entzückter und schneller: "Karoline – hier, hier, Karoline – das ist meine Hand – wie bist du so schön!" – Der unsichtbare Engel, der ihre erste Liebe geheiligt, der ihr Leben begleitet hatte, schimmerte wieder wie ein aufgegangener Mond über das ganze dunkle Sterben, und der Glanz verschmolz die kleine Mainacht leise mit dem grossen Frühlingsmorgen der andern Welt.
Nun lehnte die verschleierte Nonne des himmels ganz still an der Mutter- Der Todesengel stand unsichtbar und zornig unter seinen Opfern – Mit grossen Flügeln hing die Todes-Eule der Angst sich über die Menschen-Augen und hackte mit schwarzem Schnabel in die Brust herab, und man hörte nichts in der Stille als die Eule Düster wälzten sich des Ritters melancholische Augen in ihren tiefen Höhlen zwischen der stillen Braut und dem stillen Sohne hin und her; und Gaspard und der Würgengel schaueten einander finster an.
Da klang aus Lianans Harfe ein heller, hoher Ton lang in die Stille; die Parze, die an ihrem Leben spann, kannte das Zeichen, hielt innen und stand auf, und die Schwester mit der Schere kam. Lianens Finger hörten auf zu spielen, und unter dem Schleier wurde' es still und unbeweglich.
"Dein Kopf ist schwer und kalt, meine Tochter", sagte die trostlose Mutter. "Reisst den Schleier weg", rief der Bruder; und als er ihn herunterzog, ruhte Liane zufrieden und lächelnd darunter, aber gestorben – die blauen Augen offen nach dem Himmel – der verklärte Mund noch Liebe atmend – die jungfräuliche Lilien-Stirn von der tiefer herabgesunknen Blumenkrone umwunden – und bleich und verklärt vom Mondschein der höhern Welt die fremde Gestalt, die gross aus den kleinen Lebendigen unter ihre hohen Toten trat.
Da quoll die goldne Sonne durch die Wolken und durch die Tränen hindurch und übergoss mit dem blühenden Abendlicht, mit dem jugendlichen Rosen-Öl ihrer Abendwolken die entfärbte Himmelsschwester, und das verklärte Antlitz blühte wieder jung. Am Himmel schlugen alle Wolken, berührt von ihren Flügeln, als sie durch sie zog, in lange rote Blüten aus – und durch den hohen, über die Erde geblähten Nebelflor glühten die tausend Rosen hindurch, die gestreuet und gewachsen waren auf der Wolken-Bahn, worauf die Jungfrau über die Erde zu dem Ewigen ging.
Aber Albano, der verlassene Albano stand ohne Tränen und Augen und Worte unter den gemeinen Klagestimmen des Schmerzes im rosenroten Abendiener des heiligen Verklärungszimmers, unter dem irdischen Getümmel neben der stillen Gestalt; in tiefer Vergangenheit zeigte ihm der Schmerz ein Medusenhaupt, und er sah es noch an, als sein Herz schon davon versteinert war, und er hörte immer das finstere Haupt die Worte murmeln: "Wie bitter hatte die Tote in Lilar über den harten Albano geweint!" – Ihr Bruder sagte auf seiner Folter viele grausame Worte zu ihm; er vernahm sie nicht, weil er dem grausamern Gorgonenhaupt zuhörte.
"Sohn!" (rief Gaspard Cesara ernst) "Sohn, kennst du mich nicht?" Durch das schwere Leichen-Herz blitzt ihm eine Lebensstimme; er blickt umher, und auf den Vater, ordnet sich erschreckend die Gestalt und stürzt auf seine Brust und ruft nur "Vater!" und immer wieder "Vater!" – Er rief fort, ihn heftig wie ein Feind umflechtend, und sagte: "Vater, das ist Liane!" – Noch heftiger wurde die Umarmung, nicht aus Liebe, nur aus Qual. "Komme zu dir, und zu mir, lieber Albano!" sagte der Ritter. "O ich will es tun, Sie ist nun gestorben, Vater!" sagt' er erstickt, und nun zerriss sein Schmerz am Vater, wie ein Gewölke am Gebürge, in eine unaufhörliche Träne – sie strömte fort, als wollte sich die innerste Seele verbluten aus allen offnen Adern – aber das Weinen wühlte nur die Qualen auf wie ein Wolkenbruch ein Schlachtfeld, er wurde trostloser und ungestümer und wiederholte dumpf das alte Wort.
"Albano!" (sagte Gaspard nach einiger Zeit mit stärkerer stimme) "willst du mich begleiten?" – "Gern, mein Vater!" sagte er und folgte ihm, wie der Mutter ein blutendes Kind mit seiner Wunde. – "Morgen will ich schon sprechen", sagte Albano im Wagen und nahm die väterliche Hand. Die weit offnen Augen hingen geschwollen und blind an der warmen Abendsonne fest, die schon auf dem Gebürge ruhte – er blieb lächelnd und bleich und in seinem leisen sanften Weinen – und er merkt' es nicht, dass die Sonne unterging und er in der Stadt ankam.
"Morgen, mein Vater!" sagt' er kraftlos und bittend zum Ritter; und schloss sich ein. Man hörte nichts mehr von ihm.
Vierundzwanzigste Jobelperiode
Das Fieber – die Kur
97. Zykel
Lange blieb Albano im Nebenzimmer stumm. Der Vater überliess ihn der heilenden Stille. Schoppe wartete auf ihn geduldig, um ihn tröstend anzusehen und anzuhören. Endlich hörten sie ihn darin heftig beten: "Liane, erscheine mir und gib mir den Frieden!" Gleich darauf trat er stark und frei wie ein entketteter Riese heraus, mit allen Blut-Rosen auf seinem Gesicht – mit Blitzen in den Augen – mit hastigem Schritt. "Schoppe," (sagt' er) "komm mit auf die Sternwarte, es hängt am Himmel ein heller, hoher Stern, auf dem wird Sie begraben; ich muss das wissen, Schoppe