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Willens, die Fehltritte des Geistes zusammengerechnet und die unersetzliche Verschwendung des Herzens und des Gehirns. Würdest du auf den Boden haben sehen können, ohne dich zu fragen: Ach haben die 1004 Erschütterungen17, die durch mich wie durch das Land hinter mir gegangen sind, mich ebenso befruchtet wie dieses? – O da alle Erfahrungen so teuer sind, da sie uns entweder unsere Tage kosten oder unsere Kräfte oder unsereIrrtümer: o warum muss der Mensch an jedem Morgen vor der natur, die mit jedem Tautropfen in der Blume wuchert, so verarmet über die tausend vergeblich vertrockneten Tränen erröten, die er schon vergossen und gekostet hat? – Aus Frühlingen zieht diese Allmächtige Sommer auf, aus Wintern Frühlinge, aus Vulkanen Wälder und Berge, aus der Hölle einen Himmel, aus diesem einen grösseren – – und wir törichte Kinder wissen uns aus keiner Vergangenheit eine Zukunft zu bereiten, die uns stilltwir hacken wie die Steindohle nach jedem Glanze und tragen die Glutkohle als Goldstück beiseite und zünden damit Häuser anach mehr als eine grosse schöne Welt geht unter in der Brust und lässt nichts zurück, und gerade der Strom der höhern Menschen verspringt, und befruchtet nichts, wie sich hohe Wasserfälle zersplittern und schon weit über der Erde verflattern. –

Albano empfing die Freunde mit vergütender Zärtlichkeit; aber dem Jünglinge wurde mit der Zunahme des Tages so öde und bange wie einem, der seine stube im Gastofe ausgeleeret, der die Rechnung entrichtet und der nur noch einige Minuten in dem rauhen leeren Stoppelfelde auf- und abzugehen hat, bis die Pferde kommen. Wie fallende Körper bewegten sich in seiner heftigen Seele Entschlüsse in jeder neuen Sekunde schneller und stärker; er bat mit äusserer Milde, aber innerer Heftigkeit seine Freunde, noch heute mit ihm abzureisen. – Und so ging er nachmittags mit ihnen von der stillen Kindheits-Insel ab, um durch die Kastanienalleen Mailands eilig auf die neue Bühne seines Lebens und an die Falltüre zu kommen, die sich in den unterirdischen gang so vieler Rätsel öffnet. –

Antrittsprogramm des Titans

Eh' ich den Titan dem flachsenfingischen geheimen Legationsrat und Lehnpropst, Herrn von Hafenreffer, dedizierte: so fragt' ich bei ihm erst so um die Erlaubnis an: "Da Sie weit mehr an dieser geschichte mitarbeiteten als der russische Hof an Voltairens Schöpfungsgeschichte des grossen Peters: so können Sie meinem dankbegierigen Herzen nichts Schöneres geben als die Erlaubnis, Ihnen wie einem Judengotte das zu opfern und zu dedizieren, was Sie geschaffen haben."

Aber er schrieb mir auf der Stelle zurück:

"Aus derselben Raison könnten Sie, wie es Sonnenfels getan, das Werk noch besser sich selber dedizieren und, in einem richtigern Sinne als andere, den Verfasser und gönner desselben zugleich vereinen. – Lassen Sie mich (auch schon des Herrn von ** und der Frau von ** wegen) aus dem Spiele; und schränken Sie sich bloss auf die notwendigsten Notizen ein, die Sie dem Publikum von dem sehr maschinenmässigen Anteil, den ich an Ihrem schönen Werke habe, etwa gönnen wollen, aber um der Götter willen hic haec hoc hujus huic hunc hanc hoc hoc hac hoc."

v. Hafenreffer.

Die römische Zeile ist eine Chiffre und soll dem Publikum dunkel bleiben. –

Was dasselbe vom Antrittsprogramme zu fordern hat, sind vier Namenerklärungen und eine Sacherklärung.

Die erste Namenerklärung, welche die Jobelperiode angeht, treff' ich schon bei dem Stifter der Periode, dem Superintendent Franke, an, der sie für eine von ihm erfundne Ära oder Zeitsumme von 152 Zykeln erklärt, deren jeder seine guten 49 tropischen Mondsonnenjahre in sich hält. Das Wort Jobel setzt der Superintendent voran, weil in jedem siebenten Jahre ein kleines, und in jedem siebenmal 7ten oder 49sten ein grosses Jobel-, Schalt-, Erlass-, Sabbatsoder Hall-Jahr anbrach, wo man ohne Schulden, ohne Säen und arbeiten und ohne Knechtschaft lebte. Glücklich genug wend' ich, wie es scheint, diesen Jobelnamen auf meine historischen Kapitel an, welche den Geschäftsmann und die Geschäftsfrau in einem sanften Zykel voll Frei-, Sabbats-, Erlass-, Hall- und Jobelstunden herumführen, worin beide nicht zu säen und zu bezahlen, sondern nur zu ernten und zu ruhen brauchen; denn ich bin der einzige, der als krummgeschlossener pflügender Fröner an dem Schreibtische steht und welcher Säemaschinen und Ehrenschulden und Handschellen vor und an sich sieht. – Die siebentausendvierhundertundachtundvierzig tropischen Mondsonnenjahre, die eine Frankesche Jobelperiode entält, sind auch in meiner vorhanden, aber nur dramatisch, weil ich dem Leser in jedem Kapitel immer so viel Ideenund diese sind ja das Längen- und Kubikmass der Zeitvortreiben werde, bis ihm die kurze Zeit so lang geworden, als das Kapitel verlangte.

Ein Zykelwelches der Gegenstand meiner zweiten Namenerklärung istbraucht nun gar keine.

Die dritte Nominaldefinition hat die obligaten Blätter zu beschreiben, die ich in zwanglosen Heften in jeder Jobelperiode herausgebe. Die obligaten Blätter nehmen durchaus nur reine gleichzeitige, mit meinem Helden weniger zusammenhängende Fakta von solchen Leuten auf, die mit ihm desto mehr zusammenhängen; auch in den obligaten Blättern ist nicht das kleinste, nur einer Brandblase grosse satirische Extravasat von Ausschweifung ersichtlich, sondern der selige Leser und Lektor wandelt mit den Seinigen frei und aufgeweckt und gerade durch das weite Hoflager und die Reitbahn und Landschaft eines ganzen langen Bandes zwischen lauter historischen Figurenauf allen Seiten von fliegenden Corps, von tätigen Knapp- und Judenschaften, anrückenden Marschsäulen, reitenden Horden