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kennt als sein Barbier und dessen Lebensweg eine dunkle Sackgasse istdem aber heimlich einer meiner Gesandten und Spione mit einem biographischen Hohlspiegel nachgeht, welcher des Mannes Unterkleider und Schritte in meine an dreissig Meilen abliegende Studierstube hineinspiegelt –, es kann mir der Fall aufstossen, sag' ich, dass ein solcher entlegner Mann zufällig vor den Ladentisch des Buchhändlers tritt und in meinem Werke, das rauchend aus dem Backofen dort liegt, sich mit seinen Haaren, Knöpfen, Schnallen und Warzen so deutlich auf der 371. Seite abgebildet findet, als man auf den Steinen in Frankreich die Abdrücke indischer Pflanzen antrifft. Es tut aber nichts.

Leute hingegen, die mit mir an einem Orte wohnen, welches sonst die Höfer taten, kommen gut davon; denn neben mir halt' ich keine Gesandten.

Aber eben dieser Vorzug, dass ich meine Geschichten nicht aus der Luft greife, sondern aus Depeschen, nötigt mich, mehr Mühe anzuwenden, sie zu verziffern, als andere hätten, sie aufzuschmücken oder auszusinnen. Kein kleineres Wunder als das, welches das Mauersche Geheimnis und die unsichtbare Kirche und die unsichtbare Loge vergittert und verdeckt, schien bisher die Entdeckung der wahren Namen meiner Historien abzuwenden, und zwar mit einem solchen Glücke, dass von allen bisher an die Verlagshandlungen eingeschickten, mit Mutmassungen gefüllten Brieffelleisen keines Mäuse merkte. (Und recht zum Vorteil der Welt; denn sobald z.B. einer die in der besten Verzifferungskanzlei verzognen Namen der ersten Bände des Titans auseinanderringelt, so stoss' ich das Dintenfass um und gebe nichts mehr heraus.)

Aus den Namen ist bei mir nichts zu schliessen, weil ich die Paten zu meinen Helden auf den sonderbarsten Wegen presse. Bin ich z.B. nicht oft abends? während dem Rochieren und Brikolieren der deutschen Heere, die ihre Kreuzzüge nach dem heiligen grab der Freiheit taten, in den Zeltgassen mit der Schreibtafel in der Hand auf- und abgegangen und habe die Namen der Gemeinen, die vor dem Bettegehen wie Heiligennamen laut angerufen wurden, so wie sie fielen, aufgefangen und eingetragen, um sie wieder unter meine biographischen Leute auszuteilen? Und avancierte dabei nicht das Verdienst, und mancher Gemeine stieg zum tafel- und turnierfähigen Edelmann auf, Profosse zu Justizministern, und Rotmäntel zu patribus purpuratis? – Und krähte je ein Hahn im ganzen Heere nach diesem herumschleichenden, auf zwei Füssen mobil gemachten Observationskorps? –

Für Autoren, die wahre Geschichten zugleich erzählen und vermummen wollen, bin ich vielleicht im ganzen ein Modell und Flügelmann. Ich habe länger als andre Geschichtsforscher jene kleinen unschuldigen Verrenkungen, die eine geschichte dem Helden derselben selber unkenntlich machen können, studiert und imitiert und glaube zu wissen, wie man gute Regentengeschichten, Protokolle von Majestätsverbrechern, Heiligenlegenden und Selbstbiographien machen müsse; keine stärkere Züge entscheiden als die kleinen, womit Peter von Cortona (oder Beretino) vor dem Herzoge Ferdinand von Toskana ein weinendes Kind in ein lachendes umzeichnete, und dieses in jenes zurück.

Voltaire verlangte mehr als einmalwie bei allen Sachen; denn er gab der Menschheit wie einer Armee jeden Befehl des Marsches dreimal und wiederholte sich und alles unverdrossen –, dass der Historiker seine geschichte nach den Gesetztafeln des Schauspiels stellen solle, nach einem dramatischen Fokalpunkt. Es ist aber eine der ersten dramatischen Regeln, die uns Lessing, Aristoteles und griechische Muster geben, dass der Schauspieldichter jeder historischen Begebenheit, die er behandelt, alles leihen müsse, was der poetischen Täuschung zuschlägt, so wie das Entgegengesetzte entziehen, und dass er Schönheit nie der Wahrheit opfere, sondern umgekehrt. Voltaire gab, wie bekannt, nicht nur die leichte Regel, sondern auch das schwere Muster, und dieser grosse Teaterdichter des Weltteaters blieb in seinen historischen Benefiz-Schauspielen von Peter und Karl nirgends bei der Wahrheit stehen, wo er gewiss sein konnte, er gelange eher zur Täuschung. Und das ist eigentlich die echte, dem historischen Romane entsprechende romantische Historie. Nicht ich, sondern anderenämlich der Lehnpropst und die Legationssekretärekönnen entscheiden, inwiefern ich eine wahre geschichte illusorisch behandelt habe. Ein Unglück ist es, dass schwerlich je die echte geschichte meines Helden zum Vorscheine kommt; sonst dürfte mir vielleicht die Gerechtigkeit widerfahren, dass Kenner meine dichterischen Abweichungen von der Wahrheit mit der Wahrheit konfrontierten und darnach leichter jedem von uns das Seinige geben, sowohl der Wahrheit als mir. Allein auf diesen Lohn tun alle königliche Historiographen, skandalöse Chroniker nolens volens Verzicht, weil nie die wahre Historie zugleich mit ihrer erscheint. –

Aber unter dem Komponieren der geschichte muss ein Autor auch darauf auslaufen, dass sie nicht nur keine wahre Personen treffe und verrate, sondern auch keine falsche und gar niemand. Eh' ich z.B. für einen schlimmen Fürsten einen Namen wähle, sehe' ich das genealogische Verzeichnis aller regierenden und regierten Häupter durch, um keinen Namen zu brauchen, den schon einer führt; so werden in Otaheiti sogar die Wörter, die dem Namen des Königs ähnlich klingen, nach seiner Krönung ausgerottet und durch andere vergütet. Da ich sonst gar keine jetzt lebende Höfe kannte: so war ich nicht imstande, in den Schlacht- und Nachtstücken, die ich von den Kabalen, dem Egoismus und der Libertinage biographischer Höfe malte, es so zu treffen, dass Ähnlichkeiten mit wirklichen geschickt vermieden wurden; ja für einen solchen Idioten wie mich war es sogar ein schlechter Behelf, oft den Machiavell vor sich hinzulegen, um mit Zuziehung der französischen geschichte durch das Malen nach beiden den Anwendungen wenigstens