zum Seufzer des Zorns) "dir ist nichts heilig, nicht einmal ein Leben!" Dieser Zögling des Todes warf den eignen Lebenstagen und Freuden und Planen so leicht alle fremde nach in die Gruft; das meinte Albano und dachte nur an die kranke, so leicht an fremden Wunden sterbende Liane, die Liebe war (statt der Freundschaft) wie ein milderndes Weib vor seine aufgebrachte Seele gegangen; aber der Feind verstand ihn falsch.
"Du musst," (spottete wild der Hauptmann) "deines soll mir teuer sein!"
"Himmel und Hölle! ich meinte ein besseres" (sagt' er) – "Verleumder, gegen deine Schwester hab' ich nicht so gehandelt wie du gegen meine – ich habe sie nicht elend machen wollen, ich bin nicht wie du! – Und ich schlage mich nicht; ich schone sie, nicht dich." – Aber der Höllenfluss des Zorns, den er durch Liane in flaches Land hatte leiten und seichter machen wollen, schwoll davon wie unter Zauberhand auf, weil Roquairols Lüge ihres Hinopferns dabei so nahe lag.
"Du fürchtest dich", sagte der erbitterte Roquairol und nahm doch zwei Degen von der Wand. "Ich achte dich nicht – und schlage mich nicht", sagte Albano, ihn und sich mehr reizend, da er doch sich bezwingen wollte.
Da trat Schoppe herein; "er fürchtet sich", wiederholte jener gewaffnet. Albano gab errötend mit drei brennenden Worten die geschichte. "Ein wenig müsset ihr euch vor mir schlagen!" rief der Bibliotekar voll alten Hass gegen Roquairols poetisches Blendund Gaukel-Herz. Albano, lechzend nach kaltem Stahl, griff unwillkürlich darnach. Der Kampf begann. Albano fiel nicht an, aber immer wütender wehrt' er sich; und wie er so den zornigen Affen des vorigen Freundes mit dem Dolch in der Hand sah, der aus den blühenden Beeten der schönsten Tage ausgeackert war und in welchen er mit seinen Wunden getreten; und wie der Hauptmann mit wachsendem Sturme auf ihn fruchtlos einblitzte: so sah er auf dem grimmigen Gesicht den dunkeln Höllenschatten wieder stehen, der darauf gestanden und gespielet, als er unter sich die sträubende Rabette erwürgte; – die Aufziehbrücke der Gesichter, worauf sonst beide Seelen zusammenkamen, stand hoch, auseinandergerissen in die Luft. Glühender blickte Albano, zorntrunkner griff er den Werwolf der verschlungnen Freundschaft an – plötzlich hieb er ihm wie eine Tatze das Gewehr ab: als Schoppe, vom ungleichen Schonen und Fechten entflammt, mit Rabettens Namen die Rache rufen wollte und schrie: "Die Schwester, Albano!"
Aber Albano verstand darunter Karls Schwester – und schleuderte das eine Schwert dem andern nach, und Feuertropfen standen in seinem Auge und verzogen unförmlich das feindliche Gesicht vor ihm. "Albano!" sagte zorn-erschöpft Roquairol, auf den weinenden Regenbogen des Friedens bauend; "Albano?" fragt' er und gab ihm die Hand. "Lebe froh, aber geh, noch bin ich unschuldig, geh!" versetzte Albano, der hart das Gewitter des ersten Zorns über sich fühlte, das, zwischen seine Gebürge eingesenkt, fortschlug. "Ins Teufels Namen geht! Am Ende werde' ich auch angesteckt", fuhr Schoppe dazwischen. "In solchem Namen geht man gern!" sagte der Hauptmann, dem in Schoppens Gegenwart immer die Zungenmuskeln erfroren, und ging schweigend; aber Albano sah ihn längst nicht mehr an, weil er keine fremde Erniedrigung vertrug, sondern, wie jede starke Seele, mit der gebückten Menschheit zugleich sich selber niedergebogen empfand, so wie grosse Tronen keine KnechtsAbzeichen in ihrer Nähe dulden.147
Schoppe fing nun an, ihn an seine frühesten Weissagungen über Roquairol zu erinnern und sich das grosse Propheten-Quartett zu nennen – dessen unheilbare Mund- und Herzensfäule zu rügen – dessen teatralische Festigkeit mit dem römischen Marmor und Porphyr zu vergleichen, der aussen eine Stein-Rinde habe, innen aber nur Holz148 – anzumerken, dessen innere Besitzung heisse, wie die des deutschen Ordens, nur eine Zunge und überhaupt so heftig gegen alle Selbst-Zersetzung durch Phantasie, gegen alle poetische Weltverachtung sich zu erklären, dass ein anderer als Albano wohl eben den Eifer für einen Schutz gegen das leise Gefühl einer Ähnlichkeit nehmen konnte. –
Schoppe hoffte sehr, Albano hör' ihm glaubend zu und werde zürnen, lachen und antworten; aber er wurde ernster und stiller; – er sah den rechtschaffenen Bibliotekar an – und fiel ihm heftig und stumm an den Hals – und trocknete schnell das schwere Auge. O, es ist ein finsterer Trauertag, der Begräbnistag der Freundschaft, wo das ausgesetzte, verwaisete Herz allein heimgeht, und es sieht die Todeseule vom Totenbette derselben schreiend über die ganze Schöpfung fliegen.
Albano hatte anfangs noch heute nach Blumenbühl gehen und seine verlassene Schwester auf das TrauerGerüste der Wahrheit führen wollen; aber jetzt war sein Herz nicht stark genug dazu, seine eignen Worte an die Schwester zu ertragen oder ihre Tränen ohne Mass und ohne Tröster.
Einundzwanzigste Jobelperiode
Die Leseprobe der Liebe – Froulays Furcht vor
Glück – der betrogne Betrüger – Ehre der Sternwarte
90. Zykel
Seit dem vertilgten Bunde und seit Gaspards Briefe war Albanos Auge nach der schönsten Ruine der Zeitwenn man die Erde selber ausnimmt –, nach Italien gerichtet, und sein verletzter blick hielt an diesem neuen Portale seines Lebens fest, das ihn vor das Schönste und Grösste, was natur und Menschen schaffen können, führen sollte. Wie taten ihm die Feuer