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Spechts-Zunge das Gewürm aller Geheimnisse ungesehen aus allen mürben Tron-Ritzen leckte, mit einem Verzeichnis alles dessen, was die Fürstin von Phönixasche und Schutt in sich verbarg, versehen worden; er hatte ihn belehrt, dass sie kalt wie ein erhaben-geschliffnes Eisstück nie selber, sondern nur andere schmelzen wolle; dass sie zu den seltnern Koketten gehöre, welche wie die süssen Weine durch Wärme sauer werden, und nur durch Kälte süsser; und dass sie daher eine der schlimmsten Angewohnheitendie jedem die ärgsten Händel machean sich habe. Es war nämlich folgende: sie hatte ein Herz und wollte es nie wie ein totes Kapital in der Brust leiden, sondern es sollte sich verzinsen und umlaufenDer Liebhaber wurde deshalb anfangs von Tag zu Tag aufgeweckter und heitrer, dann von stunde zu stundeEr wusste alle Holzwege, Hohlwege, Diebsgänge und kürzere Fusssteige in diesem Liebesgarten ordentlich auswendig und wollte die Schäfer-Viertelstunde auf seiner Repetieruhr voraussagen, wo er anlangen würde in der LaubeEs war ihm gar nicht unbekannt (sondern komisch), was es bedeute, dass er bei ihr von Sentenzen zu Blicken, von diesen zum Händekuss, dann zum Mundkuss gelangte, worauf er sich im Whistonschen Kometenschweif ihres Ellen- und Meilenlangen Haars wie in einer Vogel-Schneuss, wo aber die Schlinge auch die Beere war, dermassen verstrickte, verhaftete und krummschloss, dass er wusste, wieviel Uhr es geschlagen hatte auf seiner RepetieruhrAber dann gerade, wenn alle Wolken vom Himmel gefallen schienen, fiel er selber wie aus beiden in einen Korb von ihrDas war der schlimme Punkt. – In der Tat, deutsche Prinzen aus den ältesten Häusern, die sonst alles versucht hatten, sahen sich unmoralisch, ja lächerlich gemacht und wussten gar nicht, was sie dabei denken solltenDenn die Fürstin wunderte sich öffentlich über solche Scheusale, gab aller Welt eine Kopie von ihrem Fehdebrief, zeigte aller Welt die Röte und Höhe ihres Trutennen-Halsesund liess einen solchen altfürstlichen Versucher, oder wers war, nie mehr vor ihr stolzes Angesicht.

Da Prinzen (in solchen Fällen) wissen, was sie wollen: so breiteten sie freilich aus, sie wisse nicht, was sie wolle; und oft erst lange nach einem ErbPrinz kam der apanagierte Bruder desselben Hofes, und später der legitimierte. Gleichwohl blieb dasselbe; nämlich sie blieb dem sphärischen Hohlspiegel gleich, der zwar das, was nahe an ihm steht, gross und aufgerichtet hinter sich malt, es aber, sobald es gar in seinen Brennpunkt tritt, unsichtbar macht und dann darüber hinaus ganz verkleinert und umgestürzt in die Lüfte hängt. Ihre Liebe war ein Fieber der Schwäche, bei welchem Darwin, Weikard und andere Brownianer durch Reizmittel, z.B. Wein, einen langsamern Puls erschaffen und eben daraus die Kur verheissen. Soweit Bouverot an den Minister!

Aber dem Minister geschah dadurch ein unsäglicher Gefallen. Denn Prinzen-Sünden schlugen gar nicht in sein Brotstudium ein. Als sie sich daher für die Nähe seines Verstandes und seiner kräftigen Physiognomie entschieden und ihn zum Minister ihrer innersten Angelegenheiten in Haarhaar berufen hatte: so war es in ihm feierlich niedergelegt und beschworen, niemals, sie mochte immer die Güte selber sein, ihr Ehrenräuber zu werden aus ihrem Strohwitwer. Anfangs kam er wie alle Vorgänger leicht mit blossen, reinen Gefühlen und Diskursen davon; es wurde noch nichts von ihm begehrt, als dass er zuweilen unversehends einen geheimen blick voll liebender Zarteit auf sie hinschiesse; auch musst' er sich sehnen. Jenen schoss er hin; Sehnen trieb er auch auf; – und so stand er sich für ein solches liebes-Glück noch glücklich genug.

Aber dabei blieb es nicht. Kaum war ihr Albano erschienen: so wurde der Stachelgürtel und das Härenhemd des reinen Ministers unverhältnismässig rauher und stechender gemacht und die stärksten Foderungen, nämlich Gaben verdoppelt, damit der arme Joseph schneller ihre Ehre anfiele und dadurch in seinen Untergang rennte, der des Grafen Köder werden sollte. Jetzt war er schon so weit herabgebracht, dass er in ihrem Flughaar (für ihn giftiges Raupenhaar) webte und knöppelteer musste Seufzerseifenblasen aus seiner Pfeife auftreibener musste öfter ausser sich sein, ja sogar (wollt' er sich nicht als einen heuchlerischen Schuft fortgejagt sehen) halb-sinnlich werden, obwohl noch dezent genug. Inzwischen zu einer Versuchung war er vom Teufel selber nicht zu versuchen. Wenn er nur daran dachte, grausend, dass der kleinste Fehltritt ihn von seinem Ministers-Posten werfen könne: so liess er sich ebensogut pfählen und vierteilen als bezaubern. Für einen Dritten, nicht für beidediese litten wär's vielleicht ein fest gewesen, wahrzunehmen, wie sie (wenn ich ein zu niedriges Gleichnis brauchen darf) einem Paar übereinandergezogner seidner Strümpfe glichen, welche für- und durcheinander, wenn man sie ausgezogen150 in gewisser Ferne hält, sich äterisch aufblasen und füllen, sogleich aber platt und matt zusammenfallen, wenn sie einander berühren.

In die Länge fiels freilich dem alten Staatsmann lästig, der tanzenden Pagerie der Liebesgötter als ihr Oberältester vorzuspringen, in Cypripors Triumphwagen eingespannteinen Blumenkranz auf der Staatsperückein den Augen zwei Vauklusens-Quellendie Brustöhle eine verschüttete Didos-Höhle im Knopfloch den Pfeil im Herzen oder das Herz am Pfeile tragendund auf das Kapitol fahrend, um da nach römischer Sitte nicht sowohl zu opfern als geopfert zu werden. – – Es fächelte nichts als die BlechKästen