wie demütig, leise und doch innig die zarte, stille Seele ihn geliebt, die noch jetzt im zerfallenden Körper ganz wie an Lilars schönen Tagen sprach und liebte, so wie die schmelzende Glocke im brennenden Turm noch aus den Flammen die Stunden tönt.
"So lebe nun wohl, Geliebter!" (sagte sie ruhig und ohne Träne, und ihre matte Hand wollte seine drükken) "Reise glücklich in das schöne Land! – Habe ewigen Dank für deine Lieb' und Treue, für die tausend frohen Stunden, die ich dort erst verdienen will163, für Lilars schöne Blumen ... Die Kinder meiner Chariton haben sie mir aufgesetzt164 ... Je ne suis qu'un songe – – Was wollt' ich dir sagen, Albano? Mein Lebewohl! Verlasse meinen Bruder nicht! – O, wie du weinst! Ich will noch für dich beten!" –
Die Sterbenden haben trockne Augen. Das Gewitter des Lebens endigt mit kalter Luft. Sie wissen es nicht, wie ihre lallende Zunge einschneide in die weit aufgerissenen Herzen. Die sanfteste Seele wusst' es nicht, wie sie ein Schwert nach dem andern durch ihren Albano stiess, der es nun fühlte, dass er der Heiligen, der schon die Frühlingswinde, die Frühlingsdüfte des ewigen Ufers entgegenzogen, nichts mehr sein, nichts mehr geben konnte, nicht einmal die Demut nehmen.
Als sie es gesagt, richtete ihr Haupt mit der Blumenkrone sich begeistert auf, sie zog ihre Hand aus seiner und betete laut mit Inbrunst: "Erhöre mein Gebet, o Gott! und lasse Ihn glücklich sein, bis er eingeht in deine Herrlichkeit. Und wenn er irret und wankt, so schon ihn, o Gott! und lasse mich ihm erscheinen und ihm zureden. – Dir aber allein, du Allgütiger, sei Preis und Dank gesagt für mein frohes, stilles Leben auf der Erde, du wirst mir nach der Ruhe droben schenken den schönen Morgen, wo ich arbeiten kann.... Wecke mich früh aus dem Todesschlafe.... Wecket mich, wecket! ... Mutter, das Morgenrot165 liegt schon auf den Bäumen." –
Da stürzte die Mutter ins Zimmer mit andern Menschen. Der todesschlaftrunkne blick und das Irrereden sagten an, dass nun der kalte Schlaf mit offnen Augen komme. "Erscheine mir, du bist ja bei Gott!" rief Albano sinnlos. Umsonst wollt' ihn Augusti wegführen; ohne Antwort, ohne Regung stand er eingewurzelt fest. Liane wurde immer blasser, der Tod schmückte sie mit dem weissen Brautkleid des himmels an; da hörte sein weinendes Auge auf, die Qual gefror, und das weite, schwere Eis der Pein füllte die Brust.
Unverrückt hing Lianens blick an einer lichten Stelle des sanft bezognen Abendhimmels, wie forschend und erwartend, dass der Himmel aufgehe und die Sonne gebe. Gleichgültig gegen alle stürmte ihr Bruder jammernd herein: "Geh nicht zu Gott, ich sehe' dich sonst nie mehr – sieh mich an, segne, heilige mich, gib mir deinen Frieden, Schwester!" – Sie war still in die lichter aufbrechende Sonnenwolke vertieft. "Sie hält dich für mich" (sagte Albano zu Karl wegen ihrer ähnlichen Stimmen) "und gibt dir keinen Frieden!" – "Stiehl meine stimme nicht", sagte Karl zornig. – "O, lasset Sie in Ruhe", sagte die Mutter, aus deren gebückten Augen nur kleine, sparsame Tränen auf den Kranz der Tochter zitterten, deren mattes, nach dem Himmel aufblickendes Haupt sie an sich angelehnt mit beiden Händen hielt.
Auf einmal, als die Sonne die Wolken wie Augenlider aufschlug und hell herunterblickte, erschütterte sich die stille Gestalt; Sterbende sehen doppelt, sie sah zwei Sonnenkugeln und rief, an die Mutter geschmiegt: "Ach Mutter, wie gross und feurig sind seine Augen!" – Sie sah den Tod am Himmel stehen. "Bedecket mich mit dem Leichenschleier" (flehte sie ängstlich) "meinen Schleier!" Ihr Bruder griff nach ihm und deckte damit die irren Augen und die Blumen und Locken zu; auch die Sonne zog schonend wieder das Gewölke über sich.
"denke an den allmächtigen Gott!" rief ihr der fromme Vater zu. "Ich denke an ihn", antwortete leise die Verhüllte. Die Aurora der zweiten Welt steht schwarz vor den Menschen, sie bebten alle. Albano und Roquairol ergriffen und drückten einander die Hand, dieser aus Hass, Albano aus Qual, wie man in Metall knirscht. Das Zimmer war voll unähnlicher, befeindeter Menschen, die der Tod gleich machte. Seitwärts sah Albano eine fremde hereingeschlichene, ihm widrige Gestalt; es war sein unkenntlicher Vater, dessen grosse, düstere Augen scharf und hart auf dem Sohne hafteten. – Aus dem zweiten Zimmer blickten zwei lange verschleierte weibliche Gestalten auf die dritte und sahen kein Gesicht und niemand ihres.
Liane spielte mit den Fingern am Schleier. Der Abend stand im Zimmer und die Stille zwischen dem Blitze und dem Donnerschlag. "Denke an den allmächtigen Gott!" rief Spener. – Sie antwortete nicht – er sprach weiter: "An unsere Quelle und an unser Meer, er allein steht dir jetzt im Dunkeln bei, wo dir die Erde und die Menschen aus der Hand entsinken und alle Lichter des Lebens." Plötzlich fing sie an und sagte ganz freudig-leise und schnell hintereinander, wie wenn der Mensch im Schlafe spricht, und immer