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-Berge und Romas-Ruinen und ihr warmer, blaugoldner Himmel schon ihren Glanz auf, wenn er die leidende Liane vor sie führte und die frommen Augen erquickt die Höhen massen! – Ein Mensch, der mit der Geliebten nach Italien reiset, hat dadurch, eben weil er eines von beiden entbehren könnte, beide verdoppelt. Und Albano hoffte diese Seligkeit, da alle Zeugnisse, die ihm über Lianens Genesung begegneten, diese versprachen. Den Doktor Sphexder einzige, der für sie eine Grube öffnete und darin die Totenglocke goss und jedem schwur, mit den Blättern falle sie sah er nicht mehr. Er wollte indessagt' er sichbei der ganzen Mitreise nur ihr Glück, gar nicht ihre Liebe. So sah er sich immer in seinem Selbst-Spiegel, nämlich nur verschleiert; so hielt er sich oft für zu hart, wiewohl er es so wenig war; so hielt er sich für den Sieger über sein Herz, als sein schönes Angesicht schon kranke, blasse Farben trug.

Die Gegenwart stand noch dunkel über ihm, aber ihre benachbarten zeiten, die Zukunft und Vergangenheit, lagen voll Licht. Welche Reise, worauf eine Geliebte, ein Vater, ein Freund, eine Freundin schon unterwegs die Merkwürdigkeiten sind, zu welchen andere erst ziehen! –

Die Fürstin war die Freundin. Seit Gaspards Briefen an sie und an ihn, seit der Hoffnung einer längern und nähern Gegenwart überwältigte sie alles Gewölke um sich her immer glücklicher, um den Freund nur aus einem blauen Himmel anzulachen und anzuleuchten. Sie allein am hof schien den barschen Jüngling, dessen stolze Offenheit so oft gegen den verdeckten Hofstolz und besonders gegen den offnen des Fürsten anrennte, mild und recht zu nehmen; sie allein schienda nichts seltener in und von Zirkeln erraten wird als schöne Empfindsamkeit, zumal von höfischen, zumal die männlichesanft die seinige auszuspähen und teilend fortzuwärmen. Sie allein ehrte ihn mit jener strengen, bedeutenden achtung, die so selten die Menschen geben so wie fassen können, weil sie immer nur Liebe und leidenschaft nötig haben, umrecht zu geben, unfähig, anders als bei Kometenlicht, bei Kriegsflammen und bei Freudenfeuern die beste Hand zu lesen. Alles, was er war, setzte sie bei ihm bloss voraus; seine Vorzüge waren nur ihre Foderungen und seine Schutzbriefe; sie machte seine Individualität weder zu ihrem Muster noch zu ihrem Widerschein, beide waren Maler, keine Gemälde. Er hörte zwar oft, dass sie männlich-strenge sei, zumal als Befehlshaberin, aber doch nicht, dass sie weiblichgrausam werde. Für das gewöhnliche Höflings-Gewürme, das sich auf seinen Wurm-Ringen nur durch Kriechen Höhen gibt, war sie abstossend und marternd; ob sie gleich als neu-Gekommene hätte ein neugebornes Kind sein sollen, das den ältern Kindern Rosinen mitbringt. Am Sonntage, wo an Höfen, wie in Berlin auf der Bühne, immer geistige Volksstücke aufgeführt werden, war sie unter den Sonntagskindern, die mehr Geister sehen als haben, ein Montagskind, das sich einen zu finden wünscht, dersei er immer nicht geadeltdoch ein Original von der Kopie zu unterscheiden weiss sowohl am eigenen Ich als imBilderkabinett. Deswegen dankten viele Herren und noch mehr Damen Gott, wenn sie ihr nichts zu sagen brauchten als: Gott befohlen!

Auf diese Weise erschien sie dem Grafen seines Vaters täglich werter. Wie in einen warmen Sonnenschein des Frühlings trat er zum erstenmal in den schmeichelnden Zauberkreis der weiblichen Freundschaft, die auch hier der Liebe zwei Schwingen goss und formte aus den Wachszellen des genossenen Honigs; es war aber bei ihm die Liebe gegen Liane, der die Freundin am leichtesten Flügel nach Italien geben konnte. Er fühlte, dass bald eine Stunde der überfliessenden achtung schlagen werde, wo er ihr den hoch ummauerten Klostergarten seiner vorigen Liebe vertrauend öffnen könnte. Denn sie machte ihm so oft Raum, ihr nahe zu sein, als es nur der enge Bezirk eines Trones und die alles verratende hohe Lage desselben vergönnen wollten. Aber etwas störte, bewachte, bekriegte beide, eine, wie es schien, nebenbuhlerische Nachbarin. Es war die sonderbare Julienne, die immer, wenn es anging, aus ihrer Loge auf die Bühne der Fürstin trat und das Spiel verwirrte. Häufig kam sie ihm nach; einige Male hatte' er von ihr Einladungen bekommen, wenn gerade die der Fürstin nachfolgten, denen also jene, wie es schien, hatten zuvorkommen sollen. Was wollte sie? – Wollte sie von einem Jüngling, den sie so oft durch ihre Männer-Verachtung und durch ihr zorniges, blitzschnelles Funkenschlagen aufgebracht, etwa Liebe, vielleicht bloss weil er ihr freundliches Anblicken immer so warm erwidert hatte gegen eine so teureFreundin seiner Geliebten? – Oder wollte sie von ihm nur Hass gegen die geehrte Fürstin, und zwar aus Neid und gewöhnlicher Weiberähnlichkeit mit dem Elfenbein, dessen weisse Farbe so leicht zur gelben wird und das nur durch das Erwärmen wieder die schöne bekommt?

Diese fragen wurden mehr wiederholt als beantwortet von einem Abende, wo er und Julienne bei der Fürstin waren. Eine gute Vorlesung sollte von Goetes Tasso die Gemälde-Ausstellung geben. Schöne Kunst und nichts als Kunst war für die Fürstin die Passauer-Kunst gegen Hof- und Lebens-Wunden; und überhaupt war ihr das Weltgebäude nur ein vollständiges Bilder und Pembrokisches Kabinett und Antikenkabinett. – Die Leserollen wurden von der Direktrice, der Fürstin, so verteilt, dass