam, keinen laut von dem Freunde über die Berge herüber, den er in den dunkeln Verhältnissen einer wunderbaren verwirrenden leidenschaft zurückgelassen. Er rechnete Schoppen, dessen Hass und Zank gegen alles Briefschreiben er kannte, das Schweigen nicht an; aber sein eigenes Herz konnte' es nicht verlängern, und er schrieb so an ihn:

"Wir wurden schlafend voneinander gerissen, Schoppe! Jene Zeit hat sich bedeckt und bleibt es. Sehr wach wollen wir uns wieder erblicken. Von dir weiss ich nichts; wenn mir Rabette nicht schreibt, muss ich die brennende Ungeduld bis zu unserer Zusammenkunft im Sommer umhertragen und leiden. Was ist von mir zu schreiben? Ich bin verändert bis ins Innerste hinab und von einer hineingreifenden Riesenhand. Wenn die Sonne über den Scheitelpunkt der Länder zieht, so hüllen sie sich alle in ein tiefes Gewölk; so bin ich jetzt unter der höchsten Sonne und bin eingehüllt. Wie in Rom, im wirklichen Rom, ein Mensch nur geniessen und vor dem Feuer der Kunst weich zerschmelzen könne, anstatt sich schamrot aufzumachen und nach Kräften und Taten zu ringen, das begreif' ich nicht. Im gemalten, gedichteten Rom, darin mag die Musse schwelgen; aber im wahren, wo dich die Obelisken, das Coliseo, das Kapitolium, die Triumphbogen unaufhörlich ansehen und tadeln, wo die geschichte der alten Taten den ganzen Tag wie ein unsichtbarer Sturmwind durch die Stadt fortrauschet und dich drängt und hebt, o wer kann sich unwürdig und zusehend hinlegen vor die herrliche Bewegung der Welt? – Die Geister der Heiligen, der Helden, der Künstler gehen dem lebendigen Menschen nach und fragen zornig: was bist du? – Ganz anders gehst du aus dem Vatikan des Raffaels und über das Kapitolium herunter, als du aus irgendeiner deutschen Bildergalerie und einem Antikenkabinett heraustrittst. Dort siehst du auf allen Hügeln alte ewige Herrlichkeit, jede Römerin ist mit Gestalt und Stolz noch ihrer Stadt verwandt, der Transteveriner ist der Sparter, und du findest so wenig einen Römer als einen Juden stumpf; indes du in Pestitz fast unduldsam werden musst schon gegen den Kontrast der blossen Gestalt. Sogar der ruhige Dian behauptet, die hässlichen Masken der Alten sähen wie die deutschen Gassen-Gesichter und ihre Faunen und andere Tiergötter wie edlere Hof-Gesichter aus; ihre Kopierbilder Alexanders, der Philosophen, der römischen Tyrannen wären, so scharf und prosaisch sie sich auch von ihren poetischen Statuen der Götter abschnitten, den jetzigen Idealen der Maler gleich.

Tut es da genug, mit Augen voll Bewunderung und gefalteten Händen um die Riesen zu schleichen und dann welk und klein zu ihren Füssen zu verschmachten? Freund, wie oft pries ich in den Tagen des Unmuts die Künstler und Dichter glücklich, die ihre sehnsucht doch stillen dürfen