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bis ich vor deinen Füssen mir mein Grab aufgewühlet habe, während du zu mir heruntersahest!

Albano, ich schaue die Zukunft und greif' ihr vor; ich sehe recht deutlich das lange, über den ganzen Strom gespannte Netz, das dich fassen, schnüren und würgen soll; dein Vater und noch andere ziehen darin euch beide einander zu, Gott weiss warum.

Darum kommt Sie jetzt, und dein Reisen ist nur Schein. – Meine arme Schwester ist bald besiegt, nämlich ermordet; besonders da man dazu bei ihrem Geisterglauben keine andere stimme braucht als jene körperlose, die über dem alten Fürstenherzen dem deinigen die Grenze anwies!

Welche Lichter in der Zukunft, die zwischen finstern Verhältnissen und Gebüschen, in Mord-Winkeln brennen! – Wie es sei, ich trete in die Höhlen hinein; ich danke Gott, dass das ohnmächtige, kaltschwitzende Leben wieder einen Herzschlag, eine leidenschaft gewinnt; und dann oder jetzt tue gegen mich, der ich sicher und versteckt und unredlich handeln konnte, was du magst. Schlage dich heute oder morgen mit mir. Es soll mich freuen, wenn du mich in den längsten Schlaf auf den rücken bringst. O, das Opium des Lebens macht nur anfangs lebhaft, dann schläfrig, o so schläfrig! Gern will ich nicht mehr lieben, wenn ich sterben kann. Und so ohne ein Wort weiter hasse oder liebe mich, lebe aber wohl!

Dein Freund

oder dein Feind."

89. Zykel

"Mein Feind!" rief Albano. Der zweite heisse Schmerz schlug vom Himmel in sein Leben ein, und der Wetterstrahl brannte grimmig wieder hinauf. Als ein herzloser Rumpf der vorigen Freundschaft war ihm Roquairol vor die Füsse geworfen; und er fühlte den ersten Hass. Diese Giftmischung von sinnlicher und geistiger Schwelgerei, dieser Gärbottich von SinnenHefe und Herzens-Schaumdieser Vertrag von liebes- und Mordlust und gegen dasselbe schuldlose Herzdieser geistige Selbstmord des Gemüts, der nur ein lustiges, umherschweifendes, sich wechselnd verkörperndes Gespenst übrig liess, auf das kein Verlass mehr bleibt und das ein tapferer Mann schon zu hassen anfängt, weil er diesen weichen Gift-Nebel nicht packen und bekämpfen kanndas alles erschien dem Grafen, der ohne die Übergänge und Mitteltinten der Gewohnheit und Phantasie aus dem vorigen Lichte der Freundschaft in diese Abenddämmerung geführe wurde, noch schwärzer, als es war. Neben die flache Wunde, die sein Familienstolz in der gemisshandelten Schwester empfing, kam die tiefe giftige, dass Roquairol ihn mit sich und Lianens Zerstörung mit Rabettens ihrer verglich. "Bösewicht!" knirschte er; auch die kleinste Ähnlichkeit schien ihm eine Verleumdung.

Allerdings hatte Roquairol an ihm sich verrechnet und seine poetische Selbst-Verdammnis zu sehr auf Rechnung eines poetischen Richterspruchs aufgesetzt. Wie man im Geräusche unwissend lauter spricht, so wusste er, wenn die Phantasie mit ihren Katarakten um ihn brauste, nicht recht, was er rief und wie stark. Da er oft doch weniger Schwärze an sich fand, als er schilderte: so setzt' er voraus, der andere finde dann sogar noch weniger als er selber. Auch hatte' er im poetischen und sündigen Taumel sich am Ende das moralische Zifferblatt selber beweglich gemacht, dass es mit dem Zeiger ging; in dieser Verwirrung wurde' ihm nicht gezeigt, wo Unschuld war.

Hätt' er vorausgesehen, dass seine brieflichen Beichten in feindlichern Winkeln an- und abprallen würden als einstmals seine mündlichen: er hätte sie anders gerichtet.

Vor Erschütterung konnte Albano nicht sogleich den kurzen Scheidebriefkeinen Fehdebriefan den Verlornen schreiben, sondern zögerte in der Gewissheit, dass der Hauptmann nicht selber kommeals er kam. Denn Zögern vertrug er nicht; körperliche und geistige Wunden nahm er als teatralische auf; zu sehr gewohnt, Menschen zu gewinnen, verwand er es zu leicht, Menschen zu verlieren. – Eine schreckliche Erscheinung für Albano; nur der aufgestellte lange Sarg des getöteten Lieblings! Dass nun über dieses kräftigknochige Gesicht, sonst die Feste ihrer Seelen, die Furchen des Unkrauts sich krümmten, dass dieser Mund, den die Freundschaft so oft auf seinen gelegt, ein Pestkrebs, eine deckende Rose des Zungenskorpions für die trauendannahende gute Rabette gewesen, das zu sehen und zu denken war reiner Schmerz.

Kaum hörbar war Gruss und Dank; stumm gingen sie auf und ab, nicht neben-, sondern widereinander. Albano suchte seinen Zorn in die Gewalt zu bekommen, um nichts als die Worte zu sagen: gehe von mir und lasse mich deiner vergessen. Er wollte Lianen im Bruder schonen, der ihn das Opfermesser derselben gescholten; ungerechte Vorwürfe erhalten uns in der nächsten Zukunft besser, weil wir sie zu keinen gerechten wollen werden lassen. – "Offen bin ich, siehst du" – (fing Roquairol gemässigt an, weil seine Wallungen halb vertropft und verschrieben waren) "sei es auch und antworte dem Brief." – "Ich war dein Freund nun nicht mehr", sagte Albano erstickt. – " Dir hab' ich doch nichts getan", versetzte jener.

"Himmel! Lass mich nicht viel reden" – (sagte Albano) "Meine elende SchwesterMeine Unschuld an der Gräfin Kommen Meine elende, verworfne Schwester – – O Gott! empör mich nichtIch achte dich nicht mehr, und da geh!"

"So schlage dich!" sagte der Hauptmann, halb seelen-, halb wein-trunken. "Nein!" (sagte Albano, lauteinatmend wie