1800_Jean_Paul_052_197.txt

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Er zuckte, da ihm plötzlich auf der Blumenbühler Höhe das weisse Bergschloss entgegenglänzte. Er rannte hinabwild vor dem verhassten entstellten Blumenbühl vorbeiund draussen in den tiefen Hohlweg hinauf, der zum Bergschloss führet. Da aber dieser sich in zwei aufsteigende Täler spaltet: so verirrte sich der vom Schmerz verschleierte Mensch in das linke und eilte zwischen dessen Wänden immer heftiger, bis er nach langem Treiben auf die Höhe heraustrat und das schimmernde Trauerschloss hinter sich erblickte. Da war ihm, als rühre sich die weite hinabliegende Landschaft wie ein stürmendes Meer durcheinander mit wogenden Feldern und schwimmenden Bergen; und der Himmel schaute still und hell auf das Bewegen nieder. Nur unten am westlichen Horizonte schlief eine lange dunkle Wolke.

Er stürmte wieder bergab und kam in wenigen Minuten im kleinen Blumengarten des Trauerhauses an. Als er heftig durch ihn schritt, sah er oben an den Schlossfenstern mehrere Menschenrücken; wenn sie sich umkehren (sagt' er), so wird sogleich die Sage umlaufen: der Mörder kommt. Jetzt trat die Ministerin an ein Fenster, wandte sich aber schnell um, da sie ihn erblickte. Er stieg schwer die Treppe hinauf, der Lektor kam ihm gerührt entgegen, sagte zu ihm: "Fassung für Sie und Schonung für andere! Sie haben keinen Zeugen Ihrer Unterredung als Ihr Gewissen" und machte dem stummen Jüngling das stille Krankenzimmer auf.

Vom Schmerz belastet und gebückt, trat er leise hinein. In einem Krankenstuhl ruhte eine weissgekleidete Gestalt mit weissen, tiefen Wangen und ineinandergelegten Händen und lehnte den Kopf, den ein bunter Grasblumenkranz umzog, an die Seitenlehne. Es war seine vorige Liane. "Sei mir willkommen, Albano!" sagte sie mit schwacher stimme, aber mit dem alten, aufgehenden Sonnen-Lächeln und reicht' ihm die mühsam gehobne Hand entgegen; das schwere Haupt konnte sie nicht erheben. Er trat hin, sank auf die Knie und hielt die teuere Hand, und die Lippe zitterte stumm. "Sei mir recht willkommen, mein guter Albano!" wiederholte sie noch zärtlicher in der Meinung, er hab' es das erstemal wohl nicht gehört; und alle Tränen seines Herzens riss die bekannte wiederkommende stimme in einem Regen nieder. "Auch du, Liane!" stammelte er noch leiser. Mühsam liess sie ihr Haupt auf die andere, ihm nähere Lehne herüberfallen; da schaueten ihre lebensmüden blauen Augen recht nahe seine feurigen nassen an; wie fanden beide ihr Angesicht von einem langen Schmerz entfärbt und veredelt! Rotwangig und vollblühend und Schmerzen tragend war Liane in das kalte fremde Totenreich der schweren Prüfung für die höhere Welt gegangen, und ohne Farbe und ohne Schmerzen war sie wiedergekommen und mit himmlischer Schönheit auf dem irdisch-verblühten GesichtAlbano stand vor ihr, auch bleich und edel, aber er brachte auf dem jungen kranken, eingefallnen Angesicht die Kämpfe und die Schmerzen zurück und im Auge die Lebens-Glut.

"Gott, du hast dich verändert, Albano" – fing sie nach einem langen Blicke an – "Du siehst ganz eingefallen ausBist du so krank, Lieber?" – fragte sie mit der alten liebes-Bekümmernis, die ihr weder der fromme Vater noch der letzte Genius, der den Menschen erkältet gegen das Leben und Lieben, eh' er es entrückt, aus dem Herzen nehmen konnten. – "O, wollte Gott! – Nein, ich bins nicht", sagte er und erstickte aus Schonung den inneren Sturm; denn er hätte so gern seinen Jammer, seine Liebe, seinen TodesWunsch ausgerufen vor ihr mit einem tödlichen Schrei, wie eine Nachtigall sich zu tod schmettert und vom Zweige stürzt.

Ihr erkältetes Auge ruhte, sich erwärmend, lange auf seinem Angesicht voll unaussprechlicher Liebe, und sie sagte endlich mit schwerem Lächeln: "So liebst du mich also wieder, Albano! – Du hattest dich auch in Lilar ganz geirrt. Erst nach langer Zeit wird mein Albano es erfahren, warum ich von ihm gewichen bin, nur zu seinem Wohl. Heute, heute an meinem Sterbetage sag' ich dir, dass mein Herz dir treu geblieben. – glaube es mir! – Mein Herz ist bei Gott, meine Worte sind wahrSieh! darum bat ich dich heute zu mirdenn du sollst sanft, ohne Reue, ohne Vorwurf auf deine erste Jugendliebe herübersehen in deinem künftigen langen Leben. – Heute wirst du nicht böse über die kleine Linda, dass sie vom Sterben sprichtSiehst du wohl, dass ich damals recht hatte? – Hole mir das Blatt dort!"

Er gehorchte; es war ein mit zitternder Hand gemachter Umriss von ihr, der Lindas edlen Kopf vorstellte. Albano sah das Blatt nicht an. "Nimm es zu dir", sagte sie; er tat es. "Wie bist du so willig und gut!" (sagte sie) "Du verdienst Sieich nenne sie dir nichtals den Lohn deiner Treue gegen mich. Sie ist deiner würdiger als ich, sie blüht wie du, siecht nicht wie ich; aber tu ihr nie unrechtDeine Liebe zu ihr ist mein letzter Wunsch Wirst du mich betrüben, festes Gemüt, durch ein heftiges Nein?" –

"himmels-Seele!" – (rief er und blickte sie bittend an und brachte ihr das Totenopfer des erstickten Neins) "ich antworte dir nichtAch vergib, vergib der frühern Zeit!" – Denn nun sah er erst,