; Schoppen hatte der Grimm ordentlich abgespannt.
Jetzt trat eine arme, magere Tischlersfrau, Likör zu holen, herein, welche die Augen vor Scham und Schwäche nieder- und halb zugezogen trug; sie getrauete sich nicht aufzusehen, weil die ganze Stadt wusste, dass sie nachts gewaltsam aus dem Bette in die Gasse getrieben werde, um einem Leichenzuge, der dann durch dieselbe nach einigen Tagen wirklich ziehe, in seinem Vorspiele und Vorbilde vor ihr zuzuschauen. Kaum hatte sie der Kahle erblickt, als er sich das Gesicht bedeckte: "Es ist ein einziger Unschuldiger unter uns" (sagt' er, ganz bleich und unruhig) – "der Jüngling hier", indem er auf Albano zeigte. Eben donnerte oben ein Wagen mit sechs Pferden vorüber. Schoppe sprang auf, fragte zweimal schnell den sinnenden Albano: "Gehst du mit?", kehrte sich zornig von dessen Nein weg, trat dicht vor den Kahlen und sagte wütend: "Hund!" – und kehrte sich um und ging fort. Am Kahlen regte sich keine Miene auf der bleichgebliebnen Haut, sondern nur die Hand ein wenig, als sei in ihrer Nähe ein Stilett zum Griff; aber er sah ihm mit jenem Blicke nach, vor welchem das Mädchen in Neapel starb.
Albano ergrimmte über den blick und sagte: "Mein Herr, dieser Mann ist ein durchaus redlicher, treuer, kräftiger Mensch; aber Sie haben ihn selber gegen sich erbittert und müssen ihn freisprechen." – Mit sanfter, schmeichelnder stimme versetzte er: "Ich kenn' ihn nicht erst seit heute, und er kennt mich auch." Albano fragte, ob er vorhin mit dem grossen Bernhard den Schweizerberg gemeint. "Wohl!" (versetzt, er) "Ich reise jährlich hin, um eine Nacht mit meiner Schwester zuzubringen." –
"Meines Wissens sind nur Mönche da", sagte Albano. – "Sie steht unter den Erfrornen in der Klosterkapelle159," (versetzt' er) "ich bleibe die ganze Nacht vor ihr und sehe sie an und singe Horen."
sonderbar fühlte sich Albano während des Zuhörens verändert – was er nur dem Punsch zuschreiben konnte – es war weniger Rausch als Glut, eine fliegende Lohe brausete über seine innere Welt, und der rote Schein irrte an ihren fernsten Grenzen umher; nun war ihm, als steh' er ganz mit dem Kahlkopf auf einem Boden und könne mit diesem bösen Genius ringen. – "Ich hatte' auch eine" (sagte Albano) – "kann man Tote zitieren?" "Nein, aber Sterbende", sagte der Kahle. – "Huh!" sagte Albano bebend. – "Wen wollt Ihr sehen?" fragte der Kahle. – "Eine lebende Schwester, die ich noch nicht gesehen", sagte glühend Albano. "Es kommt" (sagte der Kahle) "auf ein wenig Schlaf an, und dass Ihr noch wisset, wo die Schwester an ihrem letzten Geburtstag war." – Zum Glück war Julienne, die er für seine Schwester nahm, an dem ihrigen im schloss zu Lilar gewesen. Er sagt' es ihm. "So kommt mit mir!" sagte der Kahle.
In dieser Minute brachte ihm Schoppens Bedienter einen Stockdegen und folgendes Blatt: "Bruder, Bruder, trau ihm nicht – Hier hast du eine Waffe, denn du bist gar zu tollkühn – Stich ihn gleich durch, macht er nur Miene – Allerlei unbekannte Leute haben diesen Abend nach dir und deinem Orte gefragt – Mir ist, als sei mir vor der Bestie gar kein Leben gesichert, deines, Ihres – Hüte dich und komme!
Schoppe.
Erstich ihn aber, ich bitte dich."
*
"Fürchtet Ihr Euch etwa?" fragte der Kahle. – "Das wird sich zeigen", sagte Albano zornig und nahm den Stockdegen und ging – mit ihm. Als beide durch das kleine dunkle Vorzimmer des Kellers gingen, sah Albano in einem Spiegel seinen eignen Kopf in einen Flammen-Ring gefasset. – Sie kamen aus der Stadt ins Freie. Der Kahle ging voraus. Der Himmel war sternenhell. Dem Grafen war, als hör' er die unterirdischen wasser und Feuer der Erdkugel und der Schöpfung brausen. Kaum erkannt' er draussen den Weg nach Blumenbühl. Plötzlich lief der Kahle links feldein; die magere Tischlerin stand auf der Blumenbühler Strasse ganz starr und sah vertieft eine Leiche ziehen, die unsichtbar vorüberging, und hörte die ferne Glocke, die der Stumme trägt, der Tod. So schien es.
Da folgte Albano dem Kahlkopf verwegner nach, die Geisterfurcht tötet die Menschenfurcht. Beide gingen stumm nebeneinander. In der fernen Tiefe schien es, als schwebe ein Mensch, ohne zu schreiten und rege zu sein, fest und langsam in den Lüften weiter. Am Kahlen zuckte unaufhörlich die weisse Haut, und eine unsichtbare Faust nach der andern zog sich aus dem Ton seines Gesichts und zeigte den Griff; einmal lief auf ihm das Gesicht des Vaters des Todes160 vorüber.
Plötzlich hörte Albano um sich das dumpfe Gemurmel und Durcheinandersprechen eines Gewimmels; nichts war um ihn. "Hört Ihr nichts?" fragte er. "Es ist alles still", sagte der Kahle. Aber das Gewimmel murmelte und lispelte begierig und heiss fort, als könne es nicht fertig und einig werden; – der kühne Jüngling schauderte, die Tore des Schattenreichs standen weit offen in die Erde, Träume und Schatten schwärmten