; das ist das neue Unglück. Verschmerz' ich nicht das Leben und den Tod und die Wunden und Stacheln vorher und bin gewiss nicht schwach? Doch bin ich nicht imstande, einer empfindsamen Rede – oder Klavierphantasie – oder Vorlesung oder Vorsingung Einhalt zu tun, und wenn mir der Schmerz in person eine von allen Göttern unterschriebne Drohung vorhielte, dass eine Zuhörerin, die ich nicht leiden kann, sogleich darauf meine Liebhaberin würde und daraus meine Geliebte und Hölle.
Die Griechen gaben dem Amor und dem tod dieselbe Gestalt, Schönheit und Fackel; für mich ist es eine Mordfackel, aber ich liebe den Tod und darum den Amor. Längst war mir mein Leben eine tragische Muse; gern geb' ich dem Dolche einer Muse die Brust; eine Wunde ist fast ein halbes Herz.
Höre weiter! Rabette hat eine schöne natur und folgt ihr, aber meine ist für sie eine Wolke mit leerer, vergänglicher Bildung und Gestalt; sie versteht mich nicht. Könnte sie es, so vergäbe sie mir am ersten. O, ich habe sie wohl misshandelt, als wäre ich ein Schicksal und sie ich. Zürne, aber höre. In der Illuminationsnacht führte ihre sehnsucht und meine Leerheit im Feuerregen der Freude uns wärmer aneinander – unter den glattgepanzerten und mattgeschliffnen Hofgesichtern blühte ihr aufrichtiges so schön und so lebendig wie ein frisches Kind auf der Bühne und am hof – Wir gerieten in den Tartarus – Wir sassen an der Stelle, wo du mir deinen Verzicht auf Linda geschworen – In meinen Sinnen glühte der Wein, in ihren das Herz – O, warum hat sie, wenn man spricht und strömt, keine andere Worte als Küsse und macht einen sinnlich aus Langeweile – und zwingt zum Sprechen ihrer Sprache? – Meine wahnsinnige Kühnheit, die mir die Phantasie und der Rausch einhauchen und die ich kommen sehe und doch erwarte, ergriff mich und trieb mich wie einen Nachtwandler. – Aber immer ist etwas in mir Hellblickendes, das selber das Zuggarn des Wahnsinns strickt, über mich wirft und mich verhüllt darin führt. – So sieh mich in jener Nacht mit dem brennenden Netz um das Haupt, der Totenbach murmelt zu mir, das Skelett greift durch die Harfe – Aber umschlungen, vergittert, verdunkelt, geblendet vom Feuer-Geflechte der Lust, acht' ich weder Vernichtung noch Himmel noch dich und jenen Abend, sondern ich schlinge alles durcheinander und ins Geflechte – Und so sank die Unschuld deiner Schwester ins Grab, und ich stand aufrecht auf dem Königssarg und ging mit hinunter.
Ich verlor nichts – in mir ist keine Unschuld –, ich gewann nichts – ich hasse die Sinnenlust –; der schwarze Schatte, den einige Reue nennen, fuhr breit hinter den weggelaufenen bunten Lustbildern der Zauberlaterne nach; aber ist das Schwarze weniger optisch als das Bunte?
Verdamme deine arme Schwester nicht; sie ist jetzt unglücklicher als ich, denn sie war glücklicher; aber ihre Seele ist unschuldig geblieben. Bewahrt lag ihre Unschuld in ihrem Herzen wie ein Kern in der steinigen Pfirsichschale; der Kern selber zersprengte in der nährenden, warmen Erde seinen Panzer und drängte sich grünend ans Licht.
Ich besuchte sie nachher. Alle ihre Seelenschmerzen gingen in mich über; zu allen Taten und Opfern für sie fühlt' ich mich leicht; aber zu keinen Empfindungen. Macht, was ihr wollt, du und mein Vater, ich werde mich in diesem dummen Stoppelleben, wo man in der Freiheit so wenig erntet, nicht vollends in das enge dreissigjährige Gehege der Ehe bannen. Bei Gott! für den erbärmlichen erpressten Sinnen-Rausch hab' ich schon bisher und unter ihm mehr ausgestanden, als er wert ist.
Nicht das, was ich gestern bei dir gelesen, gibt mir diesen Entschluss – das frage Rabetten über ihn –, und meine Freimütigkeit gegen dich ist ein willkürliches Opfer, da die Mysterie unter zweien hätte ohne mich eine bleiben können: sondern ich will nicht von dir verkannt sein, gerade von dir, der du, bei so wenigen Reflexen deines inneren, so leicht nachteilig vergleichst und nicht merkst, dass du meine Schwester in Lilar gerade so, nur mit geistigern Armen, opfertest und ihre Augen und Freuden in den Orkus warfst. Ich tadle dich nicht; das Schicksal macht den Mann zum Unter-Schicksal des Weibes. Die Leidenschaften sind poetische Freiheiten, die sich die moralische nimmt. Du hieltest mich doch nicht für zu gut, ich bin alles, wofür du mich nahmest, nur aber noch mehr dazu; und das Mehr-Dazu fehlt dir noch selber.
O, wie fliegt mein Leben schneller, seit ich weiss, dass Sie146 kommt! Das Schicksal, das so oft Gewicht und Räder spielt und den Perpendikel des Lebens mit eigner Hand auswirft, hebt den meinigen aus, und alle Räder rollen der seligen Stunde unbändig entgegen. Sie ist meine erste, meine reinste Liebe; vor ihr riss ich alle meine blühenden Jahre aus und warf sie ihr hin auf ihren Weg als Blumen; für Sie opfer' ich, wag' ich, tu' ich alles, wenn Sie kommt. O, wer in der leeren Schaum- und Gaukel-Liebe nichts fürchtet, was sollte der in der rechten, lebendigen Sonnen-Liebe scheuen oder weigern? – Du Engel, du Würgengel, du flogst herein in mein kahles, ebenes Leben, du fliehst und erscheinst, bald hier, bald da, auf allen meinen Steigen und Auen, o verweile nur so lange,