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des Teufels Kapelle –, scheue, weiche, empfindsame Sünder, innerlich-bodenlose Phantasten, z.B. Roquairols, gern in einer langsamen Spirale frecher Reden immer tiefer und froher in den Mittelpunkt der Schlechtigkeit hinabzudrehen pflegte. Der Fürst dachte dann: "Er denkt gerade wie ich"; aber Gaspard macht' es mit ihm ebenso.

Auch die wankende, blasse Julienne schlich endlich herein, um ihn zu sehen. Man umging, so weit man konnte, ihrentwegen das offne Grab der Freundin; aber sie fragte selber nach dem kranken Geliebten derselben recht angelegentlich. Der Ritterwelcher für die meisten wichtigen Antworten sich ein eigenes Phrasesbuch des Nichts, besondere Rede-Eisblumen angeschafft hatte, dergleichen waren: "es geht, so gut es kann" oder "man muss es erwarten" oder "es wird sich wohl geben" – bediente sich der letzten Redeblume und versetzte: "Es wird sich wohl geben."

Als er nach haus kam, hatte sich nichts gegeben, sondern hoch war die Flut des Übels gestiegen. Der Jüngling lag nieder angekleidet auf dem Betteunvermögend mehr zu gehenbrennendirre redendund doch bei jedem Glockenschlage seine alte Bitte in den hohen versperrten Himmel rufend. Bis hieher hatte sein kräftiges, festes Gehirn die Vernunft wenigstens für alles, was Lianen nicht betraf, fest zu behalten gewusst; aber allmählich ging die ganze Masse in die Gärung des Fiebers über. Vergeblich waffnete sich sein Vater einmal, da er kniete und um die Erscheinung der Toten bat, mit dem ganzen Sturm und Donner seiner Persönlichkeit; "gib mir den Frieden", betete Albano sanft weiter und sah ihm sanft dabei ins Gesicht.

Schoppe nahm jetzt mit der Miene eines wichtigen Geheimnisses den Vater allein und sagte, er wisse ein unfehlbares Mittel. Gaspard bezeugte seine Neugierde. "Die Prinzessin Idoine" (sagt' er) "muss nach erbärmlichen Kindereien gar nichts fragen, sondern keck, wenn es eben schlägt und er kniet, ihm als der selige Geist erscheinen und den fatalen Frieden schliessen." – Wider alles Vermuten sagte der Ritter unmutig: "Es ist unschicklich." Umsonst sucht' ihn der predigende Schoppe in die Sonnenseite zu rückenbloss in der Winterseite zog er weiter hinein bei dem Anschein fremder Absicht; in eine sanfte Wärme konnte' ihn niemand bringen als nur er sich selber. – Zuletzt liess Gaspard nach seiner Sitte über dem ewigen Grundeis seines Charakters so viel Treibeis obengenannter Phrasen schwimmen, dass Schoppe stolz und zornig schwieg. Noch dazu gingen die Anstalten zur Abreise fort, als sei der Vater willens, den Sohn brennend aus dem Fieberbrande zu ziehen und wahnsinnig aus den alten liebes-Zirkeln zu reissen. Schoppe machte ihm seinen Vorsatz, daheim zu bleiben, bekannt; er sagte, er habe nichts dagegen.

Nun fühlte Schoppe an seinem eignen zerritzten Gesicht den schneidenden Nord dieses von ihm sonst beschützten Charakters; "traue keinem langen, schlanken Spanier, sagte Kardanus mit Recht"166, sagte er.

Albano war krank und daher nicht trostlos. Er schöpfte aus der Lete des Wahnsinns die dunkle Betäubung gegen die Gegenwart; nur wenn er kniete, spiegelte sich im Strom seine zerrissene Gestalt und ein wolkiger Himmel. – Er hörte nichts davon, wie die Dürftigen ihren Namen nannten, um dankend um die ruhende Wohltäterin zu weinen, vor deren Klagen jetzt das heilende Saitenspiel ihrer Mienen taub und stumm lagEr hörte nichts von dem Toben ihres Bruders, noch vom lauten (akustisch-gebaueten) Schmerze ihres Vaters, oder von der starren, in dumpfe Qual gewickelten MutterEr wusst' es nicht voraus, dass die bleiche Charis in ihrem Krönungszimmer an einem Abende zwischen Lichtern zum letztenmal der Erde erscheinen werde, bekränzt, geschmückt und schlummerndIhm starb zwar in jeder Stunde eine unendliche Hoffnung, aber jede gebar ihm auch eine neue. – –

"Armer Bruder," (sagte Schoppe am andern Tag im edlen Zorn) "ich schwöre dirs, du bekommst heute deinen Frieden." Der blasse Kranke sah ihn bittend an. "Bei Gott!" schwur Schoppe und weinte beinahe.

98. Zykel

Schoppe hatte sich vorgesetzt, um den Ritterder den Abend halb an den Minister und halb an Wehrfritz in Blumenbühl verteiltesich gar nicht zu bekümmern, sondern geradezu vor die Prinzessin Idoine mit der grossen Bitte zu treten. Vorher wollt' er sich den Lektor dazu holen als Türhüter oder Billeteur der versperrten Hoftüren und als Bürgen seiner Worte. – Aber Augusti erschrak unbeschreiblich; er versicherte, das geh' unmöglich an eine Prinzessin und ein kranker Jünglingund gar eine ridiküle Geister-Rolle u.s.w., und der eigne Vater sehe' es ja schon ein. Schoppe wurde darüber ein aufspringendes Sturmfass und liess wenig Flüche und Bilder liegen, die er nicht gebrauchte über den menschenmörderischen Widersinn der Hof- und Weiber-Dezenzsagte, diese sei so schön gebildet und so blutig quälend wie eine griechische Furiesie binde an Menschen wie Köchinnen an Gänsen die Hals-Wunde nur nach dem Verbluten zu, damit sich die Federn nicht beflecktenund er sei so gut ein Courtisan, schloss er zweideutig, als Augusti und kenne Dezenz; "auch der Fürstin, die ihn doch so gern hat, darf ichs nicht vortragen?" Augusti sagte: "Der Fall ist nicht verschieden." – "Juliennen auch nicht?" – "Auch