sehr der ganzen Menschheit, deren Revolutionen und Verbesserungen weiter nichts als Umarbeitungen einer Schikanedrischen Zauberflöte durch einen Vulpius wären; indes schwebe doch um das tolle, dissonierende Stück ein Mozartischer Wohllaut, worüber man den Vater und den Sprachmeister verwinde."
"Wozu schleichen und brummen wir Sünder hier herum? Lass uns zu Ratto!" sagte Schoppe. Äusserst ungern bequemte sich Albano dazu; er sagte, der Keller habe etwas Unheimliches für ihn, und eine schwüle Ahnung drücke seine Brust. Schoppe erklärte die Ahnung aus dem Druck der Balken seines eingestürzten Lustschlosses, die auf seiner Brust noch lägen, und aus der Erinnerung an den jetzt im Abgrund fliegenden Roquairol, der einmal ihm im Keller zugetrunken und nachher ihm in Lilar gebeichtet habe. Albano folgte endlich, erinnerte ihn aber an das Eintreffen einer andern Ahnung, die er auf der Höhe vor Arkadien gehabt.
"Wir spielen beide nicht die besten verliebten Figuren, indes ziehen wir in den Keller", sagte Schoppe unterwegs und legte seinen Liebling ganz ungewöhnlich-hart auf die Folterleiter seines Spasses; sonst, als er nicht selber liebte, war er eines zarten, schonenden, ernsten Schweigens darüber so fähig, jetzt aber nicht mehr.
94. Zykel
Im Keller war der alte Ab- und Zulauf bekannter und fremder Gesichter. Albano und Schoppe stiegen miteinander auf jene reinen Höhen der Musenberge, wo wie auf physischen der Dunstkreis des Lebens leichter aufliegt und der Äter näher an die kürzere Luftsäule reicht. Auf ihrem Ararat trösten sich die Männer leichter als die Weiber in ihren Tempetälern. Nachdem Schoppe, durch die gewitterhafte Luft von Punsch und Liebe feuriger, ziemlich lange den BlitzFunken seines Humors hatte im Zickzack und verkalkend durch das Weltgebäude schiessen lassen: so trat plötzlich ein Unbekannter, wie ein Totenkopf gänzlich kahl und sogar ohne Augenbraunen, aber welkund rosenwangig, an ihren Tisch und sagte mit eiserner Miene zu Schoppe: "Binnen heute und 15 Monaten seid Ihr wahnsinnig geworden, Spassvogel!"
"Oho!" fuhr Schoppe äusserlich auf, aber innerlich zusammen. Albano wurde blass. Jener fasste sich wieder, starrete die widerwärtige Gestalt, die die welke, aber rosenrote Haut auf scharfen hohen Gesichtsknochen hin- und herrollte, scharf und mutig an und sagte: "Wenn Ihr mich versteht, prophetischer Galgen- und Spassvogel, und nicht selber wahnsinnig seid: so bin ich imstande, darzutun, dass man sich sehr wenig daraus zu machen habe aus der Tollheit." Hierauf bewies er – aber doch abgekühlt, abgebrannt und verlassen von seinem Bilder-Heer –: Wahnsinn wie Epilepsie gebe mehr dem Zuschauer als dem Spieler Schmerzen denn er sei nur ein früherer Tod, ein längerer Traum, eine Tag- statt Nachtwandelung – meistens geb' er, was das ganze Leben, Tugend und Weisheit nicht könne, eine fortdauernde angenehme Idee157 – auch wenn er, was selten sei, in eine peinliche schmiede, so werde diese doch ein Panzer gegen alle körperlichen Leiden des Menschen – er habe daher nie für sich den Wahnsinn gefürchtet, so wenig als den Traum, könn' aber an andern weder das Reden in beiden noch den Anblick davon ertragen. "Uns schaudert" (sagte Albano) "ein Mensch, der schlafend zu uns spricht wie zu einem Abwesenden oder der wachend nur allein mit sich redet; und hör' ich mich selber allein, so ist es dasselbe."
"Ich bin kein Philosoph", sagte gleichgültig der Kahlkopf, dessen vollendete glänzende Kahlheit mehr fürchterlich als hässlich war. Schoppe fragte erbittert, "wer er denn sei, quis und quid und ubi und quibus auxiliis und cur und quomodo und quando158" – "Quando? – Nach 15 Monaten komm' ich wieder Quis? – Nichts; Gott braucht mich bloss, wenn er jemand unglücklich machen muss", sagte der Kahle und bat sich ein Glas und die Erlaubnis mitzutrinken aus. Albano sagte, es gern erlaubend, im Frageton: er sei wohl erst angekommen? "Eben vom grossen Bernhard", sagte der Kahle, aber widriger mit jedem Wort, weil sein altes Rosen-Gesicht ein Zickzack konvulsivischer Verziehungen war, so dass immer ein Mensch nach dem andern dazustehen schien. Er ging ein wenig hinaus. Schoppe sagte ganz ausser sich: "Ich ergrimme immer mehr gegen ihn wie gegen ein greuliches, hüpfendes Fieberbild. Um Gottes Willen lass uns fort. – Es ist mir immer hinter mir, als stosse mich eine böse Faust auf ihn zu, damit ich ihn abwürge. Auch wird er mir immer bekannter, wie ein vermooseter Todfeind."
Albano versetzte sanft: "Sieh, meine Ahnung! – Aber nun ich ihr nicht gehorcht, muss ich auch sehen, wo hinaus es geht." Seine mutige natur, seine romantische geschichte und Lage liessen ihn nicht wegrükken von einer so abenteuerlichen Perspektive.
"Aber warum" (fragte Schoppe den Kahlen, da er wiederkam) "schneidet Ihr so viele Gesichter, die eben nicht zu Eurem Besten ausfallen?" – "Sie kommen" (sagt' er) "von Gift her, das man mir vor zehn Jahren gegeben – Habt Ihr gesehen, wie aqua toffana, in Menge genommen, verzieht? – In Neapel zwang ichs einem sechzehnjährigen schönen Mädchen hinein, das schon einige Jahre damit gehandelt hatte, und liess es vor mir sterben. Es gibt wohl nichts Gottloseres als Giftmischerei." – "Abscheulich!" rief Albano, ergriffen von einem innersten Widerwillen gegen den Mann