, die ihm zu haus die Regierungs- und Kammerboten hinsetzten, den schachpatten Mann wieder frisch und kühl, der ein schachmatter werden wollte.
Er las mit ihr den Katull, sie mit ihm die bessern Gemälde aus des Fürsten Kabinett; es wurde ihm erlaubt, sie durch seine Latinität für ihre artistischen Gaben zu belohnen – aber er blieb doch, wie er war.
Wenn Weiber etwas durchsetzen wollen, so werden sie, sobald die Hindernisse immer wiederkehren, am Ende blind und wild und wagen alles. Die Reise nach Italien rückte so nahe; noch immer wollte der Minister seine Hochachtung für die Geliebte nicht fahren lassen – wiewohl eben aus ihrem eignen Motive der Abreise, mit deren Nähe er sich zur frohen Ertragung eines so kurzen Feuers ermunterte –; ihre Heftigkeit für den Grafen nahm durch dessen Ruhe zu, weil Kälte starke Liebe stärkt, so wie physische Kälte Starke kräftiger, und Schwache kränker macht; – Froulay, als ein alter Mann, war, wie es schien, fähig, ein ganzes Säkulum lang so auf das Ziel loszuschleichen, ohne einen einzigen unentbehrlichen Sprung zu tun, da Alte wie Schiffe immer langsamer gehen, je länger sie gingen, und aus einerlei Grund, weil beide durch den Ansatz von Unrat, Muscheln und dergleichen schwerfälliger geworden – – Kurz die Fürstin fragte am Ende nach nichts, sondern es ging so:
Der Fürst war verreiset, die Fürstin zu Gevatter gebeten aufs Land. Der Schlossvogt auf einem ihrer Landschlösser, der schon im Jahre vorher den Minister gebeten, hatte sich nicht entblödet, sich an diesem Treppen-Strick mit seinem Deszendenten unter dem Arm noch weiter herauf zu machen und oben auf dem Trone ihr, der Fürstin selber, sein Landeskindlein in die arme zu legen. Gern lassen sich Fürsten herunter – an dünnen Raupenfaden – wie (hinauf); sie schätzen das gute dumme Volk und wollen die armen Kriech- und Zwergbohnen – denn sie wissen wohl, wie wenig daran ist – dadurch etwas heben und sozusagen stängeln und stiefeln durch das FürstenstuhlBein. Der Minister war als sogenannter "Altgevatter" ohnedies invitiert. Der Herbsttag war heller, lauterer Frühling, und die Herbstnacht stand unter einem glänzenden Vollmond. Höfe wünschen sich so sehr auf das Land, in die Idyllen murmelnder Quellen, rauschender Gipfel und blökender Schweizereien und Pächter hinein; – Höfe – d.h. Hofleute, Hofdamen und dienende Kammerherrnstäbe und andere – sehnen sich so sehr unter Menschen; wie Tiere der DezemberHunger, so treibt sie ein edler vom Trongebirge in die platten Ebenen herab; nicht dass sie die Langweile flöhen, sondern sie begehren nur eine andere, da ihre Kurzweile eben in der Abkürzung und Abwechslung ihrer Langweile besteht.
Kaum hatte der Hof seine erste sehnsucht nach dem volk, mit welchem er eine halbe Viertelstunde auf vertraulichem, dialogischem Fuss lebte, gestillt: so kam er wieder zu sich selber und zerstreuete sich in den fürstlichen Garten, um die sehnsucht nach der natur in nicht kürzerer Zeit zu befriedigen. Eine Zeugin der Taufzeugin versprach an der Fürstin und des Kindes Statt Christentum. Diese selber knüpfte den Minister wie einen Kammerherrn an sich. Der Altgevatter sah in einen verdammt langen Abend hinaus, worin er ihre Prozessionsfahne würde herumtragen müssen. Zum Genuss des Abends war Konzert, und zum Genusse des Konzerts Spiel arrangiert; und zum Genusse des letzteren hatte sich die Fürstin mit Froulay allein gesetzt, um unter dem allgemeinen Spielen der Instrumente und Karten ungehört mit ihm zu reden. Plötzlich wurden die zwei Pfunde, die in seiner Brust aufgehangen waren – denn mehr wiegt nach den Anatomen kein Herz –, um zwei Zentner schwerer, als sie ihn fragte, ob er standhaft sei, vertrauen und für sie wagen könne. Er schwur, schon als Fürstin dürfe sie jede Aufopferung und Verehrung von seinem Doppeltpfünder erwarten. Sie fuhr fort: sie hab' ihm heute wichtige Dinge über sich und den Fürsten anzuvertrauen; sie wolle, wenn die Foule fort wäre, mit ihm allein sprechen; er brauche bloss von der Gartenseite die kleine Treppe herauf an die Tür des Bibliotekzimmers zu gehen; diese sei aufgeschlossen; am poetischen Bücherschrank sei links in der Wand eine Springfeder, deren Druck ihm die Tapetentüre des Zimmers öffne, wo er sie erwarten sollte.
Sogleich stand sie auf, das Ja voraussetzend. Wie es jetzt in den beiden Pfunden seines 64lötigen Herzens herging, kann bloss seinen Todfeinden ein Vergnügen, es zu erfahren, sein. So viel lag mit langen, dicken, steinernen Buchstaben wie auf einem Epitaphium geschrieben ihm vor, dass nach wenig Stunden, wenn die andern Herren, sonst noch grössere Sünder als er, ruhig in den schönen, den Schlosshof formierenden Dienerhäusern schnarchen dürften, dass dann für ihn schuldlosen Schelm bald die Wolfs-, nämlich die Schäferstunde schlagen werde, wo er auf der blumigsten Aue unter das Schächter-Messer knien müsse. Aber er tat sich – zornig, dass sein Glaube an weibliche und fürstliche Frechheit wahr rede – stille Schwüre aller Art, dass er, setze man ihm auch zu wie den grössten Heiligen und Weltweisen, doch wirtschaften wolle wie beide, z.B. wie der alte Zeno und Franz.
Die Fürstin suchte ihn den ganzen Abend weniger als sonst. Endlich empfahl er sich mit dem ganzen Hof, aber mit der Aussicht, nicht wie dieser unter Seiden-Matratzen, sondern unter kalte Lauben zu schleichen. Er rückte auch, seiner gewiss, auf der Treppe an – machte das Bibliotekzimmer auf – fand