droben unter sonnenhellen Tagen, und du bist tief im Tal!
Sie kamen noch vor dem Volksfeste einer verspäteten Weinlese vorüber. Der Ritter erkundigte sich nach allem mit der Wissbegierde eines Weinhändlers und mit der Kenntnis eines Winzers. So botanisierte er überall auf der Erde nach jedem Gräschen und Kraut der Erkenntnis. Albano verwunderte sich darüber, da er bisher geglaubt, Gaspard suche und lange nach nichts als nach den Paris- und Hesperiden-Äpfeln der Kunst, weil er alle andre Früchte und ihr Fleisch und ihren Kern in seinem stand weder zum Geniessen noch zum Säen brauchen konnte.
Sie versanken in die Tiefen der Tiroler Gebürge. Die Höhen standen schon ins feste weisse Leichentuch des Winters gehüllt, und durch die Täler ging nur der kalte Sturm lebendig hin und her. Albanos Sehnen nach dem milden land der Jugend wuchs zwischen den Stürmen und Alpen immer höher; und Roms Bild breitete sich kolossalisch aus, je länger es sich ihm näherte. Gaspard liess die Reise auf Flügeln gehen, um den Regenwolken des Herbstes vorzukommen.
In einer dunkeln Reise-Nacht arbeiteten sie sich gleichsam durch das Gebürge hindurch, gleich ihrem gefährten, dem Adigo-Strom, der einen Riesen-Felsen aufreisset und in die milde Ebene stürzt und darin sanft weitertaumelt. Die Sonne erschien und Italien.
Es hatte geregnet, eine laue Luft flatterte von den Zypressenhügeln durch das Tal und durch die WeinGehenke der Maulbeerbäume her und hatte sich zwischen Blüten und den Früchten der Pomeranzen durchgedrängt – der Adigo schien wie eine geringelte Riesenschlange auf der vielfarbigen Landschaft an den Landhäusern und Olivenwäldern zu ruhen und Regenbogen aneinanderzusetzen. – Das Leben spielte im Äter- nur Sommervögel schweiften in dem leichten Blau – nur der Venuswagen der Freude rollte über die sanften Hügel.
Albanos volle Seele ergoss sich gleichsam in das breite Bette, das ihn von der milden Ebene zu der prächtigen Roma führte! – "Wenn wir rückwärts reisen," (sagte Gaspard) "so erinnere dich an deinen Eintritt." – Sie hielten in einem dorf mit grossen steinernen Häusern. Albano sah das warme ausserhäusliche Leben um sich an, den unbedeckten Kopf, die nackte Brust und die blitzenden Augen der Männer – das grosse Schaf mit Seidenwolle – das schwarze kleine muntre Schwein und den schwarzen Trutahn als er plötzlich vom Balkon herab einen deutschen Gruss und seinen Namen hörte.
Es war die Fürstin, ihre Wagen standen seitwärts, Bouverot und Fraischdörfer bei ihr. Wie dringt es balsamisch durchs Herz, im fremden land, und sei es das schönste, den Bruder, die Schwester des rauhern wiederzufinden, gleichsam in der zweiten Welt den verwandten Erdensohn! – Auch der Adigo, der vorher ihn im wilden Gebürge unter dem Namen Etsch begleitet hatte, folgte ihm mit dem schönern in die Ebene nach. Die Fürstin schien ihm, er wusste nicht warum, milder, jungfräulicher geworden in Gestalt und blick, und er warf sich seinen frühern Irrtum vor. Aber er beging einen spätern: über ihre stark gezeichnete Physiognomie stiegen hinter Wien die welschen schärfern empor, und die schreienden Farben, worein sie sich gern kleidete, wurden von den italienischen überschrien. Ein fremder Boden ist ein Redouten- und Brunnensaal, wo nur menschliche Verhältnisse und keine politische walten, und in der Fremde ist man sich am wenigsten Fremdling – alles berührte sich freundlich, wie fremde hände sich suchen und fassen unter dem Steigen von Bergen. Wie verehrend sah Albano die Fürstin an! Denn er dachte: "Sie wollte die Erblasste mitnehmen in das heilende Eden. – O die Heilige würde ja an diesem Morgen glücklich sein und weinen mit dem blauen Auge vor Seligkeit." – Dann tat es seines, aber nicht vor Seligkeit; und so sind die Feuerwerke des Lebens, wie die andern, immer an und auf wasser gebauet. Da wurde in ihm der Schwur feierlich vor dem schönen Totenhaupte Lianens abgelegt: "Ich will der Freund ihrer Freundin recht sein!" – Eine neue Rolle des Lebens spielt der Mensch am wärmsten und besten; über unsern Antrittspredigten schwebt der heilige Geist brütend mit Taubenflügeln – nur später liegen die Eier kalt. Albano, noch in keine Freundschaft eingeweiht als in die männliche, betete die weibliche an wie ein aufsteigendes Gestirn, und für diese fand er, wie für die männliche, weit mehr Opfer-Kräfte in seiner warmen Seele aufbewahrt als für die Liebe. In der Freundschaft ist der Mann wie in der Liebe die Frau – und umgekehrt –; nämlich mehr den Gegenstand suchend als die Empfindung für ihn.
Mit neuen vollen Segeln und Wimpeln – in geschmückten singenden Schiffen – mit günstigen Seitenwinden – flog die muntere Fahrt durch Städte und Auen.
Nichts hängt über einen langen Reise-Korso eine schönere Frucht- und Blumenschnur hin – für einen Wagen, der vorausgeht – als ein paar Wagen, die nachkommen. Welche Gemeinschaft der Freude und Gefahr im Nachtquartier! Welches Besprechen der Marschroute! Welche Freude über die nach- und vorfahrenden Avanturen, nämlich über die Berichte davon! Und wie liebt einer den andern!
Nur gegen Bouverot bewies Albano eine feste Kälte; aber der Ritter war freundlich. Albano, mehr unter Büchern als unter Menschen aufgewachsen, wunderte sich oft, dass ihm in jenen die Verschiedenheit der Meinungen so leicht vorüberging, die ihn unter diesen so scharf anfiel. Am Ende fragt' ihn einmal sein Vater: "Warum benimmst du dich gegen Herrn v. Bouverot so fremd? Nichts erbittert mehr als ein besonnenes stilles Hassen, das leidenschaftlichste weit weniger.