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aus und ein und flogen nahe ans helle Leben.

Beide traten ans Laubgehölze vor Lilar; da half sich ein Knabe mit einem unförmlich-grossen kopf auf zwei Krücken heraus und hatte eine Rose, die er dem Jüngling nickend anbot. Albano nahm sie, aber der Kleine nickte unaufhörlich, als woll' er sagen, er möge doch daran riechen. Albano tatsund plötzlich zog ihn die Teaterversenkung des Lebens, ein bodenloser Schlummer, in die dunkle Tiefe.

Als er belastet erwachte, war er allein und ohne seine Waffe in einem alten bestäubten gotischen Zimmerein mattes Lichtlein streuete nur Schatten umherer sah durch das FensterLilar schien es zu sein, aber auf die ganze Landschaft war Schnee gefallen und der Himmel weiss bewölkt, und doch stachen sonderbar die Sterne durch. Was ist das, steh' ich im Larventanz der Träume? fragt' er sich.

Da ging eine Tapete aufeine verhangne weibliche Gestalt mit unzähligen Schleiern auf dem Angesicht trat hereinstand ein wenigund flog ihm an sein Herz. "Wer ist es?" fragte er. Sie drückte ihn heftiger an sich und weinte durch die Schleier hindurch. "Kennst du mich?" fragt' er. Sie nickte. "Bist du meine unbekannte Schwester?" fragt' er. Sie nickte und hielt ihn mit festen Schwesterarmen, mit heissen Liebestränen, mit ungestümen Küssen an sich fest. "Rede, wo lebst du?" Sie schüttelte. "Bist du gestorben oder ein Traum?" – Sie schüttelte. – "Heissest du Julienne?" – Sie schüttelte. "Gib mir ein Zeichen deiner Wahrhaftigkeit!" – Sie zeigte ihm einen halben goldnen Ring auf einem nahen Tisch. "Zeige dein Gesicht, damit ich dir glaube!" – Sie zog ihn vom Fenster weg. "Schwester, bei Gott, wenn du nicht lügst, so hebe die Schleier!" – Sie wies mit dem ausgestreckten langen umwickelten arme nach etwas hinter ihm. Er bat immer fort, sie deutete heftig nach einem Orte hin und drückte ihn von sich; endlich folgte er und kehrte sich seitwärtsDa sah er in einem Spiegel, wie sie schnell die Schleier aufriss und wie darunter die veraltete Gestalt erschien, deren Bild ihm sein Vater auf Isola bella mit der Unterschrift gegeben. Aber als er sich umkehrte, fühlt' er auf seinem Gesicht eine warme Hand und eine kalte Blume; und sein Ich zog wieder ein Schlaf hinunter.

Als er erwachte, war er allein, aber mit seiner Waffe und an der Waldstelle, wo er zum ersten Male eingeschlafen war. Der Himmel war blau, und die lichten Bilder schimmertendie Erde war grün und der Schnee verwischtden halben Ring hatte' er nicht mehr in der Handum ihn war kein laut und kein Mensch. War alles der verwehte Wolkenzug der Träume gewesen, das kurze Wirbeln und Bilden in ihrem Zauberrauch?

Aber das Leben, die Wahrheit hatte ja so lebendig an seiner Brust gebrannt; und die Schwestertränen lagen noch auf seinem Auge. "Oder wären es nur meine Brudertränen?" sagte sein verwirrter Geist, als er aufstand und in der hellen Nacht nach haus ging. Alles war so still, als schlafe das Leben noch forter hörte sich und fürchtete, es zu weckener schaute seinen gehenden Körper an: ja, dachte' er, dieses dichte, um uns gewickelte Bette spielt uns eben die Qualen und Freuden des Lebens zu. So wie wir schlafend unter herüberfallenden Bergen zu ersticken glauben, wenn das Deckbette sich auf unsere Lippen überschlägt, oder über klebendes Glut-Blech zu schreiten, wenn es mit zu dicken Federn die Füsse drückt, oder als nackte Bettler zu frieren, wenn es sich kühlend verschiebt: so wirft diese Erde, dieser Leib in den siebzigjährigen Schlaf des Unsterblichen Lichter und Klänge und Kälte, und er bildet sich daraus die vergrösserte geschichte seiner Leiden und Freuden; und wenn er einmal erwacht, ist nur wenig wahr gewesen!

"Gott, warum kommst du so spätund so blass?" fragte Schoppe, der in Albanos Zimmer lang' auf ihn gewartet hatte. "O, frag mich heute nicht!" sagte Albano.

Dreiundzwanzigste Jobelperiode

Liane

95. Zykel

Nie fuhr sich Schoppe mit mehr Flüchen an als am Morgen unter Albanos Erzählung, und zwar darüber, dass er nicht geblieben war, um dem Kahlen, dem Schwungrad so vieler Geister-Bewegungen, mitten unter dem Drehen in die Speichen zu fahren. Er flehte inständig den Grafen an, doch bei der nächsten Erscheinungzumal in Italiendem Kahlen ohne Schonung die Larve abzureissen, und bliebe das Leben darin hängen. Den Jüngling hatte die Nacht zu stark bewegt; daher sprach er ungern und flüchtig davon. Da in ihm alle Empfindungen sich ernster und übermächtiger regten als in Roquairol: so hatte' er nicht wie dieser Freude an ihrem Malen, sondern Scheu davor. Er suchte das kleine alte Schwesterbild auf, das ihm sein Vater auf der Insel gegeben; – welcher treffende Widerschein des nächtlichen Spiegelbildes! Dieses Alter-Moos an einer Schwester musste, bloss um damit ihre Ähnlichkeit zu überdecken, durch Kunst gesäet sein. Die Vermutung auf Julienne gab er nach dem Nein der Verschleierten und bei der Unwahrscheinlichkeit einer solchen Nachtrolle wieder auf und setzte die Höhen-Berechnung aller dieser unbegreiflichen Lufterscheinungen auf die hülfe seines so nahen Vaters hinaus.

Ach