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die Springfederliess sie springen und trat durch die Tapetentüre in das fürstlicheSchlafgemach. "Es ist also gewiss" – sagt' er und fluchte in seinem inneren herum, wie er wollte, unter dem Liebesbrief-Beschwerer ganz breit zerdrückt hinliegend. Im Seitenzimmer linker Hand hört' er sie schon und eine Kammerfrau, die auskleidete. Rechts klaffte die tür eines zweiten, aber erleuchteten Zimmers. Er stand lang' im Zweifel, sollt' er in dasselbe treten, oder unter dem Lichtschirm des dunkeln Ortes verbleiben. Endlich griff er zum Schirm der Nacht.

Während seines Passens und ihres Häutens hielt er Leseprobe oder Probekomödie seiner Rolle; jetzt kam er mit sich überein, im Notfalleund falls man ihn zu sehr poussierteum so mehr, da der Ort mehr gegen sie spräche als gegen ihn selber, indem jeder fragen müsste, ob er wohl sonst würde hergekommen sein in einem solchen Notfalle, wo nur die Wahl zwischen Satire und Satyr bliebe, sich auf der Stelle umzusetzen in einen ehrerbietigenFaun.

Schnell schritt die Fürstin herein, aber gegen das helle Zimmer hin: "Ich brauche dich nicht mehr", rief sie der Kammerfrau zurück. "Diable!" (schrie sie im Schlafzimmer, den langen Minister ersehend) "wer steht da? – Hanne, Licht!" – "Ciel!" (fuhr sie, ihn erkennend, fort, aber französisch, weil Hanne keines verstand) "Mais Monsieur! – Me voilà donc compromise! – Quelle méprise! – Vous vous êtes trompé de chambres! – Pardonnez, Monsieur, que je sauve les dehors de mon sexe et de mon rang. Comment avezvous pu – - " Sie sagte alles, vielleicht um die deutsche Zeugin zu blenden, mit zornigem Akzente. Der Altgevatterder sich nach allen bisherigen Genüssen so fühlte wie ein Hahn, der viele lebendige Käfer verschluckte und dem sie nun im geängstigten Kropfe Lebensgefahr drohenschwieg nicht, sondern versetzte deutsch, indem er die Tapetentüre aufmachte, er habe eben, wie sie befohlen, die Bücher aus der Bibliotek in das helle Zimmer gelegt und sei im Herweg begriffen gewesen. Er ging sogleich durch die Tapete hindurch, sie aber konnte vor Schrecken schwer sich erhalten, liess am Morgen den Arzt kommen und schickte ihr Gefolge zurück. Froulayso sehr er ihre Romane den spanischen ähnlich fand, worunter nach Fischers Behauptung die besten die Gauner-Romane sindwusste zuletzt selber nicht, woran er war.

Die Kammerfrau musste mit dem Gelübde des Schweigens Profess tun, das sie hielt, so streng sie konnte, aber nicht strenger. Am Morgen stiegen wenige vor ihren eignen Haustüren ab, die meisten vor fremden, um die Neuigkeit auszuschiffen samt dem Verbote der Fürstin, die Sache éclatant zu machen, weils sonst der Fürst erführe.

War je das vornehme Pestitz in Massa glücklich: so war es an diesem Morgen. Nichts fehlte der allgemeinen Freude als eine Kammerfrau, die nur so viel Französisch verstanden hätte wie ein Jagdhund.

92. Zykel

Albano vernahm das Gerücht, der Minister war ihm längst als eine kalte Seelen-Leiche verunreinigend erschienen; jetzt hasst' er ihn noch mehr als quälenden, blutsaugenden Toten. Für die Fürstin stand ihm bisher sein Herz. Sie war ihm ein blauer Taghimmel, worin andern nur eine heisse Sonne blitzt, woran er aber aus dem Geheimnis der Freundschaft und der Seelentiefe sanfte Sternbilder gefunden. Allein jetzt seit dem Gerüchte, das, wie die Zauberer neben Moses, Russ in ihren Himmel warf, stand sie für ihn unter neuen Lichtern glänzend. Der Hass, den er schon von natur, d.h. aus Stolz, gegen jedes Gerücht hatte, weil es beherrscht und nicht zu beherrschen ist, wirkte mit frischem Feuer in ihm; er entschloss sich, eben weil Liane die Tochter entweder ihres Erbfeindes oder ihres Liebhabers und weil die Fürstin deren Nebenbuhlerin sein soll, auf sein Herz und das davon erkannte frei zu wagen und gerade jetzt der Fürstin seine Bitte um Vermittelung für Lianens Mitreise, d.h. für seinen Himmel, offen zu vertrauen.

Am Morgen darauf kam der Fürst zurückdie Prinzessin liess sogleich anspannengegen Abend kam sie mit einem Wagen mehr in die Stadt. Das Gerücht durchlief alle Spieltische, die spanische Gräfin Romeiro sei im schloss angelangt. Gerüchte sind wie Polypen: das Verwunden und Zerstören vervielfacht sie; nur das Ineinanderstecken macht einen aus zweien; – das Gerücht von Lindas Ankunft schlang das Gerücht von Froulays Ehrenraub in sich.

Aber Albano! – Wie die Entdeckung einer neuen Welt kehrte diese seine alte um. Linda, dieser ausländische Tropikvogel, flog seinem nahen Vater voraus, der wie ein reiches Land vor ihm aus der Ferne aufstiegDer Boden, wo er so viel Dornen und Blumen gefunden, sank bald hinter seinem rücken mit allen Schätzen und Tagen ein. Nur Liane darf nicht mit verschwinden; diese Muse seiner Jugend muss er mit ins Land der Jugend ziehen. Durch diese gewöhnlichen Zauberkünste des Herzens war von Lindas Nähe eine unüberwindliche sehnsucht nach Lianen in ihm wach geworden.

Er war nun entschieden, die Fürstin an ihr früheres Versprechen, den Lebensbalsam einer südlichen Reise auf Lianens kranke Nerven zu giessen, zu mahnen und durch sie noch früh genug, eh' die Verwirrung des drängenden Augenblickes etwas vereitele, die Ministerin zu bestimmen und zu gewinnen, welche wie alle Hofmenschen gewiss schwer einem fürstlichen Wunsche und einer Glücks-Perspektive