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unsichtbar neben dem blühenden kind sitzt, das im alten Gemäuer spielt und dem er den schwarzen Skorpion in die zarten Händchen drückt –; es war die Stelle, wo er mit Albano, gegenüber dem Gerippe mit der Äolsharfe, in der ersten Bundesnacht gesessen, als ihm der Freund die Entsagung Lindas beschwor. Seine Zunge strömte wie sein AugeEr war weich, wie nach dem Volksglauben Leichen weich sind, denen Traurende nachsterbenEr warf Feuer-Kränze in Rabettens Herz, aber sie hatte nicht wie er Wortströme zum Löschensie konnte nur seufzen, nur umarmen; und die Männer versündigen sich am leichtesten aus Langerweile an guten, aber langweiligen HerzenSchneller sprangen lachen und Weinen, Tod und Scherz, Liebe und Frechheit ineinander über; das moralische Gift macht die Zunge so leicht als physisches sie schwerDie arme! die jungfräuliche Seele ist eine reife Rose, aus der, sobald ein Blatt gezogen ist, leicht alle gepaarte nachfallen; seine wilden Küsse brachen die ersten Blätter ausDann sanken andereUmsonst wehet der gute Genius fromme Töne aus der Harfe des Todes und rauschet zürnend im Orkus-Flusse der Katakombe heraufUmsonst! – Der schwärzeste Engel, der gern foltert, aber lieber Unschuldige als Schuldige, hat schon vom Himmel den Stern der Liebe gerissen, um ihn als Mordbrand in die Höhle zu tragen. Der Wehrlosen enges, armes Lebens-Gärtchen, worin nur wenig wächst, steht auf dem langen Minengang, der unter Roquairols ausgedehnten Lustlagern wegläuft; und der schwärzeste Engel hat die Minen-Lunte schon angestecktFeurig frisset der gierige Punkt sich weiter. Noch steht ihr Gärtchen voll Sonnenschein, und seine Blumen wiegen sichder Funke nagt ein wenig am schwarzen Pulver, plötzlich reisset er einen ungeheuern Flammen-Rachen auf und das grüne Gärtchen taumelt, zersprengt, zerstäubt, in schwarzen Schollen aus der Luft herab an ganz fernen StellenUnd das Leben der Armen ist Dampf und Gruft. –

Aber Roquairols ausgebreiteten, weiten und zusammengewurzelten Lust-Parks widerstanden dem Erdstosse viel kräftiger. Beide traten dann betrübtdenn dem Hauptmann war eine kleine Laube aufgeschleudertaus dem Miniergange heraus, trafen aber die Blinde nicht mehr an, die suchend sich verlaufen hatte, sondern stiessen nur dem umherirrenden Albano auf, der sehr trauerte und tobte, ob er gleich diesen Abend nichts verloren hatte alsFreuden.

Lasset uns die Betrogne und ihre Mit-Millionen mit einigen Worten vor einen milden Richter führen! – Nicht das allein wird dieser Richter wiegen, dass sie, vom Blütenstaube eines rauchenden FreudenFrühlings betäubt, stumm-erstickt mit dem jungfräulichen Schleier, erlegen dem Sturm der Phantasieda Weiber um so leichter vor der fremden und poetischen fallen, je seltner ihre eigne weht und ihnen das Feststehen angewöhnt –, den Lohn eines ganzen jungfräulichen Lebens sterben liess: sondern das mildert am stärksten das Urteil, dass sie Liebe im Herzen trug. Warum erkennt es denn das Männer-Geschlecht nicht, dass die Liebende in der Stunde der Liebe ja nichts weiter tun will als alles für den Geliebten, dass die Frau für die Liebe alle Kräfte, gegen sie so kleine hat und dass sie mit derselben Seele und in derselben Minute ebensoleicht ihr Leben hingäbe als ihre Tugend? – und dass nur der fodernde und nehmende teil schlecht sei, besonnen und selbstsüchtig?

Das letzte oder siebente Kapitel seines Räuberromans ist sehr kurz und widersprechend. Den dritten Tag besucht' er sie in ihrem Garten, war zärtlich, vernünftig, nüchtern, zurückhaltend, als wär' er ein Ehemann. Da er sie voll Kummer fand, den sie doch nur halb aussprach: so kam er aus Angst für ihre Gesundheit mehrmals wieder; und als diese nicht im geringsten gelitten, blieb erweg. Gegen Albano war er während besagter Angst demütig; und nach derselben wie sonst, aber nicht lange. Denn als seine Schwester, die er vielleicht unter allen Menschen am reinsten liebte, durch Albanos Wildheit erblindete: warf er, eben wegen der Ähnlichkeit der Schuld, auf diesen einen wahren Hass und etwas Ähnliches auf alle dessen Verwandte. Rabette bekam jetzt nichts weiter von ihm als Briefe und Entschuldigungen, kurze Gemälde seiner wilden natur, die freien Spiel-Raum haben müsse und die, einer fremden angeheftet, diese bloss ebensosehr mit der Kette zerschlagen und drücken müsse als sich selber. Alle Einwürfe Rabettens wusst' er so gut zu heben, da sie nur in Worten, und nicht in Mienen und Tränen bestanden, dass er am Ende selber einsah, er habe recht; und der von diesem stürzenden, glatten Maienbaum erschlagnen Maiblume blieb fast nichts übrig als das rechte letzte Wort, nämlich die stumme Lippe, die es dem Mörder nicht erst meldet, dass er das Herz getroffen und zerstöret habe.

88. Zykel

Hier ist Roquairols Brief an Albano:

"Einmal muss es geschehen, wir müssen uns sehen, wie wir sind, und dann hassen, wenn es sein muss. Ich mache deine Schwester unglücklich, du meine und mich dazu; das hebt sich auf gegenseitig. Du verzerrest dich aus meinem Engel immer heftiger zu meinem Würgengel. Würge mich denn, aber ich packe dich auch.

Jetzt sieh mich an, ich ziehe meine Maske ab, ich habe konvulsivische Bewegungen auf dem Gesicht, wie Leute, die genossenen Gift überstanden! Ich habe mich in Gift betrunken, ich habe die Giftkugel, die Erdkugel, verschluckt. Frei heraus! Ich jauchze nicht