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empfinde und leichter finde als das Schöne, und dass der Geist des Jünglings vom Starken zum Schönen reife, wie der Körper desselben vom Schönen zum Starken; indes zieh' er selber das Panteon vor." – "Wie könnten auch Neuere" (sagte der Kunstrat Fraischdörfer) "etwas bauen, ausser einige Berninische Türmlein?" – "dafür" (sagte der verletzte Land-Baumeister Dian, der den Kunstrat verachtete, weil dieser niemals eine gute Figur machte als in der ästetischen Richterstube als Richter, nie in dem Ausstellungssaal als Maler) "sind wir Neuern ohne Widerrede in der Kritik stärker, wenn wir auch in der Praxis samt und sonders Lumpe sind." Bouverot merkte an: "Die korintischen Säulen könnten höher sein." Der Kunstrat sagte: "er wisse doch nichts dieser schönen Halbkugel Ähnlicheres als eine viel kleinere, die er im Herkulanum in Asche ausgedrückt gefundenvom Busen einer schönen Flüchtlingin." Der Ritter lachte, und Albano trat unwillig zur Fürstin.

Sie fragte er um ihre stimme über beide Tempel. "Hier Sophokles, dort Shakespeare; aber den Sophokles fass' ich leichter", versetzte sie und blickt' ihm mit neuen Augen in das neue Angesicht. Denn die überirdische Erleuchtung durch das Zenit des himmelsnicht durch einen dunstigen Horizontverklärte ihr das schöne bewegte Gesicht des Jünglings; und sie setzte voraus, der Heiligenschein der Kuppel hebe auch ihre Gestalt. Da er ihr antwortete: "Sehr gut! Aber in Shakespeare steckt auch Sophokles, aber in Sophokles nicht Shakespeareund auf der Peterskirche steht Angelos Rotonda!" so ging plötzlich das hohe Gewölk, wie durch den Schlag einer Hand aus dem Äter, entzwei, und die entrückte Sonne schaute, wie das Auge der durch den alten Himmel ziehenden Venus, die sonst auch hier stand, aus hoher Tiefe mild hereinda füllte ein heiliger Glanz den Tempel und brannte auf dem Porphyr des Bodens, und Albano sah betroffen und entzückt umher und sagte mit leiser stimme: "Wie ist jetzt alles so verklärt an dieser heiligen Stelle! Raffaels Geist geht in der Mittagsstunde aus seinem grab, und alles, was sein Widerschein berührt, erglänzt göttlich!" Die Fürstin sah ihn zärtlich an, und er legte leicht seine Hand auf ihre und sagte wie überwältigt: "Sophokles!"

Am nächsten mondhellen Abende darauf bestellte Gaspard fackeln, damit das Coliseo mit seinem Riesen-Kreis zuerst im Feuer vor ihnen stände. Dem Ritter, der nur allein mit dem Sohne düster im düstern Werke, wie zwei Geister der alten Zeit, umhergehen wollte, drang sich noch die Fürstin auf, aus zu lebhaftem Wunsch, mit dem edlen Jüngling grosse Minuten und wohl gar ihr Herz und seines zu teilen. Die Weiber begreifen nicht genug, dass die idee, wenn sie den männlichen Geist erfüllt und erhebt, ihn dann vor der Liebe verschliesse und die Personen verdränge, indes bei Weibern alle Ideen leicht zu Menschen werden.

Sie gingen über das Forum auf der via sacra zum Coliseo, dessen hohe zerspaltene Stirn unter dem Mondlicht bleich herniederschauete. Sie standen vor den grauen Felsenwänden, die sich auf vier Säulenreihen übereinander hinaufbaueten, und die Flammen schossen hinauf in die Bogen der Arkaden, hoch oben das grüne Gesträuch vergüldend; und tief in die Erde hatte sich das schöne Ungeheuer schon mit seinen Füssen eingegraben. Sie traten hinein und stiegen am Gebürge voll Felsenstücke von einem Sitze der Zuschauer zum andern; Gaspard wagte sich nicht zum sechsten oder höchsten, wo sonst die Männer standen, aber Albano und die Fürstin. Da schaute dieser über die Klippen auf den runden grünenden Krater des ausgebrannten Vulkans herunter, der einst auf einmal neuntausend Tiere verschlang und der sich mit Menschenblut löschteder Flammenschein fuhr in das Geklüft und ins Geniste des Efeus und Lorbeers und unter die grossen Schatten des Mondes, die wie Abgeschiedne sich in den Höhlen aufhieltenin Süden, wo die Ströme der Jahrhunderte und der Barbaren hereingedrungen waren, standen einzelne Säulen und geschleifte ArkadenTempel und drei Paläste hatte der Riese mit seinen Gliedern genährt und gefüttert, und noch schaute er lebendig mit seinen Wunden in die Welt.

"Welch ein Volk!" (sagte Albano) "Hier ringelte sich die Riesenschlange fünfmal um das ChristentumWie ein Hohn liegt drunten das Mondlicht auf der grünen Arena, wo sonst der Kolossus des Sonnengottes standDer Stern des Nordens177 schimmert gesenkt durch die Fenster, und der Drache und die Bären bücken sich. Welch eine Welt ist vorüber!" – Die Fürstin antwortete, "dass zwölftausend Gefangne dieses Teater baueten und dass noch weit mehrere darauf bluteten". – "O die Bau-Gefangnen haben wir auch," (sagt' er) "aber für Festungen; und das Blut fliesset auch noch, aber mit dem Schweiss! Nein, wir haben keine Gegenwart, die Vergangenheit muss ohne sie die Zukunft gebären."

Die Fürstin ging weg, um einen Lorbeerzweig und blühenden Güldenlack zu brechen. Albano versank ins Sinnender Herbstwind der Vergangenheit ging über die Stoppelnauf dieser heiligen Höhe sah er die Sternbilder, Roms grüne Berge, die schimmernde Stadt, die Cestius-Pyramide, aber alles wurde zur Vergangenheit, und auf den zwölf Hügeln wohnten, wie auf Gräbern, die alten hohen Geister und sahen streng in die Zeit, als wären sie noch ihre Könige und Richter.

"Zum Andenken der Stelle und der Zeit!" sagte die kommende Fürstin