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noch ein Instrument, es zu sehen", sagt' er und zielte wieder nach Vorschuss.

Albano sah rund umher seine Lebensgärten glänzen vom warmen Schimmer eines Nachfrühlings; und sein Inneres erbebte süss und schmerzlich. Er nahm einen Kometensucher und flog unter den Gestirnen umher, nach Blumenbühl, in die Stadt, auf die Berge, nur nicht auf das weisse Schloss mit dem erleuchteten Eckzimmer und dem kleinen Garten; das ganze Herz kehrte vor Scham und Liebe um vor der Tür des Paradieses.

Jetzt ging die Haltermann auf einen Wink zum Aufbruch mit dem Sternseher voraus hinab, um der Fürstin einen zeugenlosen, freien Augenblick zuzuwenden. Albano stand edel im Mondschimmer vor ihr, sein Auge war glänzend, seine Züge gerührt; sie fasste seine Hand und sagte: "Wir missverstehen einander gewiss nicht, Graf!" Er drückte die ihrige, und seine Augen quollen voll. "Nein, Fürstin!" (sagt' er sanft) "Sie geben mir Ihre Freundschaft. Ich verdiene sie nicht, wenn ich ihr nicht ganz vertraue. Ich geb' Ihnen jetzt die probe meines offnen Vertrauens. Sie kennen vielleicht die geschichte meines Glücks und meines Verlusts; Sie kennen den Minister." – "Leider, leider!" (sagte sie) "auch Ihre harte geschichte, edler Mann, wurde mir bekannt."

"Nein," (versetzt' er heftig) "ich war härter als mein Schicksal, ich quälte ein unschuldiges Herz, ich machte eine gehorsame Tochter elend, krank und blind. – Aber ich habe sie verloren" (fuhr er mit steigender Rührung fort und kehrte sich seitwärts, um Lianens schimmernde Wohn-Höhe nicht zu sehen) "und ertrag' es, wie ich kann, aber ohne heimliche Wege zum WiederbesitzNur das Opfer darf dort drüben nicht gar verbluten bei der harten, engherzigen Mutter. – O, die Honigtropfen der Freuden, Sie und Italiens Himmel könnten sie wohl heilenSie stirbt, wenn sie bleibt, und ich bleibe, um zuzusehenFreundin! o, wie gross ist meine Bitte!"

"Sie sei Ihnen gern gewährt! Übermorgen fahr' ich zur Mutter und Tochter und bestimme diese gewiss für die Reise, insofern es von mir abhängt. Aber ich tu' esum auch offen zu seinbloss aus echter Freundschaft für Sie; denn das fräulein gefällt mir nicht ganz mit ihrem Mystizismus und liebt gewiss nicht wie Sie; sie tut alles für die Menschen bloss aus Liebe zu Gott; und das lieb' ich nicht."

"Ach, so dachte' ich sonst auch; aber wen soll die Göttliche sonst lieben als Gott?" sagt' er, in sich und die Nacht versunken und für die Fürstin zu hyperbolischsein schimmerndes Auge hing fest am weissen Bergschloss, und Frühlinge wehten vom mond herab auf dem beglänzten Wege seiner Augen hin und her; und der schöne Jüngling weinte und drückte heftig der Fürstin Hand, aber er wusste beides nicht. Sie ehrte sein Herz und stört' es nicht.

Endlich kamen beide die hohe Treppe herunter, wo sie der Astronom freudig erwartete und beiden gestand, wie sehr ihn, frei zu reden, ihre anhänglichkeit und achtung für die Sternkunde nicht nur erfreue, sondern auch ermuntere.

"Übermorgen gewiss!" mit diesen Worten schied die Fürstin, um dem sinnenden, vollen Jüngling Trost und Träume mitzugeben.

Zweiundzwanzigste Jobelperiode

Schoppes Herzgefährliche Geister-Bekanntschaften

93. Zykel

Jetzt war Albano wieder auf die Ixions-Räder der Uhr geflochten. Die Fahrt und Antwort der Fürstin sollte plötzlich Lichter in der dunkeln weiten Höhle aufstekken, in der er so lange gegangen war, ohne zu wissen, ob sie fürchterliche Bildungen und giftige Tiere verschliesse oder ob sie mit glänzenden Bogen und unterirdischen Säulenhallen sich wölbe und fülle. Über Lianens Zustand hatten bisher zwei hände, Augustis und der Ministerin, den Schleier festgehalten; beides waren Menschen, die ungern auf die Frage antworteten: wie befinden Sie sich? Aber auf der Fürstin liess er nun seine ganze Seele ruhen, seit dem astronomischen Abende; von welchem er jetzt kaum begriff, wie er da gegen eine Freundin so viel und mehr von seiner Liebe sprechen können als je gegen einen Freund. Allein ungern spricht der Mann vor einem mann seine Empfindung aus und gern vor einem weib, ein Weib aber am liebsten vor einem weib. Indes hielt ihn die Fürstin durch die feinste Schmeichelei, die es gibt, durch entschiednes stilles Achten, in Banden; dem wörtlichen Lobe war er ebenso gram und gewachsen, als dem tätigen gewogen und zinsbar.

Bis zur Ankunft der Entscheidung verlief eine verworrene Zeit; wie ein Mensch, der in der Nacht reiset, hört' er Stimmen und sah Lichter, und ihrer feindlichen oder freundlichen Bedeutung fehlte ein Morgen. – Rabette lag krank und verblutet am matten Herzen; denn nicht er hatte aus ihm den blutstillenden Dolch, nämlich Karls Liebe, herausgezogen, sondern dieser selber war ihm zuvorgekommen mit bittersüssen Tränen über die bittersten.

Letzterer war ihm einmal begegnet, mit hereingedrücktem Hut und grimmig-stechendem blick ohne Gruss. – Überall hört' er, dass jener umsonst Lindas und Juliennens Doppeltor belagere und berenne; dieses und Lianens Kranksein machte den tropischen Wilden gleichsam zum wilderwachsenen Knaben aus einem Wald. Auch in der jetzigen Absonderungauf der Walstatt des Freundeshielt es Albano für eine Wunde des Menschen, dass Karl nicht von ihm voraussetztedenn diesem Mangel