1800_Jean_Paul_052_177.txt

um den Trauerwagen zu teeren. Tiefes Rühren und Bewegen wurde' ihm täglich sauerer gemacht und vergället, er musste immer längere und grellere Trauerspiele geben. Da fing er an zu merken, dass die Zunge des Landmädchens nicht eben die grösste Landschaftsmalerin, Seelenmalerin und Silhouettrice sei und dass sie zu ihm wenig mehr zu sagen wisse als: du mein Herz! Er machte deshalb im vierten Kapitel seltnere Besuche; das half wieder viel, aber kurz. Glücklicherweise gehörte die halbe Meile von Pestitz nach Blumenbühl zu Rabettens Schönheitslinien und Strahlen; in der Stadt, in einer Strasse oder gar unter einem dach wär' er zu kalt geblieben vor Nähe.

Die natürlichste Folge aus einem solchen Kapitel ist das fünfte oder das Wechselkapitel, das einige Flammen noch durch den immer schnellern Wechsel von Vorwürfen und Versöhnungen aufbläset, so dass beide sich, wie elektrische Körper kleine, wechselnd anziehen und abstossen. Zuweilen trank er nichts und fuhr sie bloss an, zuweilen nahm er sein Glas und sagte zu ihr: "Ich bin der Teufel, du der Engel." Den grössten Stoss gab seiner Liebe sein Vater durch den Beifall, den er ihr wider Verhoffen schenkte. Dem Hauptmann war gänzlich so, als begeh' er die Silberhochzeit, wenn er einmal die goldne feiere. Im Dienste der Liebesgöttin wird man leichter kahl als grau; er war schon gegen die Silberbraut moralisch-kahl. Zum Glücke trieb er kurz vor dem Flammensonntag in Lilar144 alle Vernachlässigungen und Sünden so weit, dass er am Sonntag imstande war, sie zu verfluchen; nur nach Zürnen und Sündigen konnte' er leichter lieben und beten, wie der kriechende Springkäfer sich nur aufschnellt, auf den rücken gekehrt. Es ist wohl wenigen Lesern aus jenem Sonntag entfallen, wenigstens entgangen, dass Roquairol morgens mit Rabetten im Flötentale gesessendass Rabette da beklommen und einsam gesungenund dass er aufgelöset seinem von der Liebe verherrlichten Freunde aufgestossen. Die Tal-Sache ist natürlich: nach so langem Kühl(nicht Kalt-) Sinnan diesem luftigen, freien Otaheiti-Tagebei so vielem, was er in den Händen hatte (eine fremdeund eine Flasche) – neben ihrem Herzen, so warm und doch so ruhig wie die Sonne drobenneben der einsamen Waisen-Flöte, die er rufen liessund bei seinem herzlichsten Wunsche, von einem solchen Tage und Himmel etwas zu profitieren – – da sah er sich ordentlich genötigt, wahre Rührung vorzuholen, über seine Vergangenheit sich auszulassen (er glich den alten Sprachen, die nach Herder viele Präterita und kein Präsens haben) – ja über seinen Tod (auch ein Bruchstück der Vergangenheit) – und dann wie auf einem Himmelswege weiterzugehen. Freilich ging er nicht weit; er liess wieder sein heil. Januars-Blut flüssig werden, nämlich seine Augen, und also vorher sein eigenes und foderte dann der entzückten, im schönsten Himmel umhergeschleuderten Seele nichts Geringeres ab alsda sie vor dem zugeworfnen Schnupftuch verstummte wie der Kanarienvogel unter dem übergeworfnenein schwaches Singen. Rabette konnte nicht singen, sie sagte es, sie weigerte sich, sie sang endlich; aber sie dachte unter dem leeren Singen an nichts weiter als an ihn und sein wildes, nasses Gesicht.

Das schlimmste Kapitel unter allen, die er in seinen Roman brachte, ist wohl das sechste, das er in der Illuminationsnacht in Lilar niederschrieb. Anfangs hatte' er die stumme, glanzlose Zuschauerin einsam stehen lassen, indem er hinter dem Venuswagen voll fremder Göttinnen nachlief und aufsprang. allmählich kroch eine Freude nach der andern herzu und gab ihm den Tarantelbiss, dem ein krankes Toben folgte. Da Mässigkeit eine wahre stärkende Arzenei des Lebens ist: so nahm er zu dieser kräftigen Arzenei, um sie nicht in immer stärkern Dosen brauchen zu müssen, ungemein selten die Zuflucht und gewöhnte sich durchaus nicht an sie. Endlich erschienen an ihm wie am sinesischen Porzellan145 die Gestalten durch Füllen; er trat mitleidend und liebend zu Rabetten und glaubte mit ihr, gegen sie weich oder gut zu sein, da er es bloss gegen alle war.

Er wollte sie aus dem feindlichen Augen-Heer entführen, um bei ihr den Kuss zu suchen, dem das Verbot und die Entbehrung wieder den Honig gab; aber sie weigerte sich, weil da, wo das Auge aufhört, der Verdacht anfängt, als er zum Unglück die Blinde aus Blumenbühl ansichtig wurde und zur scheinbaren Wache Rabettens rufen konnte, um diese aus der Versuchung unter Menschen in die Versuchung in die Wüste zu führen. Sie ungestüm-liebend an sich drükkend wie niedass die arme, diesen Abend so verlassene Seele über die Wiederkehr aller ihrer Freuden weinteund zu ihr redend wie ein Engel, der wie keiner handelt, gelangt' er mit ihr im stillen Tartarus, wo alles blind und stumm war, unwillkürlich an.

Rabette hatte die Blinde nicht entlassen; aber als sie in den Katakombengang eingingen, der nur zwei Personen fasset, wenn nicht die dritte im wasser schleichen will, wurde die augenlose Magd an die Pforte gestellt, um so mehr da er sich nicht gern von einer überflüssigen Zuhörerin wollte hemmen lassen. Und was war denn mitten im Guckkasten des Grabes auch zu scheuen?

Drinnen sprach er über die überall ausgestreckten Zeigefinger des Todes, "und dass sie hinwiesen, das Leben, so dumm es auch sei, nicht noch dümmer zu machen, sondern lustig". Er setzte sich mit ihr liebkosendwie der Würgengel