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fragte sie. Er verbeugte sich und sagte: "Ganz gewiss!" Als sie ihm geantwortet, in einer Stunde hör' er die Entscheidung, machte sie ihm eine kurze achtende Abschiedsverbeugungund die einfache, edle Gestalt verliess ihn mitten in seinem trunknen Nachschauen; und er war unwillig, dass die kindischen Spiegel umher der einzigen Göttin so viele Nachschatten nachzuschicken wagten.

Zu haus fand er zwar den Wahnsinnigen, dessen Ohren allein nur in der Wirklichkeit fortlebten, wieder auf den Knien vor dem sechsten Glockenschlage; aber seine Hoffnung blühte jetzt unter einem warmen Himmel. – Nach einer Stunde erschien der Lektor und sagte mit bedeutend-froher Miene: es gehe recht gut, er hole einen Ausspruch des Arztes über die Krankheit, und dann entscheid' es sich darnach.

Herr v. Augusti gab ihm mit hofmännischer Ausführlichkeit den bestimmtern Bericht: die Gräfin flog zur Fürstin, deren achtung für den künftigen Reisegefährten sie kannte, und sagte ihr, sie würde' es in Idoinens Falle ohne Bedenken tun. – Die Fürstin bedachte sich ziemlich und sagte, hierüber könne nur ihre Schwester entscheidenBeide eilten zu ihr, malten ihr alles vor, und Idoine fragte erschrocken, was sie für ihre Ähnlichkeit und ihre wohlwollende Reise könne, dass man sie so tief in solche phantastische Verwicklungen ziehen wolle. – In dieser Sekunde trat Julienne blass herzu und sagte, sie habe schon seit dem Morgen Nachricht davon, das erscheinen sei einer so guten Seele Pflicht. – Da antwortete Idoine, sich und alles bedenkend und mit Würde: es sei gar nicht das Ungewöhnliche und Unschickliche, was sie schrecke, sondern das Unwahre und Unwürdige, da sie mit dem heiligen Namen einer abgeschiednen Seele und mit einer flachen Ähnlichkeit einen Kranken belügen solle. – Die Gräfin sagte, sie wisse darauf keine Antwort, und doch sei ihr Gefühl nicht dagegenAlle schwiegen verlegen. – – Die gewissenhafte Idoine war im weichsten Herzen bewegt, das unter dem Gewichte einer solchen Entscheidung über ein Leben zitternd erlag. – Endlich sagte Linda mit ihrem Scharfsinn: "Es wird aber doch eigentlich kein moralischer Mensch getäuscht, sondern ein Schlafender, ein Träumer, und Einbildung und Lüge soll ja an ihm nicht bestärkt, sondern besiegt werden." – Julienne nahm Idoinen mit sich, um ihr den Jüngling, den sie so wenig wie Linda gesehen, wahrscheinlich näher zu malen. – Bald darauf kam Idoine mit dem Ausspruche zurück:

"Wenn der Arzt ein Zeugnis gibt, dass ein Menschen-Leben daran hänge: so muss ich mein Gefühl besiegen. Gott weiss es," (setzte sie bewegt dazu) "dass ich es ebenso willig tue als unterlasse, wenn ich nur erst weiss, was recht ist. Es ist meine erste Unwahrheit."

Der Lektor eilte von Schoppe zum Doktor, um von ihm unter vielen Wendungen gerade das schicklichste Zeugnis mitzunehmen.

Schoppe wartete lange und ängstlichnach 7 Uhr kam ein Blatt von Augusti: "Halten Sie sich bereit, Punkt 8 Uhr kommt die bewusste person!" – Sogleich liess er, um die Fieberaugen zu schonen, im Krankenzimmer statt der Wachslichter die magische HängeLampe aus Beinglas brennen.

Den kranken Jüngling zündete er mit Geschichten von Wiedergekommenen noch stärker an und riet ihm, mit langen Feuergebeten vor der festen Todespforte zu knien, damit Ihr milder, barmherziger Geist sie aufreisse und ihn auf der Schwelle heilend berühre.

Kurz vor acht Uhr kamen in Sänften die Fürstin und ihre Schwester. Schoppe wurde selber schaudernd von dieser auferstandnen Liane ergriffen. Mit funkelndem Auge und versperrtem mund führt' er die schönen Schwestern in die Kulisse, auf deren Bühne draussen sie schon den Jüngling beten hörten. Aber Idoinens zarte Glieder zitterten vor der ungeübten Rolle, worin ihr wahrhafter Geist sich verleugnen sollte; sie weinte darüber, und der fromme schöne Mund war voll stummer Seufzer; oft musste die Schwester sie umarmen, um ihr Mut zu machen.

Die Glocke schlugfürchterlich-heiss flehte der Wahnsinnige drinnen um Friedendie Zunge der Stunde gebotIdoine schickte einen blick als Gebet zu Gott. – Schoppe öffnete langsam die tür. –

Drinnen kniete mit gegen Himmel gehobnen Armen und Augen ein schöner, in der magischen Dunkelheit blühender Göttersohn im eisernen Zauberkreise des finstern Wahnsinus und rief nur noch: "O Frieden, Frieden!" – Da trat die Jungfrau begeistert wie von Gott gesandt hinein; weissgekleidet wie die Verstorbne im Traumtempel und auf der Bahre, mit dem langen Schleier an der Seite, aber höher gestaltet, weniger rosenfarb und mit einem schärfern, hellern Sternenlicht im blauen Äter des Auges und ähnlicher der Liane unter den Seligen und erhaben, als komme sie als ein verjüngter Frühling von den Sternen wieder, so trat sie vor ihnsein greifender Flammenblick erschreckte sieleise und wankend stammelte sie: "Albano, habe Frieden!" – "Liane?" stöhnte seine ganze Brust, und seine weinenden Augen bedeckte er darniedersinkend. "Frieden!" rief sie stärker und mutiger, weil sie nicht mehr sein Auge traf und irrte; und sie entwich, wie ein überirdischer Geist die Menschen wieder verlässet.

Die Schwestern schieden still und voll hoher Erinnerung und Gegenwart. Schoppe fand ihn noch kniend, aber entzückt dahinblickend, ähnlich einem im Sturm erkrankten Schiffer auf den tropischen Meeren, der nach langem Schlaf an einem stillen rosenroten Abend die Augen aufschlägt vor dem brennenden Untergang der Sonneund die schlagende Wellen-Bahn wallet als ein Rosen- und Flammenbeet in