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mehr, ich glaube nichts mehr, ich jammere nicht einmal recht tapfer. Ausgehöhlt, verkohlt vom phantastischen Feuer ist mein Baum. Wenn so zuweilen die Eingeweidewürmer des Ichs, Erbosung, Entzückung, Liebe und dergleichen, wieder herumkriechen und nagen und einer den andern frisset: so sehe' ich vom Ich herunter ihnen zu; wie Polypen zerschneide und verkehr' ich sie, stecke sie ineinander. Dann sehe' ich wieder dem Zusehen zu, und da das ins Unendliche geht, was hat man denn von allem? Wenn andere einen Glaubens-Idealismus haben, so hab' ich einen Herzens-Idealismus, und jeder, der alle Empfindungen oft auf dem Teater, dem Papier und dem Erdboden durchgemacht, ist so. Wozu dients? – Wenn du jetzt stürbest, sag' ich mir oft, so wäre ja alles, da alle Radien des Lebens in den kleinen Punkt eines Augenblicks zusammenlaufen, weggewischt, unsichtbar; mir ist dann, als wär' ich nichts gewesen. Oft sehe' ich die Berge und Flüsse und den Boden um mich an, und mir ist, als könnten sie jeden Augenblick auseinanderflattern und verrauchen und ich mit. Das künftige Leben, da das anwesende kaum eines ist, und alles, was daranhängt, gehört unter die Entzückungen, denen man zusieht; zumal unter einer, in der Liebe.

Da du so leicht jede Verschiedenheit von dir für Entkräftung hältst: so sag' ich dir gerade heraus: steige nur weiter, knete dich nur mehr durch, hebe nur den Kopf aus den heissen Wogen der Gefühle höher, dann wirst du dich nicht mehr in sie zerlaufen, sondern sie allein verwallen lassen. Es gibt einen kalten, kecken Geist im Menschen, den nichts etwas angeht, nicht einmal die Tugend; denn er wählt sie erst, und er ist ihr Schöpfer, nicht ihr geschöpf. Ich erlebte einmal auf dem Meer einen Sturm, wo das ganze wasser sich wütend und zackig und schäumend aufriss und durcheinanderwarf, indes oben die stille Sonne zusah;- so werde! Das Herz ist der Sturm, der Himmel das Ich.

Glaubst du, dass die Romanen- und Tragödienschreiber, nämlich die Genies darunter, die alles, Gotteit und Menschheit, tausendmal durch- und nachgeäfft haben, anders sind als ich? Was sieund die Weltleutenoch reell erhält, ist der Hunger nach Geld und nach Lob; dieser fressende Magensaft ist der tierische Leim, der hüpfende Punkt in der weichen Fluss-Welt und Fliess-Welt. – Die Affen sind Genies unter dem Vieh; und die Genies sindnicht bloss vor höhern Wesen, wie Pope von Newton sagtsondern auch hier unten Affen, im ästetischen Nachmachen, in der Herzlosigkeit, Bosheit, Schadenfreude, Wollust undLustigkeit.

Letztere und vorletztere beding' ich mir aus. Gegen die Longueurs im Lebens-buch, das kein Mensch versteht, gibts nichts als einige lustige Stellen, an die ich nicht mehr denke, sobald ich sie gelesen. Um nur wegzukommen über das höckerige, kalte Leben, will ich doch mir lieber Rosenkelche als Dornenreiser unterstreuen. Die Freude ist schon etwas wert, weil sie etwas verdrängt, eh' man sich mit schwerem haupt niederlegt ins Nichts.

So bin ich; so war ich; da sah ich dich und wollte dein Du werdenaber es geht nicht, denn ich kann nicht zurück, aber du vorwärts, du wirst mein Ich einmalund da wollt' ich deine Schwester lieben! Sie verzeihe es mir! Hier trinke reinen Wein! Ich weiss am besten, wie weit es mit den Weibern gehtwie ihre Liebe beglückt und beraubtwie jede Liebe sich gleich anderem Feuer an viel besserem Holze entzündet als ernährtund wie überall der Teufel alles holt, was er bringt. –

O, warum kann denn keine Frau nur soweit und nicht weiter lieben, als man haben will? Gar keine? – Meinetwegen; überall wollen schlaffe Prediger uns von jeder vergänglichen Lust abhalten durch die nachfahrende Unlust. Ist denn die Unlust nicht auch vergänglich? – Rabette meint' es gut mit mir, aus demselben grund des Wunsches, warum ichs mit ihr und mir so meinte. Aber weiss es denn jemand, welche Fegefeuer-Stunden man mit einem fremden Herzen durchwatet, das voll ist, ohne zu füllen, und dessen Liebe man am Ende hassetvor welchem, aber nicht mit welchem man weint und nie über Gleiches und dem man sich jede Rührung zu entüllen scheuet, aus Furcht, sie in Nahrung der Liebe verwandelt zu sehenaus dessen Zorn man den grösseren Zorn und aus dessen Liebe man den kleinern saugt? – Und nun vollends auf immer in diese Peinlichkeit die heitern Verhältnisse eingeschraubt, die uns sonst über die peinlichen emporhalten sollenauf immer das lang gewünschte Götter-Glück des Lebens in einen platten Schein und Kupferstich verkehrt das Herz in eine Brust und Larvedas Mark des Daseins in spitze KnochenUnd doch bei allen Vorwürfen der Kälte nur ans Schweigen gekettet, unschuldig und stumm auf die Folter gebundenund das eben ohne Ende! –

Nein, lieber den Wahnsinn her, den man aus dem Tempel der Liebe sowohl wie der Eumeniden holt! Lieber recht unglücklich entbrannt, ohne Hoffnung, ohne laut, bis zur Bleichheit und Wut, als so geliebtnicht liebend! – Wer einmal in dieser Hölle brannte, Albano, derfährt immerfort in sie