Lebendigen mit und zieht sie weit nach in sein kaltes Reich.
Durch die Zeit wurde allmählich sein Schmerz entwickelt, nicht entkräftet. Sein Leben war ihm eine Nacht geworden, wo der Mond unter der Erde ist, und er glaubte nicht daran, dass Luna allmählich mit einem wachsenden Licht-Bogen wiederkehre. Keine Freuden, nur Taten – diese entfernten Sterne der Nacht waren jetzt sein Ziel. Er hielt es für unrecht, die Tränen, die oft mitten im fremden gespräche aus ihm drangen, darum vor dem Vater zurückzuhalten, weil dieser keinen teil an ihnen nahm; doch zeigt' er ihm durch die Kraft seiner gespräche und Entschlüsse noch den starken Jüngling. Nur der Vorwurf, den er sich über seine Schuld an Lianens Tod gemacht, hatte sich in den Frieden aufgelöset, den ihm Idoine gegeben, ob er gleich jetzt ihre Erscheinung nur für einen wachen Fiebertraum von Lianen hielt.
Sein Vater schwieg ganz über Idoinens Auftritt so wie über alle unangenehme Erinnerungen, er sprach aber viel von Italien und von dem Kunst-Gewinn, den Albano da erbeuten werde, zumal durch die vorausgehende Gesellschaft der Fürstin, des Kunstrates und des deutschen Herrn, die man bald einholen könne. Der Sohn wandte sich endlich mit der kühnen Erkundigung an ihn, ob er wirklich noch eine Schwester habe, und erzählte die geschichte mit dem Kahlkopf. "Es könnte wohl sein," (sagte Gaspard unangenehm spasshaft) "dass du noch mehr Brüder und Schwestern hättest, als ich wüsste. Aber was ich weiss, ist, dass deine Zwillingsschwester Severina in diesem Jahre in ihrem Kloster gestorben ist. Wofür hältst denn du die Nacht-geschichte?" – "Beinah für einen Traum", versetzt' er. Zufällig kam seine Hand hier in die tasche und traf zu seinem Erstaunen auf den halben Ring, den die Schwester ihm geschenkt. Das Wunderbare trat dicht unter seine Sinne, und jene Schauer-Nacht ging schnell und kalt durch seinen Mittag. Er und der Vater besahen die Enden des zerschnittenen Rings, an deren jedem ein abgerissener Namenszug aufhörte. "Es gibt aber nichts Wunderbares", sagte der Ritter. "Woher wissen wir alsdann, dass es etwas Natürliches gibt?" sagte Albano. "Das Wunder" (versetzte Gaspard) "oder die Geisterwelt wohnt nur im geist." – "Wir müssen uns" (fuhr jener fort) "auch bei den gemeinsten optischen Kunststücken auf etwas anderes als auf die Auflösung des Trugs der Phantasie in einen Trug der Sinnen freuen, weil uns sonst nach der Auflösung das Zauberwerk mehr gefallen müsste als vorher. Das sind die Stellen und Pole der menschlichen natur, worüber die ewigen Polarwolken hängen. Unsere Landkarten vom Wahrheits- und Geisterreiche sind die Landkartensteine, welche Ruinen und Dörfer abbilden; diese sind erlogen, aber doch ähnlich. Der Geist, ewig unter Körper gebannt, will Geister." – "Ungefähr so meint' ich auch", sagte Gaspard.
Albano drang aber bestimmter auf dessen Urteil über den Kahlkopf und die Schwester. "Von etwas anderem!" (sagte der Ritter ganz verdrüsslich) "für mich ist es ein sehr unangenehmes Gespräch. Nimm die Welt nach deiner Weise und sei ruhig!" – "Lieber Vater," fragte Albano betroffen, "klären Sie mich irgend einmal bestimmt darüber auf?" – "Sobald ich kann", sagte kurz der Ritter, mit so scharfen und stechenden Blicken auf den Sohn, dass dieser, ihnen wie Pfeilen ausweichend, den Kopf eilig aus dem Wagen hinausbeugte: als er erst merkte, dass ihn der Vater gar nicht meine; denn noch blickte er so scharf in der vorigen Richtung fort, als sei er nahe daran, in seine alte Erstarrung zu fallen.
Gaspards Wort über das Inwohnen der Geisterwelt im geist und sein blick und der Gedanke an sein Erstarren gaben für Albano der Stunde und der Stille romantische Schauer. Drunten am Ufer des Stroms standen zusammengelaufne Menschen, und einer eilte wie fliehend oder ansagend aus dem Haufen. Ein ferner Knabe warf sich auf einem Hügel nieder und legte das Ohr an die Erdkugel, um ihren rollenden Wagen etwa recht zu hören. Im dorf, wo sie Mittag hielten, läutete es unaufhörlich. Ihr Wirt war zugleich ein Müller; das Toben der Wellen und Räder füllte das ganze Haus; und Kanarienvögel lärmten noch durch den Lärm hindurch.
Es gibt Augenblicke, wo die beiden Welten, die irdische und die geistige, nahe aneinander vorüberstreifen und wo Erdentag und Himmelsnacht sich in Dämmerungen berühren. Wie die Schatten der himmlischen Glanzwolken über die Blüten und Ernten der Erde weglaufen: so wirft überall der Himmel auf die gemeine Fläche der Wirklichkeit seine leichten Schatten und Widerscheine. So fand es jetzt Albano. Der Ring und das schwärmerische Wort seines kalten Vaters hatten ihn wie Blitze geblendet. Unten an der Haustüre fand er ein Mädchen, das ein Warenlager von Zitronen vor sich trug. Plötzlich und unangenehm brach das Geläute ab; er blickte zum Glockenturm, und ein weisser Geier sass auf der Fahne. Bald kam der Glocken-Zieher selber, um etwas zu trinken, und fing mit starkem und doch nicht übel gemeintem Fluchen auf den Kammerherrn an, der ihn seit drei Wochen läuten lasse und dem er bloss wünsche, dass solcher, wie er selber im vorigen Jahre, nur drei Tage lang ordentlich hinter der seligen Tochter nachläuten müsste. Er ermahnte den Müller, "von den Zitronen zu kaufen, weils gute wären