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sie selber die Fürstin bekamJulienne die vertraute Leonore Albano den Dichter Tassoein jungwangiger Kammerherr den Herzogund Froulay Antonio. Dieser letztereder Kunststücke Kunstwerken vorzuziehen wusste und die fürstliche kammer jeder Kunstkammerstand wider sein Herz zum Einfahren in den Musenberg fertig da, von der Fürstin mit dem Berghabit dazu angetan. So täglich mehr in die poetische Mode eingezwängt sah er freilich aus wie sonst eine Missgeburt, die absichtlich mit angebornen Pluderhosen, Kopfputzen und dergleichen auf die Welt trat, um den modischen Weltlauf so zu verdammen wie ein kasselscher Gassenkehrer.

Albano las mit äusserer und innerer Glutnicht gegen die lesende, sondern gegen die vorgelesene Fürstin, aus Angewohnheit seines unter dem Leben fortglühenden Herzens –, und die Fürstin las die Rolle ihrer Rolle freilich sehr gut. Ihr artistisches Gefühl sagte ihr esauch ohne Einblasen des zärtlichen –, dass in Goetes Tassoder sich meistens zum italienischen Tasso verhält wie das himmlische Jerusalem zum befreitendie Fürstin fast die der Fürstinnen ist; nie ging der Musen- und Sonnengott schöner durch das Sternbild der Jungfrau als hier. Nie wurde die verschleierte Liebe glänzender entschleiert.

Der Minister las den auf Tasso und Albano einzankenden Kraft-Prosaiker Antonio so gut weg wie ein reitender Trompeter die festen Noten auf seinem Ärmel; in der Tat, er fand den Mann ganz verständig.

Die Prinzessin mochte im allgemeinen poetischen Konzert ungefähr einige Viertelstunden mit der Ripienstimme mitgesprochen haben, als sie plötzlich den schönen Band von Goetes Werken, der dreimal da war, lebhaft hinwarf und mit ihrem Ungestüm sagte: "Eine dumme Rolle. Ich mag sie nicht!" Alle Welt schwieg; die Fürstin sah sie bedeutend an; die Prinzessin diese noch bedeutender und ging hinaus, ohne wiederzukommen. Eine Hofdame las gelassen fort.

Für die meisten Anwesenden war dieses ZwischenSchauspiel eigentlich das interessanteste; und sie dachten ihm unter dem Lesen des letzteren gern weiter nach. Die Fürstin, welche längst geglaubt, jene liebe den Grafen, freuete sich über die Unbesonnenheit ihrer Gegnerin. Albano, ob ihm gleich ihr warmes Auge von jeher aufgefallen war, erklärte sich das Entweichen aus dem Unmut über die Subordination ihrer Lese-Rolle und überhaupt aus der Unverträglichkeit beider Frauen. Denn da Julienne auf eigne Kosten die Fürstin vernachlässigte und ihre Meinung wenig zudeckte: so erschien auch die der Fürstin unwillkürlich; sobald eine person ihren Hass entblösset, so kann die zweite schwer den ihren verstecken vor der dritten.

Als Albano nach haus kam, fand er folgendes Blatt auf seinem Tisch:

"Die F- lockt dich. Sie liebt dich. Mit èclat sendet sie nächstens den M- zurück, um ihrer Tugend Relief zu geben und dir zu imponieren. Fliehe sie! – Ich liebe dich, aber anders und ewig.

Nous nous verrons

un jour, mon frère."

*

Wer schriebs? – Nicht einmal über das Entree-Billet dieses Fehde-Billets konnte der Bediente Rechnung ablegen. Wer schriebs? – Julienne; dahin liefen wenigstens alle Wege des Wahrscheinlichen zusammen; nur lagen dann rund um ihn Wunder. Bedeutend war die französische Unterschrift, die gerade unter dem Bilde seiner Schwester, das ihm der Vater auf Isola bella149 gegeben, ebenfalls stand; aber Zufall war möglich. Er untersuchte jetzt diese neue Silberader seines Dianen- und Stammbaums auf dem Probierstein seiner ganzen geschichte. Seine Mutter und Juliennens ihre waren mit seinem Vater in einem Jahre nach Italien gegangen; beide waren ungewöhnliche Weiber und Freundinnen gewesen und von beiden sein Vater der Freund. Die Möglichkeit eines verhüllten Fehltritts seines Vaters war da. Ebenso leicht konnten Juliennen die Spuren dieses Irrwegs gewiesen sein. Dann würde ferner aus ihrer Schwesterliebe Licht auf ihren ganzen bisherigen Wendelgang fallen: ihr liebender Anteil an Albano, ihr warmer blick, ihr liebes-Wettrennen mit der Fürstinihr Briefwechsel mit seinem Vaterihr Anwerben des Grafen für die Romeiro, das sie ebenso, wie es schien, erhitzte gegen die Fürstin als erkältete gegen Lianenam meisten die Sonderbarkeit ihrer Liebe gegen ihn, die sich nie weiter und offner entwickelte, alles dieses gab Anschein, dass es nur ein verwandtes Schwesterblut sei, was so oft auf ihren runden Wangen loderte, wenn sie ihn zu lange unbewusst angeschauet. Er machte nach diesem Schritt sogleich den Sprung: er vermutete nun auch, dass sie allein ihrer Linda zuliebe ihn mit dem Zauberspiegel des Geister-Wesens zu blenden gesucht.

Was das Verhältnis der Fürstin gegen den Minister anlangt, so war ihm jedes Wort darüber eine Lüge. Er liess sich ebenso schwer eine gute Meinung von andern nehmen als eine schlimme. Gewöhnliche Menschen geben leicht die gute dahin und halten die schlimme fest; weichere werden leicht versöhnt und schwer entzweiet. Er war beiden ungleich. Bisher hatte' er sich der Fürstin Freundschaft mit dem Minister, ihre Landes-Visitationsreisen mit ihm und dergleichen so leicht aus ihrer männlichen Klugheit und Vorsicht abgeleitet, welche über das künftige Erbland ihres Bruders zugleich Wache halten und Aufschluss haben wollte; und bei dieser Wahrscheinlichkeit, da der Minister sich in die verwandten Rollen eines Cicerone und Aufsehers gleich sehr schickte, beharrte er noch.

Die Woche darauf führte eine Begebenheit herbei, welche ein grösseres Licht in das dunkle Billet zu werfen schien.

91. Zykel

Die versprochene Begebenheit hat wieder in ältern begebenheiten ihre Wurzel, die sich zwischen der Fürstin und dem Minister zugetragen; diese schick' ich hier voraus.

Der Minister war sehr bald von seinem Freund Bouverot, der mit seiner klebrigen