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was könn' es ihr in diesem Jahre schaden, da sie ja erst im künftigennach Karolinens Weissagungvon hinnen gehe. – Indes suchte man ihr das letzte Ziel immer hinauszurücken, in der Hoffnung, dass Gaspard den Grafen wegführe, und mit dem Vorsatz, nur im Notfalle aller verlornen Hoffnungen ihr diese tödliche zu stillen.

Da wandte sie sich mit ihrem Wunsche an ihren Bruder; aber dieser, halb aus erbitterter Eitelkeit, halb aus Liebe gegen die Schwester, schilderte Albano von der kältern Seite, sagte, er ziehe in ein frohes Land, verschmerze sie leicht u.s.w. Wie entrüstete sich beinahe die sanfte Seele, weil sie daraus mit weiblicher Scharfsicht einen nahen Bruch der Liebe gegen Albano und Rabette und eine Wiederkehr der Neigung für die dableibende Linda entdeckte! Sie hatte schon längst die lange Unsichtbarkeit Rabettens untersucht. Denn diese arme Seele war seit ihrem Falle, seit dem Begräbnis ihrer Unschuld, durch keine Bitten und Befehle zu zwingen gewesen, vor die Freundin der ewigen Unschuld mit dem niedergeworfnen Sünder-Auge zu treten; und jetzt war es ihr vollends unmöglich, seit ihr durch Lindas Ankunft und Besuche auch das kleinste schillernde Gewebe ihres fliegenden Sommers zertreten war und ihr Mund voll Qual dumpf am hereingezognen Leichenschleier erstickte. "Bruder, Bruder," (sagte Liane begeistert) "bedenke, was unsere armen Eltern von uns Kindern haben! Ich erfülle ihnen keine Hoffnung; auf dir ruht jede; ach wie wird unser Vater zürnen!" setzte sie mit alter Scheu und Liebe dazu. Der Bruder hielt es für recht, die Wahrheit (über Rabettens Hinab- und Wegstossen), welche diesesmal die Gestalt einer bewaffneten Parze haben würde, von ihr zu entfernen, und setzte an die Stelle der Wahrheit seine Bruder-Liebe. Daher hatte' er bisher die einzige gelegenheit, mit der Gräfin zu sprechen, entbehrtLianens Krankenstuhl. "Du musst sterben," (sagte er einmal im Entusiasmus zu ihr) "es ist gut, dass dein Gewebe so zart ist, damit es das Durcheinandergreifen so vieler Tatzen entzweireissetWas hättest du bis in dein 70. Jahr nicht leiden können unter Menschen und Männern!" Auch er glaubteaus eigner Erfahrung –, dass es mehr Weiber- als Männerschmerzen gebe, so wie es am Himmel mehr Mond- als Sonnenfinsternisse gibt.

So stand es bis in die Nacht, wo Albano den Kahlkopf, die Spiele der Finsternisse und die verschleierte Schwester sah; in dieser sprang eine Saite nach der andern in Lianens Leben, sie wurde schnell verändert, und am frühen Morgen empfing sie schon das Abendmahl aus ihres Speners Hand. Der Lektor bekam diese trübe Nachricht von der Ministerin um 9 Uhr morgens. Darum sucht' er mit solchem Eifer durch Schoppe den Jüngling vom Anblick einer verscheidenden Braut zu verdrängen.

Später kam Gaspards Billett, welches beide auf den Gedanken brachte, ihn zum Entgegenfahren zu locken unddurch eine Nachricht an den Vaterdiesen zu bereden, wenigstens auf einige Tage mit Albano vor dem nahen Erdfall umzukehren, damit dieser sinke, ehe ihn der Sohn betreten.

Aber auch das, wie schon erzählt worden, schlug fehl; Albano bekannte Schoppen geradezu seinen Argwohn irgendeiner unheimlichen Begebenheit. Dieser wollte eben eine Antwort geben, als sie ihm ersparet wurde durch einen keuchenden Boten aus Blumenbühl, der an Albano folgendes Blatt von Spener überbrachte:

"P.P.

Ew. Hochgeboren Gnaden soll in aller Eile melden, dass das todkranke fräulein von Froulay noch heute mit Denenselben zu sprechen sehnlichst verlangt, daher Sie um so mehr zu eilen haben, da selbige nach eigner Aussage höchst wahrscheinlich (und um so mehr, als Patienten dieses genre immer ihren Tod richtig vorauszusagen wissen) den heutigen Abend schwerlich überleben, sondern aus dieser Leiblichkeit einziehen wird in die ewige Herrlichkeit. Ich für meine person brauche Ew. Gnaden als einen Christen wohl nicht erst zu vermahnen, dass wohl ein sanftes, stilles, frommes Betragen und Gebet bei dem Sterbebette dieser herrlichen Braut Christi, von deren Tod jeder wünschen wird: Herr, mein Tod sei wie dieser Gerechten!, nicht aber grausame weltliche Trauer sich gebühre und gezieme, der ich mit sonderbarem Respekte verharre

Ew. Hochgeboren Gnaden

Untertäniger

Joachim Spener

Hofprediger

P.S. Kommen Dieselben nicht sogleich mit dem Expressen: so bitte sehr um einige Zeilen Antwort."

*

Albano sagte kein Wortgab das Blatt seinem Freunde drückte leise dessen Handnahm den Hutund ging langsam und mit trocknen Augen auf die Gasse hinaus, auf den Weg nach dem Bergschloss.

96. Zykel

Schaudernd lief er draussen um die Stelle vorbei, wo in der vorigen Nacht die Leichen-Seherin gestanden hatte, um ihre in schwarze Menschen verwandelten Träume langsam von der Bergstrasse herunterziehen zu sehen. – Es war ein stiller, warmer, blauer Nachsommer-Nachmittagdas Abendrot des Jahres, das rotglühende Laub, zog von Berg zu Bergauf toten Auen standen die giftigen Zeitlosen unverletzt beisammenauf den übersponnenen Stoppeln arbeiteten noch Spinnen am fliegenden Sommer und richteten einige Fäden als die Taue und Segel auf, womit er entflohder weite Luft- und Erdkreis war still, der ganze Himmel wolkenlosund die Seele des Menschen schwer bewölkt.

Albanos Herz ruhte auf der Zeit wie ein Kopf auf dem Entauptungsblock – – Nichts sah er im weiten Himmelsblau als die darin fliegende Liane, nichts, nichts auf der Erde als ihre liegende leere Hülle