1800_Jean_Paul_052_190.txt

schrieb er den Gassen-Grimm zu –, er werde die Gräfin nicht zu sehen suchen.

Sogar im Bibliotekar schien seit einigen Tagen ein Geheimnis zu lauern; dieser aber ging, seit es ihm in dessen Tiefen immer lichter geworden und er hinter dessen komische Larve hineingesehen bis zum redlichen Auge und liebevollen Mund, sein Herz so nahe an, zumal nach so vielen Trennungen. Denn auch der Lektor hielt sich nach seiner Gewohnheit, um keines Menschen oder gar abtrünnigen Freundes Liebe zu werben, von ihm geschieden; was denselben Jüngling kränkte, der es innerlich billigte.

Seit einigen Tagen war nämlich Schoppe in eine andre Tonart umgesetzt und sein eigner Restant und Nachsommer geworden. Es fing damit an, dass er an einem elenden Heulied den ganzen halben Tag auf dem Waldhorn verblies; den übrigen halben versang er daran mündlich. Statt zu lesen und zu schreiben, ging er in der Stadt und stube auf und ab. Alles, was er sonst schnell abmachte, Laufen, Verschlingen des Essens, Sprechen, Rauchen, Befehlen, Auffahren, das ging jetzt mit Klöppeln zwischen den Füssen und stand fast. Sein langsames Auffahren und sein zarter, leiser Schritt konnten Kennern seiner Vorzeit lächerlich vorkommen. Seinen grossen, herrlichen WolfHund, von dem er sich täglich zehnmal mit den Vorder-Pfoten umhalsen liess und dessen am Felle aufgezogne Brust er so gern auf seine drückte, wenn er mit ihm ein Langisches und Konsistorial-Kolloquium hielt, vernachlässigte er in dem Grade, dass der Hund attent wurde und nicht wusste, was er denken sollte. Wie wenig konnte' er sonst das Geschrei eines geprügelten Hundes ertragen, ohne zur Haustüre als Schutzherr hinauszufahren, weil er glaubte, man könne wohl Menschen wie Hunde traktieren, aber Hunde nicht! – Jetzt konnte' er das Schreien hören, bloss weil er es, wie es schien, nicht hörte.

Wie er sonst oft zu Albano ging, um bloss auf- und ab- und fortzugehen ohne ein lautes Wortweil er sagte: "Daran erkenn' ich eben den Freund, dass er mich oder sich nicht unterhalten, sondern bloss dasitzen will" –, so kam er jetzt noch stummer, berührte oft wie ein spielendes Kind zärtlich des lesenden Albanos Achsel und sagte, wenn dieser sich umsah: "Nichts!" Albano fragte indes der Veränderung nicht nach; denn er wusste, er entschleiere sie ihm doch zur rechten Zeit. Ihre Herzen standen wie offne Spiegel gegeneinander.

So lag nun der dunkle Wald des Lebens mit durcheinander- und tief ins Dickicht hineinlaufenden Steigen vor Albano, als er auf dem Kreuzwege seiner Zukunft stand und auf den Genius wartete, der entweder als ein feindseliger oder als ein guter ihm Lianens Entscheidung bringen sollte. Endlich kam aus dem finstern Wald ein Genius, aber der dunkle, und gab ihm dieses Blatt von der Fürstin: "Lieber Graf! Wahr bin ich immer und schone lieber nicht. Das kranke fräulein v. F. ist nicht mehr imstande, eine Reise zu machen oder davon zu profitieren. Ich nehme innigen Anteil daran. Sogern ich Ihnen heute selber Trost zuzusprechen wünschte: so hoff' ich doch nicht, nach dieser Nachricht die gelegenheit dazu zu haben.

Ihre Freundin."

Welcher finstere Wolkenbruch aus dem jugendlichen Morgenrot! So war also die geheime Freude, die er bisher nährte, der Vorbote des entsetzlichen Schlags gewesen, das sanfte Tönen vor dem Wasserfall.151 Dass gerade seine Liebe das glühende Schwert werden musste, das durch Ihr Leben drang, o das betrachtete er immer so, das schmerzt' ihn so! Aber kein Auge wurde nass; der Wermut des Gewissens verbittert sogar den Schmerz.

Wenn der Mensch sein eigner Freund nicht mehr ist, so geht er zu seinem Bruder, der es noch ist, damit ihn dieser sanft anrede und wieder beseele; – Albano ging zu seinem Schoppe.

Er fand ihn nicht, aber etwas anderes. Schoppe führte nämlich ein Tagebuch über "sich und die Welt", worin sein Freund lesen durfte, was und wenn er wollte; nur musst' er es vergeben, wenn er darinda es durchaus so geschrieben wurde, als säh' es niemand weiterzornige Fächerschläge und noch dazu mit dem harten Ende wegtrug. "Warum soll ich dich mehr schonen als mich?" sagte Schoppe. Zu diesem Du waren sie gekommen, ohne sagen zu können wann, so sehr sie sonst mit dieser Herzens-Kurialie, mit diesem heiligsten Seelen-Dualis gegen andere geizten; "denn ich danke Gott," (sagte Schoppe) "dass ich in einer Sprache lebe, wo ich zuweilen Sie sagen kann, ja sogar, wenn die Menschen und Schelme darnach sind, zwischen jedem Komma Euer sowohl Wohl- als Hoch- und Sonst-Geboren."

Albano fand das Tagebuch aufgeschlagen und las mit Erstaunen dieses:

"Amanlus-Tag. Ein dummer und äusserst merkwürdiger Tag für den bekannten Hesus oder Hanus152! Ich kann mich schwer bereden, dass es der arme Donnergott verdiente, hinter der langen Proserpina153 nachzugehen und ihr endlich ins Gesicht zu gucken, auf die Stirn, auf den Mund, auf den Hals! O Gott! Wenn ein solcher Gott nun auf dem platz geblieben wäre! – Als Pastor fido stand er zum Glück wieder auf und ging davon. O Höllengöttin, Hesi Himmelsstürmerin, du hast dich zu seinem Himmel gemacht, kann er dich je lassen?

Nachmittags. Der Pastor wird sein eigenes Hatzhaus